printlogo
Preussen Header
Der neue Preußen-Trainer Pavel Dotchev im Gespräch mit seiner Mannschaft. Foto: Witte

Interview

Pavel Dotchev: "Ich erwarte Gruppendynamik"

02. Februar 2012 10:01 Uhr von Thomas Rellmann

Münster Gerade mal eine gute Woche ist vergangen, seit Pavel Dotchev seinen Posten bei Preußen Münster angetreten hat. Der neue Chefcoach fühlt sich merklich wohl in seiner neuen Umgebung, das bekundet er gern, das lässt er jeden spüren. In seiner Kabine hat er sich längst eingerichtet, die täglichen Anfahrten aus Paderborn machen ihm nichts aus. Hauptsache Fußball – so denkt der 46-Jährige. Im Interview spricht er über seinen neuen Job als Preußen-Trainer.

Hat Sie der Profi-Alltag in Münster schon wieder voll vereinnahmt?
Dotchev: Ja, total. Ich habe wenig Zeit zum Nachdenken vor lauter Arbeit und fühle mich, als wäre ich schon immer da gewesen. Das liegt auch daran, dass die Mannschaft toll mitzieht. Das werte ich mal als ein gutes Zeichen.

Wie haben Sie die erste Trainingswoche gestaltet?
Dotchev: Wichtig war mir, die Stärken und Schwächen auszumachen, um zu wissen, wo ich bei wem nachlegen kann. Aber es wäre unseriös zu sagen, das reicht für ein komplettes Bild. Das Kennenlernen ist ein Prozess.

Legen Sie daher auch derzeit großen Wert auf Spielformen und Ballarbeit?
Dotchev: Ja, auch. Die Spielformen sind sehr intensiv, daher versuche ich sie zu dosieren.

Ist es ein Problem, dass Sie die Vorbereitung nicht mit dem Team absolviert haben?
Dotchev: Klar ist, dass wir schnell funktionieren müssen. Ich habe viele Dinge vor, die sich so schnell nicht umsetzen lassen. Etwa die Standards, über die Münster viele Gegentore kassiert. Aber bei dem Wetter würden sich ja alle erkälten, wenn wir nur Ecken und Freistöße üben. Jammern möchte ich dennoch nicht.

Die Fitness scheint aber zu stimmen.
Dotchev: Absolut, so ist der Eindruck.

Sind Sie auf ein funktionierendes Team getroffen?
Dotchev: Das Fundament ist sehr gut. Aber man darf nicht vergessen, dass die Mannschaft von den letzten zehn Spielen nur eins gewonnen hat. Diesen Trend muss ich anpacken. Mit diesem Trend steigt man ab.

Schafft es das Team schon, Ihre Vorstellungen von Spielkontrolle umzusetzen?
Dotchev: Ich hoffe, das klappt möglichst bald. Meine Denkweise lautet: Solange der Ball in den eigenen Reihen ist, kassieren wir kein Gegentor. Ich will den Gegner mehr kontrollieren, keinen offenen Schlagabtausch. Das Material dazu ist vorhanden.

Ist es schwierig, das System in der Saison von 4-2-3-1 auf 4-4-2 umzustellen?
Dotchev: Das System ist ja relativ. Während des Spiels ändert es sich tausend Mal. Schaltet sich der rechte Verteidiger mit nach vorn ein, haben wir plötzlich eine Dreierkette. Es gibt zwei Phasen, Ballbesitz oder eben nicht. Und auch dann ist das 4-4-2-System nur eine Ausrichtung.

Setzen Sie denn auf eine Doppelsechs oder eher auf eine Raute?
Dotchev: Gegen den Ball sehe ich zwei Sechser, wenn wir angreifen schiebt sich einer davon vor zu einer Raute.

Planen Sie mit zwei Mittelstürmern oder eher einer hängenden Spitze?
Dotchev: Wenn zwei zu ähnliche Spielertypen stürmen, laufen sie sich gegenseitig die Wege zu. Aber zwischen unseren Angreifern gibt es auch kleinere Unterschiede. Da werde ich mich noch nicht festlegen.

Hat Neuzugang Marco Königs Chancen, in Babelsberg in der Startelf zu stehen?
Dotchev: Ich überlege noch, ich muss total überzeugt sein. Von ihm als Spieler bin ich das. Ich kann ihn mir etwa neben Radovan Vujanovic vorstellen.

Wie stellen Sie das Team auf den Boden in Potsdam ein?
Dotchev: Wir versuchen, das auf unserem Rasen zu simulieren. Aber zu sehr sollten wir uns nicht darauf konzentrieren.

Wer sind Ihre Führungkräfte in der Mannschaft?
Dotchev: Ich erwarte eine Gruppendynamik, kein Unterordnen, sondern ein Einordnen. Die Spieler sollen das Meiste untereinander klären, ohne dass ich eingreifen muss.

Aber eine gewisse Hierarchie sehen Sie schon.
Dotchev: Ja, ich nehme erfahrene Leute in die Pflicht. Etwa Jens Truckenbrod oder Daniel Masuch. Oder Stefan Kühne als Kapitän. Aber es gibt noch viele andere die führen können. Jonathan Bourgault, Benjamin Siegert, Dennis Grote, Björn Kluft, Vujanovic.

Bleibt Kühne Kapitän?
Dotchev: Ich sehe keinen Grund, das momentan zu verändern. Aber auf längere Sicht lasse ich mir das als Trainer offen.

Ist er weiter Ihr Innenverteidiger, solange Patrick Kirsch noch fehlt?
Dotchev: Ja.

Wo planen Sie den Bundesliga-erfahrenen Grote ein? Was verlangen Sie von ihm?
Dotchev: Für sein Alter hat er schon viel erlebt, wir dürfen einiges erwarten. Ich sehe ihn noch lange nicht bei 100 Prozent, wir müssen Geduld haben. Im Moment plane ich ihn eher für die linke Seite ein.

Bleibt Bourgault der Mann für die rechte Seite?
Dotchev: Dafür ist er fast zu schade. Er ist unheimlich fleißig, er passt besser ins Zentrum. Hinten rechts kann auch ein Siegert sehr gut spielen.

Welche Rolle spielen die drei A-Junioren?
Dotchev: Ich bin von allen sehr angetan. Sie haben eine große Zukunft in diesem Verein. Ich plane sie komplett ein. Wenn ich sehe wie ein Marko Karamarko mir etwa in die Augen sieht und alles aufsaugt, freue ich mich sehr. Aber man darf nicht zu viel erwarten. Der Übergang ist schwierig.

Haben Sie angesichts der Unruhe und des komplexen Umfelds kurz gezögert, ehe Sie in Münster zusagten?
Dotchev: Nein. Es ist bekannt, dass hier ein schwieriges Pflaster ist. Aber das Geschäft ist mittlerweile überall schwer. Ich hätte auch weniger Stress haben können, aber ich liebe die Herausforderung, hier lässt sich viel aufbauen.

Etwa ein Spitzenteam der 3. Liga mit Blick zur 2.?
Dotchev: Moment. Mir ist klar, dass wir uns schnell finden müssen. Ich kann die Mannschaft ganz sicher weiterbringen, aber erstmal muss der Klassenerhalt sicher sein.

Wie viele Punkte braucht es?
Dotchev: Über 40. Eher 42 oder 43.

Warum hat es für Sie beim SV Sandhausen nicht funktioniert?
Dotchev: Ich kam mit der Umgebung nicht zurecht. Das ist ein gemütliches Nest, ein familiär geführter Klub. Aber es gibt im Umfeld wenig Begeisterung. Es fiel mir schwer, mich anzupassen. Ich brauche eher sowas wie in Münster.

Was meinen Sie konkret?
Dotchev: Ein Beispiel: Da kam einmal ein Stadt-Mitarbeiter ins Training und hat uns vom Rasen geschickt. Wir hätten schon zwei Mal zu oft dort trainiert. Was soll ich machen mit den Jungs? Tischtennis spielen? In Münster scheint mir das alles professioneller aufgestellt zu sein.

Wie haben Sie die elf Monate Pause genutzt?
Dotchev: Ich habe noch bei Felix Magath auf Schalke hospitiert. Und unglaublich viele Spiele angeschaut.

Wünschen Sie sich bei Preußen einen Sportdirektor?
Dotchev: Nein, der ist nicht nötig. Wobei das natürlich der Verein entscheiden muss.

Bleibt Nils Drube Ihr einziger Co-Trainer?
Dotchev: Ja, ich bin auch zu 100 Prozent überzeugt von ihm. Wir kommen super zurecht. Obwohl wir uns erst zehn Tage kennen, habe ich Vertrauen.

Wie sieht für Sie der perfekte Fußball aus?
Dotchev: Perfekter Fußball ist erfolgreicher Fußball. Ich habe ein Bild vor Augen, natürlich. Soll ich das eben malen?

Das ließe sich vermutlich schwer übermitteln...
Dotchev: Wenn man gut spielt, ist die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein, höher. Zufälle kann man minimieren.

Haben Sie Trainervorbilder?
Dotchev: Nein. Vor vielen haben ich Respekt. Aber man muss authentisch sein, vor den Spielern niemanden imitieren.

Im Sommer laufen die meisten Verträge aus. Ein Glücksfall, weil Sie dann den Kader selbst gestalten können?
Dotchev: Es kann auch gefährlich sein, wenn Spieler mit den Gedanken schon anderswo sind. Das ist der falsche Weg. Richtig wäre, sich zu präsentieren. Ich werde nicht heute oder morgen sagen, wer bleiben soll. Aber das wird natürlich ein Thema für uns.

Es kommen einige Englische Wochen auf Sie zu. Sind Sie ein Freund der Rotation?
Dotchev: Ich spiele gerne mit einem Gerüst. Aber bei so vielen Spielen werde ich automatisch alle Leute brauchen. Das System ändere ich nicht oft, punktuell die Positionen aber schon. Da setze ich auch auf die Intelligenz der Spieler. Sie müssen Variationen lesen.


3. Liga: 38. Spieltag

Samstag, 05.05.12 - 13:30 Uhr

Preußen Münster

Kickers Offenbach
1:0
(1:0)
ANZEIGE