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Stefan Sablotny kommentiert
Die Schalke-Kolumne 207: Ich sag dann mal Tschüss!

Schalke-Kolumnist Stefan Sablotny gibt am Ende der Spielzeit seine Dauerkarte ab. Hier beschreibt er, warum er diesen Schritt wagt und warum die Perle von damals einfach nicht mehr die gleiche ist...

Tja, so ist das: Der Countdown läuft. In wenigen Tagen wird eine mittlerweile fast 20-jährige Beziehung zu Ende gehen. Eine Dauerkarte wird ihren Weg zur Geschäftsstelle finden. Kündigung. Ende. Finito. Schicht im Schacht. Warum aber nun die Belästigung des Lesers mit diesem Einzelschicksal? Anteilnahme erbetteln? Aufmerksamkeit fürs Ego? Nein. Kleine königsblaue Lichter brauchen das nicht. Vielleicht nur etwas aussprechen, was mal ausgesprochen werden sollte.

Die Gedanken, die Dauerkarte abzugeben kreisen schon länger. Und für einen Schalker ist es ein harter Einschnitt, diesen Weg dann doch zu gehen. Also muss ja irgendwas passiert sein.
Es ist nicht der eine Faktor, der eine Grund. Es kommt soviel zusammen auf Schalke und ein wenig noch darüber hinaus.

Schalke-Horror-Fußballshow

Eine Spielergeneration mit Wohnanschrift in der Elfenbeinturmallee. Die turboinflationäre Kartenpreispolitik. Schalker StruCTurprobleme. Die Daueraufführung der Schalke Horror Fußballshow. Die Diskussionen um die Abschaffung des eingetragenen Vereins als Rechtfertigung für die Gier nach Erfolg. Und so weiter.
Die generellen Hyperventilierungsanfälle rund um das Thema Fußball, bei denen sogar das Platzen der Designerbuchse eines bajuwarischen Trainers fast schon zu Sonderberichterstattungen führt, sind da nur noch kleiner Bonus auf die eigenen Empfindungen. Immer mehr, immer schneller, dreht sich das ganze Karussell. Schwindelig. Kotzen.

Dann kommt halt langsam dieses Gefühl. Und irgendwo tut es auch weh. Man kämpft lange damit, versucht es runter zu spielen und schiebt es auf das Alter, persönliche Umstände, Wetter und was es sonst so gibt. Nur: Leidenschaft sollte doch von so etwas nie beeinflusst werden, oder? Wie soll man das denn dann erklären?

Nicht mehr die gleiche Perle

Schalke war damals, wie…wie…wie diese eine Perle. Man war jung, wild und plötzlich traf man SIE: Natürlich, kumpelig, uneitel, wunderschön in deinen Augen. Dat isse einfach! Die Perle, die sich nicht zu fein ist mit dir Bier aus der Pulle zu trinken und sogar über dein Rülpsen lachen kann. Die für dich im kleinen Schwarzen genauso wie in Joggingpeitsche als Augenschmaus daherkommt. Die Morgens wach wird und der es scheißegal ist, wie sie dann aussieht. Die sich nicht schminken braucht, um den Müll rauszutragen. Der komplett egal ist, wenn Fremde die Nase rümpfen, lästern und ihr einen Asi-Ruf nachsagen. Dir übrigens auch, denn wat zählt, is dat Herz. Nur irgendwann verändert sich diese Perle. Du weißt gar nicht warum. Du liebst sie doch genauso. Eine neue Frisur, neue Klamotten. Okay, du verstehst das. Etwas mit der Zeit muss man ja gehen. Du kannst ja auch nicht ewig mit dem 80er-Jahre Vokuhila rumlaufen. Nur es bleibt nicht dabei.

Heute erkennst du deine Perle nicht wieder. Aus dem natürlichen Mädel, das dein Herz im Sturm erobert hat, ist nun eine blondierte, sonnenbankgegerbte Möchtegern-High-Society-Trulla geworden mit Extensions, künstlichen Wimpern, ellenlangen Fingernägeln aus Plastik, noch mehr Plastik im Brustbereich, getauft im Botox-Becken und einem "Wir leben dich"-Tattoo auf dem Steißbein. Super. Deine Perle sieht nun so unwirklich wie viele Andere aus.

Veränderungen

Für dich interessiert sie sich mittlerweile auch nur noch bedingt und läuft lieber einem zwangsextrovertierten Sugardaddy aus Ostwestfalen oder geldscheinwedelnden Gigolos aus Russland hinterher. Dein sauer verdientes Geld wirft sie für kaputte Klamotten von fernen Boutiquen aus dem Fenster, die einfach nicht zu ihr passen. Aber Hauptsache glitzert, leuchtet und hat einen großen Markennamen.

Und du fragst dich dann einfach: "Is dat noch die Olle von damals?"

Es gab und gibt immer Veränderungen im Leben. Es gibt gute und schlechte Veränderungen. Nur gefühlt waren die Veränderungen in den ersten hundert Jahren dieses Vereins nicht so extrem, wankelmütig, schnell, laut und vor allem: unsensibel und unauthentisch.

Nicht einfach so

Der Mensch neigt bekanntlich dazu, sein subjektives Empfinden einem allgemein gültigen Charakter zu verleihen. Vielleicht ist das bei mir auch so. Ich denke trotzdem, Schalke läuft Gefahr, zahlreiche Schalker und mit diesen viel seiner Identität zu verlieren. Zu verlieren an Gleichgültigkeit, Entfremdung. "Dat ist nich mehr mein Schalke!" wird dann nicht mehr zum spaßigen Running-Gag, sondern Attitüde. Gleichgültigkeit zieht dann wie ein Grippe-Virus durch die Schalker Fanlandschaft. Das hat auch nichts mit Erfolg zu tun. Denn viele dieser Leute waren schon da, als Erfolg auf Schalke noch mit k am Ende geschrieben wurde, weil man das Wort nicht kannte. Von Erfolg alleine wird man nämlich nicht satt oder warum ist man Schalker geworden?

Natürlich kann niemand Schalke einfach so vollends den Rücken kehren. Dafür ist zu viel Herz da. Nur worauf beschränkt sich mittlerweile die Liebe zum Verein? Spieler XY, heute hier, morgen da? Bilanzkennziffern, Kontostände?

Nein. Vielmehr auf unsere Geschichte. Wer waren wir? Was waren wir? Woher kommen wir? Die Geschichten jedes einzelnen Schalkers, die er erlebt hat. Die Menschen drum herum, die nicht im Fokus oder in der Öffentlichkeit stehen. Die Leute, die weiterhin das letzte Hemd diesem Verein hinterherwerfen, denen kein Weg zu weit ist. Die Gruppe, die wochenlang Zeit, Kohle und Mühe investiert, nur um für wenige Augenblicke wahnsinnige Choreografien ins Stadion zu zaubern. Die Jungs, die Erich nicht veralbern, sondern respektieren und ihm einfach ne Kippe und den obligatorischen Euro geben.

Kein Marketingspruch

Die Menschen, die den Mythos nicht als Marketingspruch erhalten wollen, sondern direkt vor Ort mit anpacken, wo er entstand und dort was tun. Leise, ohne großes Aufsehen. Einfach aus ehrlicher Verbundenheit mit unserer Wiege. Menschen, die mit Einsatz und Eifer versuchen, die Erinnerungen aufrecht zu erhalten. All diese Schalker Jungs und Mädels. Das Schalker Gesamtgemälde. Denen wird nicht den Rücken kehren können. Sie sind der Grund für den Stolz auf Schalke, die eigentlich mittlerweile letzte, echte Freude.

Stolz und Freude, wie es mir nämlich schon länger fast kein Spieler, kein Finanzvorstand und erst recht kein Aufsichtsratsvorsitzender mehr beschert. Denn dieser Personenkreis hat schon lange etwas nicht mehr verinnerlicht:

Wichtig auf Schalke ist, dass man sich nicht für wichtig hält. Denn Schalke ist wichtig genug.

Aber im Endeffekt: Gebe ich nur eine Karte ab. Wen interessiert das schon? Mach es also gut, kleine Dauerkarte. Ich hoffe sehr, dass wir uns irgendwann, irgendwie, irgendwo Wiedersehen. Vielleicht, wenn wir uns unser Schalke, unsere Perle von damals, wenigstens etwas wieder zurückgeholt haben.

Glückauf

Stefan

P.S.: Wer rufen mag "Wir sind Schalker und du nicht!" soll sich nicht zurückhalten. Wer sich wiederfindet: #mein04


Der Autor: Stefan Sablotny

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