21. April 2011 15:27 Uhr

Neues von Jakob: Ich pfeif auf meinen Sohn

Von Carsten Schulte

Rund sechs Wochen alt ist mein Sohn jetzt. Sechs Wochen, in denen ich und Kerstin gelernt haben, etwas weniger an uns selbst zu denken. Beziehungsweise gar nicht mehr. Sondern nur an den Herrn Sohnemann und sein Auskommen. Jetzt pfeife ich auf ihn.

Und das geht so. Im Lauf der vergangenen Wochen hat sich unser Leben in Vier-Stunden-Blöcke eingespielt. Abgesehen von den frühen Morgenstunden und dem frühen Abend lebt und liegt unser Jakob weitgehend friedlich herum. Und starrt. Und lernt hoffentlich aus dem Starren irgendetwas Sinnvolles.

Interessant sind neuerdings die Zeiten, in denen er nicht weitgehend friedlich ist. Sondern einen oder mehrer Wutanfälle durchlebt. Neulich auf dem Wickeltisch beispielsweise. Den eigentlichen Wickelvorgang lässt er großzügig über sich ergehen, die Heizlampe über seinem Pausbacken-Kopf tut ihr Übriges, damit sich der Kleine für das ganze Wickelgedöns erwärmt.

Beim Anziehen jedoch gerät Jakob regelmäßig außer Fassung. Arme in die Klamotten rein? Niemals. Nicht mit mir! Bähhhhh! Uaäähhhhh! Uäahhhhhh!

Aus reiner Hilflosigkeit habe ich jüngst mitten in einen Tobsuchtsanfall hineingepfiffen. So einen einfachen, kurzen Pfiff, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Seine normale Reaktion auf jedwede Ablenkung ist üblicherweise: keine. Er reagiert nicht. Stattdessen ein verdrossenes Uaääääh. Uäähhhh!

Diesmal nicht. Vielleicht war ich mit meinem Kopf nah an seinem Kopf. Die Ursache klein, die Wirkung großartig. Ich pfiff, Jakob verstummte. Gerade noch den Mund zu einem schiefen Winkel geformt, lautstark gröhlend, plötzlich überrascht, die Augen weit aufgerissen, sehr alberner Gesichtsausdruck. Dann, nach dem Schreckmoment, wieder: Uäähhh. Uähhh.

Direkt noch einmal proviert. Geschrei. Pfiff. Glotzen. Stille. Geschrei. Pfiff. Glotzen. Stille.

Kerstin war mittlings dieser Pfiff-Phase vor Lachen auf ihrem Still-Stuhl nach unten gerutscht. Jakob war verwirrt. Papa pfiff.

Seit wir die Wirkung eines Pfiffes entdeckt haben, ist unser Leben bunter. Jakob gewöhnt sich nämlich nicht an die Pfeiferei. Es ist nicht so, dass er erschrickt oder sich wehtut. Er ist einfach unablässig überrascht über das Geräusch und den plötzlichen Luftzug in seinem Gesicht.

Eine handelsübliche Krähe weiß nach dem zweiten Schreckschuss, dass da jemand nur so tut, als ob. Und dass eine Vogelscheuche nicht der Teufel ist, sondern nur ein Strohballen mit Hut. Vögel lernen das. Jakob nicht. Also die Sache mit dem Pfeifen (Vogelscheuchen haben wir an ihm noch nicht getestet.)

Und so haben wir uns dabei ertappt, dass wir Jakob anpfeifen, ob er nun schreit oder nicht. Die Wirkung ist phantastisch. Womit immer der Kleine gerade beschäftigt ist, er ist augenblicklich abgelenkt. Von uns. Und schaut. Und neuerdings beginnt er zu grinsen. Durch einen Pfiff! Einen Pfiff.

Ich werde beginnen, ganze Lieder zu pfeifen, soviel ist mal sicher. Musik wird in mein Leben zurückkehren, Geschrei wird der Vergangenheit angehören, stattdessen ständige Pfeiferei.

Mal schauen, wann mir die Puste ausgeht. Uaääääähhhh!
Quelle: westline


Vater werden ist nicht...
Wie sich das Vatersein so mit dem Leben verträgt, darüber bloggt hier Carsten Schulte. Seine ersten Schritte als Papa. Das kann ja heiter werden...

In den Hauptrollen dieses Blogs:

Carsten - der Papa. Mittlerweile 42 Jahre alt und vollauf damit beschäftigt, dem Nachwuchs hinterherzurennen.
Kerstin - die Mama. jetzt 36 Jahre alt und als Diplom-Psychologin in der Lage, hormonell bedingt zu weinen und dabei über sich selbst zu lachen.
Jakob Benjamin - der Sohn. Geboren am 9. März 2011 um 3.04 Uhr. Hier zu lesen in einer Doppelrolle als Dr. Jekyll und Mr. Hyde.
 
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