Fußball-Mix
Sittenverfall im Fußballgeschäft?

(©istock.com/Andreas Steidlinger)

In den letzten Wochen und Monaten wurde sich so intensiv mit dem Verfall des Kulturgutes Fußball beschäftigt, wie nie zuvor. Eine Debatte, die die Geister scheidet. Spieler halten die Vereine durch Streiks und andere Sperenzchen zum Narren, immer penibel die Verwirklichung ihrer Träume vor Augen. 

Zumindest ist es das, was die Spieler durch ihre Berater in der Öffentlichkeit verlauten lassen. Bestes Beispiel ist Henrikh Mkhitaryan, der mit seinem Wechsel zu Arsenal London bereits zum dritten Mal innerhalb von fünf Jahren seine Träume verwirklichen konnte.

Mkhitaryan ist zweifelsfrei ein begnadeter Kicker, aber Fans von Arsenal London freuen sich neben dem Armenier über den ebenfalls in diesem Winter zu den Gunners gewechselten Aubameyang. Das Duo wechselte 2013 zu Borussia Dortmund und bombte in der Saison 2015/16 mit wettbewerbsübergreifend 62 Toren und 44 Vorlagen alles in Grund und Boden. Zahlen, die einen Wechsel zu einem Top-Club rechtfertigen würden. Doch es stellen sich zwei fundamentale Fragen: Ist Arsenal London tatsächlich einer der größten Clubs der Welt, der dieselbe Strahlkraft wie Real Madrid besitzt, von deren Glanz der Gabuner bereits vor einiger Zeit angetan war und sich lange die hartnäckigsten Gerüchte bezüglich eines Wechsels in die spanische Landeshauptstadt hielten, und warum geht jeder Vereinswechsel mit einem wahren Affenzirkus einher, der sowohl die Fans als auch die Führungsetage erzürnt und auch in der Mannschaft für Unruhe sorgt.

Der Tropf(en), der das Fass zum Überlaufen brachte

Vor diesem Sommer schien die Fußballwelt noch in Ordnung zu sein. Der bis dato teuerste Spieler aller Zeiten war Paul Pogba, der 2016 für damalige Verhältnisse schwindelerregende 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United gewechselt war. Ein Transfer, der aufgrund seiner Größenordnung für viel Aufsehen und Gesprächsstoff gesorgt hat. Aber an sich waren sich alle einig: So kann es nicht weitergehen. Nur Pogbas Berater Mino Raiola, der wie der Zufall es so will auch Mkhitaryan vertritt, lachte sich ins Fäustchen und lies vor seinem geistigen Auge die Geldzählmaschine rattern. 49 Millionen Euro erhielt er laut Football Leaks allein als Honorar für den erfolgreichen Transfer von Juventus zu United.

Im Sommer 2017 war es Paris Saint-Germain, die den brasilianischen Superstar Neymar durch eine vertraglich festgelegte Ausstiegsklausel in Höhe von 222 Millionen Euro vom FC Barcelona verpflichtete. Als hätte die Summe selbst nicht schon für genug Schlagzeilen gesorgt, so waren es die Begleitumstände, mit denen PSG versuchte, das Financial Fairplay zu umgehen: Neymar zahlte die Ablöse an Barcelona aus eigener Tasche und bekam im Gegenzug als Botschafter für die WM 2022 in Katar rund 300 Millionen Euro von Qatar Sports Investments, einem Staatsfond des Emirats und gleichzeitig Anteilseigner an Paris Saint-Germain.

Es war dieser in völlig neue Dimensionen vorstoßende Transfer, der ein Karussell in Gang setzte, dass die Top-Clubs in Europa aufwirbeln sollte. Als Ersatz für Neymar wurde von Barcelona im Sommer Ousmane Dembéle aus Dortmund, jetzt in der Winterpause Philippe Coutinho von Liverpool verpflichtet. Nur zwei von vielen weiteren Transfers in diesem Jahr, die durch eigens verschuldete Unruhen in ihren Clubs forciert wurden. Sowohl Coutinho als auch Dembélé traten in einen Trainingsstreik, um Druck auf ihre Vereine aufzubauen. Moralisch höchst verwerflich – aber am Ende erfolgreich. Einmal mehr wurde bewiesen, dass die Spieler ihre Vereine nach Belieben an der Nase herumführen können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Verträge sind lediglich noch hochdotierte Blanko-Schecks. Spielerisch sind die Jungs, das muss man ihnen lassen, schlicht und ergreifend Weltklasse. Aber egal wie stark ausgeprägt die Anlagen sind, erst Moral und Disziplin machen aus einem talentierten Spieler den Star, der er sein möchte.

Die Vorbildfunktion

"Money Makes the World Go Round", auch im Fußball. Hier dreht es sich vorranging um das Gehaltsgefüge, die Ablösesummen und die Verteilung der Fernsehgelder. Die Blase ist mittlerweile so stark aufgebläht, dass als Privatperson selbst das Abräumen von gleich mehreren Jackpots im Casino nicht ausreichen würde, um auch nur das Jahresgehalt eines Fußballers aufwenden zu können. Doch durch den Sittenverfall im Fußball sind eben jene Tugenden in Gefahr, die durch den Sport vermittelt werden sollten. Grade für Jugendliche, deren große Vorbilder die Ronaldos und Messis dieser Welt sind, ist die Gefahr hoch, sich nicht nur an den Frisuren, den Autos und bunten Schuh-Modellen der Profis, sondern auch an ihrem Verhalten abseits des Platzes zu orientieren. Ein Verhalten, das fragwürdiger nicht sein kann. Ohne mit der Wimper zu zucken wird wiederholt gelogen oder Tatsachen verdreht. Dass dadurch Werte wie Ehrlichkeit und Teamfähigkeit mit Füßen getreten werden, nehmen die Profis billigend in Kauf. Es scheint ganz so als wäre die Büchse der Pandora geöffnet worden. Ob und wie dem Trend entgegengewirkt werden kann, weiß einzig und allein der Fußballgott.

Bild: ©istock.com/Andreas Steidlinger