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Interview
RWE-Präsident Michael Welling: "Die Liga-Struktur ist ein Schandfleck des deutschen Fußballs"

Prof. Dr. Michael Welling, Rot-Weiss Essen (Foto: Schulte)
Rot-Weiss Essen möchte zeitig raus aus der Regionalliga. (Foto: dpa)
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Essen – Rot-Weiss Essen. Das hat Tradition. Das ist immer noch ein großer Namen im Westen. Und der Klub treibt seine Zukunftsplanung voran. Auf einer Mitgliederversammlung wurde beschlossen, dass der Vorstand ein Konzept zur Ausgliederung der ersten Mannschaft erstellen soll. Darüber, aber auch über die Aufstiegsregelung zur 3. Liga und die Finanzplanung hat Florian Dellbrügge mit Klub-Präsident Michael Welling gesprochen.

Herr Welling, auf der Mitgliederversammlung am vergangenen Wochenende wurde beschlossen, dass Sie ein Konzept für die Ausgliederung der Profimannschaft erstellen dürfen. Wie geht es jetzt weiter?
Das Thema Ausgliederung ist natürlich eines, welches Fußballvereine schon länger beschäftigt. Viele haben es schon gemacht und auch bei uns ist das immer mal ein Thema gewesen.  In den letzten Monaten nun haben wir uns etwas intensiver damit beschäftigt. Schon vor der Versammlung am Sonntag haben wir mehrere Infoveranstaltungen dazu gemacht und die Fans informiert, was das alles bedeutet. Stichwort: Was heißt Ausgliederung, welche Gesellschaftsformen kommen in Frage, was hat das ganze mit Investoren zu tun und wie es mit 50+1? Wir haben auch Experten von Außerhalb eingeladen. Und wir haben auch Vertreter aus anderen Klubs eingeladen. Da waren Kollegen aus Bielefeld, aus Osnabrück, Aachen und Bochum da. Jetzt am Sonntag haben wir aber erst einmal entschieden, dass wir als Aufsichtsrat und als Vorstand von der Mitgliederversammlung beauftragt werden, dass ganze Thema detaillierter aufzuarbeiten.

Und das heißt?
Die einzige Vorentscheidung die gefällt ist: Wenn wir eine Ausgliederung vornehmen, dann in eine Kapitalgesellschaft, welche die Rechtsform KGaA hat. Mit einer zwischengeschalteten Komplementär-GmbH. In der Detailarbeit geht es darum, wie sehen die Satzungen aus? Und wie gehen wir mit dem Thema 50+1 um? Das wird sicher irgendwann der Geschichte angehören was Verbandsvorgaben angeht. Und wenn wir Investoren beteiligen, welche Schutzmechanismen haben wir und wie können wir die Mitbestimmungsrechte der Mitglieder wahren, auch wenn wir in eine Kapitalgesellschaft ausgliedern? Das steht jetzt an. Wir werden diverse Workshops mit Mitgliedern machen um das zu erläutern und dann ein Gesamtkonzept erstellen, um das dann irgendwann vielleicht einer Mitgliederversammlung vorzustellen.

Sie sagen jetzt irgendwann. Gibt es denn schon einen konkreten Zeitplan?
Nein, die Sache ist jetzt erst einmal in Arbeit und es gibt keinen Zeitrahmen dafür. Das liegt an mehreren Dingen. Wir müssen ja auch gucken wie viele Resourcen wir dafür haben. Man darf da nicht vergessen, dass wir ein Viertligist sind. Wir haben natürlich keine 20 Leute hier rumlaufen, die sich jetzt nur dieser Sache widmen. Und die andere Sache: Es kann sein, dass in diesem Prozess über bestimmte Dinge intensiver diskutiert werden muss. Und da jetzt einen festen Zeitplan zu nennen geht nicht. Wir werden sehen wie viel Zeit dafür benötigt wird und auch, wie die Mitglieder sich einbringen. Gleichzeitig sage ich aber auch, dass wird jetzt kein Thema, welches wir erst einmal drei, vier oder fünf Jahre zur Seite legen. Weil die Leute sich damit schon länger beschäftigen werden wir schon im nächsten Jahr konkreter daran arbeiten. 

Und was erhofft RWE sich durch eine potenzielle Ausgliederung? Einfach mehr Möglichkeiten, ist das der moderne Schritt den man gehen muss, oder was ist der Plan in Essen?
Moderner Schritt im Fußball? Das wäre mir zu einfach. Es geht ja nicht darum, dass man Moden hinterherhechelt. Man muss schon nach den Motiven fragen. Und die sind einfach breit gefächert. Es geht um Haftungsfragen, den Schutz des Vereins. Wir sehen viele Insolvenzen bei anderen Vereinen und wir haben ja auch schon eine hinter uns. Und wir können den Idealverein schützen, wenn wir den kapitalorientierten Teil ausgliedern. Und wir selbst gehen schon auch davon aus, dass wenn wir eine Kapitalgesellschaft gründen, wir auch Investoren beteiligen können. Und wir dadurch dann Partner gewinnen, die uns auch Möglichkeiten verschaffen, den Aufstieg etwas wahrscheinlicher realisieren zu können. Denn natürlich ist es als Rot-Weiss Essen unser Ziel, wieder in die 3. Liga oder auch die 2. Bundesliga aufzusteigen. Wir geben uns nicht damit zufrieden in der 4. Liga verankert zu sein. Das kann und darf nicht unser Anspruch sein.

Das ist ein gutes Stichwort! Die Regionalliga ist nicht die Wunschliga vieler Vereine und es entstehen Schwierigkeiten. Aachen ist gerade wieder in die Insolvenz gegangen, andere Vereine haben Bauchschmerzen bei der Planung der Saison. Essen möchte schnell aus der Liga wie Sie sagen. Wie schnell ist das denn möglich?
Das ist ja jetzt wie der Blick in die Glaskugel. Klar, wir wollen so schnell wie möglich aus der Liga. Aber neben uns gibt es in dieser Liga mindestens noch fünf bis zehn andere Vereine die das auch wollen. Das wird dann sportich entschieden und man muss natürlich auch den wirtschaftlichen Rahmen bilden. Da lässt sich seriös nicht sagen, wie lange ein Aufstieg dauert. Wir haben das Projekt "Hoch Drei" ausgerufen, weil wir - klar - erst einmal in die 3. Liga wollen. Aber wir müssen auch nach den Wettbewerbern gucken und welche finanziellen Mittel diese haben. Bevor Red Bull auf den Plan getreten ist, wird sicher der ein oder andere Viert-, Dritt- oder Zweitligist Aufstiegsambitionen gehabt haben, die dann durch die Finanzkraft von Red Bull zunichte gemacht wurden. Mit ähnlichen Themen müssen wir uns auch auseinandersetzen.

Wie meinen Sie das?
Ich gucke mal nach Rödinghausen. Wenn man sich die Neuzugänge anschaut, dann müssen die ja ein hohes Gehalt zahlen. Die haben sehr tiefe Taschen mit einem großen Unterstützer. Das ist dann ein Wettbewerber, der sicher auch große sportliche Ambitionen hat. Wir gucken nach Üerdingen, wo ein Russe gerade sehr, sehr viel Geld zur Verfügung stellt. Sowas muss man immer auf dem Zettel haben. Da sind viele Vereine mit großen Ambitionen. Da gehören wir auch dazu. Wir haben vielleicht nicht die besten wirtschaftlichen Möglichkeiten, aber andere Qualitäten.Da können wir schon auch selbstbewusst in die neue Saison gehen. Wo wir am Ende landen werden wir dann sehen.

Im Zusammenhang der anderen Möglichkeiten: Es gibt das Pokalspiel gegen Mönchengladbach, welches ja auch aufgrund des Klanges schon die Möglichkeit der Free-TV-Übertragung mit sich bringt, und vorher einen Test gegen Borussia Dortmund. Das sind ja schon zwei Spiele mit größerem Potenzial. Wie wichtig sind diese Dinge in der Etatplanung, oder ist das einfach ein finanzielles Zubrot?
Die Fernsehübertragung hätte keinerlei finanzielle Bedeutung. Das war vor ein paar Jahren noch anders, aber das wurde geändert. Alle Bundesliga-Teilnehmer am DFB-Pokal erhalten das gleiche Geld und Vereine, die sich durch die Amateurpokale qualifiziert haben erhalten unterschiedliche Ausschüttungen. Für uns ist es schön, dass wir den Pokal erreicht haben. Das wissen wir ja jetzt glücklicherweise schon ein bisschen länger. Das hilft uns natürlich, dass Budget noch einmal ein bisschen zu verändern. Aber die Planung beginnt natürlich viel eher, da spielt der Pokal dann keine Rolle. Was das Freundschaftsspiel gegen Dortmund angeht. Natürlich freut es uns, so einen Gegner zu bekommen. Aber wir haben natürlich jedes Jahr diverse Freundschaftsspiele und versuchen natürlich auch an der ein oder anderen Stelle, diese zu kapitalisieren. Das ist in der Budgetplanung jedes Jahr als Posten vorgesehen. Da schaffen wir es auch eigentlich jedes Jahr ganz, ein paar Zusatzerlöse zu generieren.

Was in Sachen Finanzen sicher unangenehm ist, sind Strafen wegen des Fehlverhaltens der eigenen Fans. Wenn ich das richtig auf dem Schirm habe, dann mussten Sie 80.000 Euro Strafgelder zahlen...
Das ist so nicht ganz richtig. Wir hatten 80.000 Euro Kosten. Auch durch Vorgaben des Verbandsgerichtes. Das muss man deswegen differenzieren, weil die Summe teilweise Verbandsstrafen sind, aber auch Auflagen. Wir mussten zum Beispiel ein Fangnetz installieren. Die Kosten für Anschaffung und Installation sind in den 80.000 Euro enthalten. Von daher sprechen wir über die Kosten die durch Fehlverhalten in der vergangen und vorvergangen Saison entstanden sind.

Jetzt gibt es in dieser Sache schon seit längerem Diskussionen, ob man Fans haftbar macht, wenn man ihnen klar nachweisen kann, dass sie sich entgegen der Stadionordnung benommen haben. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Das machen wir. Es ist natürlich eine große Herausforderung die Leute zu identifizieren. Aber wenn wir jemanden haben, der sich nachweislich daneben benommen hat, dann gehen wir zivilrechtlich dagegen vor. Dann versuchen wir natürlich uns das Geld wiederzuholen.

Und die letzte Frage jetzt: Sie haben sich im März mit einem offenen Brief an den DFB gewandt und sich über die Aufstiegsregelung in der Regionalliga ausgelassen. Gab es dazu inzwischen eine Antwort? Sie haben ja zuletzt beispielweise über die 11Freunde ein anderes Ligamodell vorgeschlagen.
Es gab eine kurze Antwortmail mit den gleichen Argumenten die da immer kommen. Aus meiner Sicht wird damit aber auf die Sache gar nicht eingangen. Es gibt immer mal Diskussionen mit Verbandsvertretern. Aber die sind aus meiner Sicht nicht wirklich lösungs- sondern immer mehr problemorientiert. Das hilft natürlich nicht. Ich bleibe dabei, dass diese gegenwärtige Ligastruktur ein Schandfleck des deutschen Fußballs ist. Das würde ich schon so formulieren wollen. Das ist eine Struktur mit der niemand glücklich ist. Und wenn man konstantiert, dass niemand glücklich und auch die Vertreter der Verbände sagen, dass es nicht optimal ist, dann muss man Lösungen finden. Und nicht immer damit Anfngen, die Alternativen zu problematisieren. Denn das kann man immer, aber man muss halt Lösungen im Sinne der Vereine und der Fans finden. Aber da ist die Bewegung des Verbandes bei weitem nicht so intensiv wie bei uns. Damit meine ich die Vereine. Dieses Thema das Meister nicht direkt aufsteigen ist einfach eine unglaubliche Farce und eine Unfairness. Wenn man sich als DFB Fair Play auf die Fahnen schreibt, dann muss das auch für die Aufstiegsregelung gelten. Das tut es aktuell nicht. Das finde ich beschämend.

 


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