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Unter Druck: Schalke-Trainer Felix Magath. Foto: dpa

Magath im Interview

"Ich habe nicht zu viel verändert"

10. Oktober 2010 22:31 Uhr von Frank Leszinski | Quelle: Ruhr Nachrichten

Gelsenkirchen Wie kommt der FC Schalke 04 aus dem Tabellenkeller der Bundesliga? Im Interview verbreitet Schalke-Trainer Felix Magath Zuversicht. Er spricht zwar von einem „miserablen Saisonstart“, doch seine Mannschaft habe genügend Qualität, um die Abstiegszone bald zu verlassen.

Frage: Die Bundesliga spielt momentan ein bisschen verrückt. Mainz ist Spitzenreiter, der FC Bayern nur Mittelmaß und Schalke steht auf einem Abstiegsplatz. Ist das nur eine Momentaufnahme oder wird es eine Saison der Überraschungen?
Felix Magath:
Wenn man Mannschaften wie den VfB Stuttgart oder Werder Bremen noch dazu nimmt, kann man über Unterschiede und Gemeinsamkeiten diskutieren. Die einen haben viel eingekauft wie Schalke, die anderen weniger wie Bremen oder Stuttgart, die Bayern gar nicht und trotzdem sind diese Teams bisher weit hinter den Erwartungen zurück geblieben. Ich sehe nur eine Gemeinsamkeit: Mannschaften wie Stuttgart, Bremen oder der FC Schalke hatten in der vergangenen Saison mehr Erfolg, als sie nach dem Verlauf der Spielzeit erwartet hatten.

Ist das dem FC Schalke nicht bekommen?
Magath:
Das mag vielleicht eine, aber sicher nicht die Hauptursache sein, warum wir schwach gestartet sind. Dafür gibt es viele Gründe. Für mich spielt das erste Spiel in Hamburg eine wichtige Rolle. Da setzte eine Entwicklung ein. Wir haben sieben Spiele viermal in Unterzahl beendet. So etwas habe ich in meiner Trainerkarriere noch nicht erlebt.

Hat Schalke ein Disziplinproblem?
Magath:
Nein! Das kann ich nicht erkennen. Vielleicht ist der eine oder andere Spieler über das Ziel hinaus geschossen, weil er es besonders gut machen wollte. Aber die Art und Weise der Platzverweise, die wir kassiert haben, war für mich nicht stimmig. Da stimmte die Verhältnismäßigkeit nicht. Zum Beispiel in Freiburg: Da wurde ein Ellbogenschlag eines Freiburger Spielers nur mit einer Gelben Karte geahndet. Bisher gab es schon einige Schiedsrichterentscheidungen gegen uns.

Wo noch zum Beispiel?
Magath:
Das Handspiel in Nürnberg, bei dem uns ein klarer Elfmeter verweigert wurde. Das habe ich ja schon im letzten Jahr bemängelt. Uns fehlt da auch die Lobby. Was meinen Sie, wenn das dem FC Bayern passiert wäre? Da wäre das Geschrei groß gewesen. Bei uns wird das übergangen .

Was macht Sie optimistisch, dass Schalke in der Bundesliga schnell die Kurve kriegt?
Magath:
Unsere beiden ersten Auftritte in der Champions League haben gezeigt, was in der Mannschaft steckt. Trotz der Niederlage haben wir auch in Lyon gut gespielt. Wenn man so gut gegen europäische Spitzenmannschaften spielen kann, hat man die Qualität, um in der Bundesliga eine gute Rolle zu spielen. Das werden wir in den nächsten Wochen sicher auch bestätigen.

Deshalb wollen Sie von einer sportlichen Krise nichts wissen?
Magath:
Wir hatten einen miserablen Start, das kann man sagen. Aber als Trainer gucke ich ja nicht nur auf das letzte Spiel, das wir in Nürnberg verloren haben, sondern sehe die gesamte Entwicklung. Die Champions-League-Teilnehmer haben immer ein Problem, wenn sie drei Tage später wieder spielen müssen. Solche internationalen Spiele nehmen eben Aufmerksamkeit und Konzentration. Das ist jedoch keine neue Erkenntnis, sondern das habe ich auch schon in der vergangenen Saison gesagt, als wir nicht international dabei waren. Jetzt können wir froh und dankbar sein, dass wir in der Königsklasse spielen. Wir müssen nun auch akzeptieren, dass die Mannschaft nach einem Champions-League-Spiel einen schwächeren Tag haben kann und nicht die erwartete Leistung bringt.

Fällt das vielen Schalke-Fans schwer, weil die letzte Saison so erfolgreich war?
Magath:
Natürlich sind Emotionen unheimlich hilfreich, für die Stimmung im Stadion, für die Außendarstellung des Vereins. Aber alles im Leben hat auch einen Nachteil. Manchmal kochen die Emotionen über. Die Liebe zum Club ist hier intensiver als in anderen Vereinen. Deshalb übt das Ganze auch mehr Einfluss auf die Mannschaft aus. Natürlich sollen die Emotionen weiter bleiben und gelebt werden. Aber ich muss als Trainer auch einen Weg finden, dass die Emotionen von den Spielern nicht als Druck empfunden werden.

Apropos Spieler. Sie haben den Kader in der Sommerpause radikal umgebaut. Würden Sie das wieder genauso machen?
Magath:
Ja. Ich habe nicht zu viel verändert. Denn die Personalpolitik ist darauf ausgerichtet, um Grundlagen zu schaffen, damit Schalke national und international eine noch bessere Rolle spielt. Der Umbruch musste jetzt geschehen, weil wir durch die Qualifikation für die Champions League die finanziellen Mittel hatten, um etwas zu tun. Spieler wie Raul oder Huntelaar hätten wir ohne diesen sportlichen Erfolg nie holen können. Ohne die Champions-League-Qualifikation hätte vielmehr die Gefahr bestanden, dass wir uns noch von Spielern hätten trennen müssen. Ich muss meinen Spielern aber beste Perspektiven bieten, damit sie auch hier bleiben. Deshalb musste diese Chance genutzt werden.

Ärgert es Sie, dass nach dem schwachen Start sofort vieles in Frage gestellt wird?
Magath:
Nein. Das ist überall so. Wenn ich vier Spiele in Folge in der Bundesliga nicht gewinne, dann ist das eine nachvollziehbare Reaktion.

Nach dem Nürnberg-Spiel kritisierten Sie, dass einige Spieler mit den Gedanken wohl schon bei ihren Nationalmannschaften gewesen seien. Müssen Sie nicht als Trainer dafür sorgen, dass so etwas nicht passiert?
Magath:
Natürlich können Sie mir das vorwerfen, aber wie wollen Sie das denn als Trainer verhindern? Ein Länderspiel steht ganz anders im Fokus als eine Bundesligapartie. Jeder Spieler brennt darauf, für sein Land zu spielen. In anderen Ländern ist der Nationalstolz noch ganz anders ausgeprägt.

Hat Schalke in der Sommerpause nicht zu viel wertvolle Zeit verloren, weil lange Zeit nicht klar war, wie viel Geld für Neuzugänge ausgegeben werden darf?
Magath:
Das glaube ich nicht. Zwar sind zwei geplante Transfers, bei denen ich mit den Spielern einig war, nicht zustande gekommen. Aber wir hatten ein Weltmeisterschaftsjahr. Da warten viele Clubs den Verlauf der WM ab . Deshalb hatte das keinen nennenswerten Einfluss auf unsere Transferpolitik.

Noch hat sich innerhalb der Schalker Mannschaft aber keine neue Hierarchie gebildet oder?
Magath:
Das sehe ich genauso, aber das gehört zu einem Umbruch dazu. Sie können nicht hingehen und sagen: Du bist jetzt der Chef, du bist der Zweite und du bist der Dritte. So etwas entwickelt sich in einer Mannschaft, das ist nicht zu ändern.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass dieser Prozess zu lange dauert?
Magath:
Ich hoffe nicht. Christoph Metzelder hat sich stabilisiert und kann eine Führungsrolle übernehmen. Benedikt Höwedes ist ein Talent – auch für Führungsaufgaben – doch er muss aus diesem Stadium langsam heraus. Es wäre gut, wenn er zusammen mit Metzelder und Manuel Neuer bald ein Führungstrio bilden könnte.

Was halten Sie noch für möglich für Schalke in dieser Saison?
Magath:
Wir müssen erst einmal sehen, dass wir unten herauskommen. Deswegen war ich in Nürnberg ja so enttäuscht. Mit einem Sieg wären wir ins Mittelfeld gekommen und hätten unsere Situation wesentlich verbessert. Ferne Ziele spielen für mich in der aktuellen Situation deshalb keine Rolle.

Mit dem Heimspiel gegen Stuttgart beginnen wieder drei englische Wochen. Kehrt Jefferson Farfan pünktlich zurück?
Magath:
Schon beim Trainingsauftakt und nach seinem Comeback in der peruanischen Nationalelf hieß es: Jefferson hat Probleme mit den Behörden, wann wird er zurück kehren? Er ist immer wieder gekommen. Dass jetzt wieder solche Probleme öffentlich werden, nehme ich noch leicht. Wenn sich das Thema in der nächsten Woche hält, werde ich unruhiger.

Im Sommer haben Sie gesagt, dass die letzte Saison viel Kraft gekostet hat. Ist die Doppelfunktion als Trainer und Manager für Sie immer noch das optimale Arbeitsmodell?
Magath:
Ja klar, aber wir haben ja auch schon reagiert. Wir haben mit Horst Heldt einen zusätzlichen Mann geholt, der Verantwortung trägt. Er hat den Verein in den letzten Monaten kennen gelernt und wird mich Zug um Zug entlasten.


Bundesliga: 36. Spieltag

Samstag, 05.05.12 - 15:30 Uhr

Werder Bremen

FC Schalke 04
2:3
(1:1)
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