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Über Pyro
Wenn sich der Derby-Rauch verzogen hat...

Pyro bei den Preußen (Foto: Sebastian Sanders)

Münster – Jetzt hat's also wieder geraucht im Preußenstadion. Über Monate war Ruhe, lediglich auswärts fackelten die Preußenfans gelegentlich. Eine Art selbstauferlegte Beschränkung, die aber zum Derby aufgehoben wurde. Und jetzt?

Nähme man das Thema wie es ist, bräuchte es kein weiteres Wort. Die Grenzen zwischen Recht und Selbstverständnis sind so klar, dass eine Diskussion an keinem Punkt mehr neue Erkenntnisse bringt. Es sind immer nur die gleichen Argumente zu immer neuen Anlässen. Insofern stellt sich die Frage: Muss man das Thema jedesmal wieder anfassen?

Es ist ja eigentlich witzlos. Rauch und Bengalos gehören für viele Ultras zum Support wie die schicken Choreos, über die alle immer erfreut sprechen und die gemeint sind, wenn von "friedlichen Fußballfesten" die Rede ist. Man kann über diese Tatsache unterschiedlicher Meinung sein, es ändert aber nichts an ihrem Bestand.

Was soll also die weitere Auseinandersetzung damit? Das ist, als wollte man einem Kohlkopf ausreden, beim Kochen zu müffeln.

Die Schöne und das Biest

Als Dekoration und belebendes Element sind die Ultras immer gern gesehen von "neutralen" Fans, von Medien und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). So eine schmucke und farbenprächtige Kurve wie am Samstag im Derby gegen Osnabrück: Schwarz-weiß-grüne Fahnen, dazu die Stadtfarben Münsters - toll. Wunderschön. Was für eine jovle Arbeit. Applaus, Applaus.

Bis dann der erste Rauchtopf alles in Qualm taucht. Und zwischendrin etwas brennt. Das ist dann die böse Seite. Jetzt sind es Chaoten. Das sind diese Leute, über die bei Fernsehübertragungen die Reporter seufzend raunen "Das sind jetzt natürlich Bilder, die wir nicht sehen wollen im Fußball..."

Es sind natürlich noch immer die selben Fans, die vorher Stunden und Stunden auf die bunten Choreos verwandt haben. Die jetzt aber diese böse Fratze zeigen und den Fußball, den alle anderen wirklich lieben, zerstören.

Es ist schwierig, in diesem Spannungsfeld die Logik nicht aus den Augen zu verlieren.

Verboten. Trotzdem.

Es ist im Grunde auch unergiebig, über die Sache zu sprechen. In allen Stadien Deutschlands sehen die Hausordnungen ein Verbot von Pyrotechnik vor. Recht und Gesetz schlagen eigenen Willen. Der DFB hat keine Lust, über eine Aufweichung zu diskutieren. Die Polizei schon gar nicht. Für beide bleibt es dabei: Wer zündelt, ist ein Straftäter. Das Problem: Es interessiert einfach keinen dieser "Täter". Das ist die Macht des Faktischen: Verboten, aber trotzdem.

Das emotionale Argument, dem eigenen Verein zu schaden, wird nicht verfangen. In den Augen vieler Ultras (vielleicht sogar "normaler" Fans?) rinnt das Geld den Vereinen doch ohnehin an ganz anderen Stellen durch die Finger. Verglichen mit Abfindungen für entlassene Trainer oder Sportdirektoren sind die DFB-Strafen für Pyrotechnik fast lächerlich gering. Und ausgerechnet in diesem Lichte sollen Strafen über 5.000 Euro oder mehr eine Abschreckung darstellen?

Man kann, so einfach ist das, dieses Thema nicht zufriedenstellend beenden. Da kann der DFB noch so drastische Strafen aussprechen, kann ganze Fanszenen aussperren, kann Geisterspiele veranlassen - das ist im Grunde alles nur ein lächerlicher Versuch, einen Stein mit Luftballons zu zerstören. Kein einziger Bengalo wird weniger gezündelt, nur weil da in Frankfurt ein Verband mit Geldstrafen oder Blocksperren droht. Ein interner Bewusstseinswandel durch äußeren Druck? Das kennzeichnet doch den ganzen Widersinn überhaupt.

Das einzige Szenario, das dadurch verstärkt wird, ist eine noch stärkere Reaktanz in der Ultra-Szene. Wir gegen die - das ist doch ohnehin schon das festgemauerte Bild in den Köpfen der Kurve.

Um das deutlich zu sagen: Extreme sind hier nicht das Thema. Extreme wie der vorsätzliche Irrsinn von Menschen, Böller oder Pyro gezielt auf Menschen oder in Menschengruppen zu werfen. Das ist ein Extrem, das nirgends funktionieren kann und darf. Wer so handelt, schließt sich aus jeder Diskussion aus - aber das sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Ärgernisse aber wie Johannes B. Kerner? Einer, der Schaufensterpuppen in Brand setzt, sie "Kinder" nennt und über die Gefahren von 2000 Grad heißen Flammen schwadroniert und damit billigen Studio-Applaus erntet? So jemand bringt das Thema auch kein Grad weiter.

Ist das eine Kapitulation? Ja und nein.

Es gibt ja immerhin drei Möglichkeiten.

Alle raus!

Die Verbände und die Ordnungsbehörden könnten konsequent handeln und die Vereine zwingen, einfach komplette Fanszenen oder Kurven aus dem Stadion zu verbannen. In Münster müsste dann die gesamte Fiffi-Gerritzen-Kurve raus, die Deviants gleich mit, alle raus. Die Ostkurve bliebe künftig gesperrt, ganz einfach dicht, leer. Aus die Maus. Übrig bliebe ein verwirrtes Stadionpublikum und - da muss man ehrlich sein - eine lange, lange Zeit ziemliche Stille.

Vielleicht wüchse aus dieser Stille etwas Neues, das mag sein. Aber sicher nicht heute, sicher nicht morgen. Vorerst bekäme jeder Verein - in Münster und überall sonst - sein Red-Bull-Salzburg-Publikum. Testspiel-Flair im Ligabetrieb. Der Sport als neues Familien-Happening? Es wäre sehr spannend zu sehen, wie sich der Fußball veränderte.

Und was wäre eigentlich gewonnen? Wieviele Verletzte hat Pyrotechnik überhaupt auf dem Kerbholz? Das ist eine schwierige Frage und in gewisser Weise ein Totschlagargument. Jeder, der mit einem Hustenkrampf nach Rauch zum Sanitäter musste, wird den Kopf schütteln. Jeder Vater oder jede Mutter, deren Kind brennende Feuertropfen nach einer misslungenen Pyro-Einlage abbekommen hat, wird den Kopf schütteln. Und dennoch: Wie angemessen ist die öffentliche, mediale Hysterie nach jedem Rauchtopf und jedem Bengalo eigentlich?

Erfolg durch Verbote?

Nein - es muss nicht erst so weit kommen. Natürlich nicht. Das ist aber auch eine Glückskeks-Weisheit. Nichts "muss" erst so weit kommen. Und trotzdem lässt sich nichts im Leben wirklich sicher machen durch Verbote oder durch Regeln. Man kann immer nur bewerten, was "ist".

Noch ein Totschlagargument: Die Zahl der wirklich durch Pyrotechnik verletzten Menschen im Fußball ist mikroskopisch klein. Das macht den einzelnen Fall nicht weniger schlimm - und darf auch keine Ausrede sein. Es ist aber nun einmal Teil der Realität. Es ist nicht einmal notwendig, auf die zahllosen Schützenfeste zu verweisen, auf betrunkene Karnevals-Randalierer, auf die Gefahren, die sich beim abendlichen Disco-Besuch ergeben. Das Verhältnis zwischen öffentlicher Empörung und tatsächlichem Schaden ist schief, sehr schief.

In der Saison 2013/2014 wurden in den drei höchsten deutschen Ligen 161 Menschen durch Pyrotechnik verletzt (davon 127 Polizeibeamte), aber 168 durch den Einsatz von "Reizstoffen", also Pfefferspray. Das sind Zahlen aus dem offiziellen Polizeibericht der "Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze" (ZIS) - und sie sind ins Verhältnis zu setzen zu 18 Millionen Zuschauern in der Saison 2013/2014.

Lässt man die verletzten Polizeibeamten einmal außen vor, die ja nicht durch unsachgemäßen Umgang mit Pyrotechnik verletzt wurden, sondern durch ihren berufsbedingten Einsatz in kritischen Situationen, wurden in der vergangenen Spielzeit exakt 37 Menschen verletzt - "Pyroanwender" wie völlig Unbeteiligte.

Die Diskussion über Pyrotechnik ist also häufig eher eine im Konjunktiv. Was könnte passieren! Was wäre, wenn! Ihr reales Gesicht ist einfach nicht so schrecklich wie die hässliche Fratze im Kopf.

Noch einmal darüber reden. Und verändern?

Der zweite Weg wäre, was immer wieder gefordert wird - und was zugleich so gut wie unmöglich ist. Eine erneute ernsthafte Debatte. Sinnlos, oder? Solange Hausrecht und Strafrecht sind, wie sie sind, erübrigt sich eine Diskussion ja fast, noch ehe sie begonnen hat.

Es müsste eine Änderung des Rechts her - was ja genau das Ziel vieler Fans sein soll. Aber das sagt sich leicht und es ist auch ein bisschen heuchlerisch. So weit käme es ja noch, dass Pyro künftig in irgendeiner Art "gesicherter Schutzzone" durch geschulte "Pyrotechniker-Fans" durchgeführt würde. Pyro-Pässe für "Vorbrenner"? Glaubt das jemand? Zur Pyro gehört doch, dass sie im Block stattfindet, dass darin die Fahnen wehen und die Kurve "brennt".

"Pyro in der Box" wäre nicht das Gleiche, wäre steril, würde augenblicklich die Faszination verlieren, die in den Kurven so ersehnt ist. Wer heute die Forderung formuliert, man müsse eben das Recht ändern, der tut dies vielleicht wider besseres Wissen. Oder ist schlicht auf dem Holzweg.

Reizvoll ist, was verboten ist. Nur durch das Verbot ergibt sich die Möglichkeit, eine Gegenposition einzunehmen. Gesetzlich zugelassene, von Vereinen zugewiesene Pyro-Zonen in Stadien würden ganz neue Fragen aufwerfen, aber sie würden eben kein Problem lösen. Das muss auch klar sein.

Also weiterfeuern!?

Wenn die Option "alle raus" nicht ankommt und eine Domestizierung von Pyro nicht funktionieren kann, bleibt ganz simpel noch Achselzucken. Die schlichte Erkenntnis: Die gute Seite (Choreos) gehört wie die böse Seite (Pyro) zur Fanszene dazu. Das muss man nicht beklagen, denn das wäre sinnlos. Wer eine tolle Choreo feiert, feiert damit zugleich immer auch die "Chaoten".

Also nimmt man es eben hin, dass der DFB eine Blocksperre verordnet. Man zahlt die Strafen, die man vorsorglich im Etat eingeplant hat ("sonstige Ausgaben") und wenn ein Geisterspiel angesetzt wird, dann spielt man es wie zuletzt Dynamo Dresden.

Wenn der DFB es auf die Spitze treiben wollte, dann sperrte er einen Verein einfach vollständig für den sportlichen Wettbewerb. Das wäre eine sehr spannende Geschichte zu beobachten, wie (oder ob überhaupt?) sich dieses Vorgehen eskalieren ließe. Vermutlich wird das keine Option sein. Nicht einmal Dynamo Dresden in seinen schlimmsten Zeiten wurde vom Spielbetrieb ausgeschlossen - nur mal proforma aus dem DFB-Pokal. Hat sich danach etwas geändert? Eben.

Vereine sind machtlos

Also einfach alle machen lassen? Nun ja, welche Optionen gäbe es denn sonst? Die Vereine, die von Polizei und DFB gerne in die Verantwortung gerufen werden - was sollen diese Vereine denn tun? Sie setzen um, was machbar und realistisch ist. Es ist aber glattwegs dumm, den Vereinen irgendeine Verantwortung aufzubürden für die menschliche Natur. Und was sonst als die menschliche Natur spielt sich da ab? Es gehört zum Prozess des Erwachsenwerdens dazu, sich zu reiben an Regeln und "Obrigkeiten". Das bedeutet nicht, dass es nicht immer wieder Ermahnungen und Strafen geben muss - aber sie wirken immer nur für einen Augenblick und im nächsten sind sie vergesssen. Einen nachhaltigen Lerneffekt wird es hier nicht geben und die Lage heute ist ein deutlicher Beleg dafür. Gäbe es einen Lerneffekt, wäre er zu sehen, so einfach ist das.

Und das bedeutet - so unbefriedigend das scheinen mag - eine ganz einfache Konsequenz. Es gibt Probleme, die sich nicht lösen lassen. Es gibt aber sehr wohl Probleme, die ihre Schärfe verlieren, wenn der Umgang mit ihnen entspannter wäre.

Deeskalieren. Abrüsten. Entkriminalisieren. Das scheint der einzig mögliche Weg zu sein.

 

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