
«Hässlich, hart, grob» - Kritik an Oranje wächst
13. Juli 2010 15:11 Uhr von Von Thomas Burmeister, dpa
Amsterdam (dpa) Als die Oranje-Elf im himmelblauen Jumbo-Jet der KLM beim Rückflug aus Südafrika heimatlichen Luftraum erreichte, stiegen Kampfjets auf. Für eine holländische Zeitung Grund genug, eine Glosse darüber zu schreiben.
Die Jets seien eigens vom harten Einsatz gegen die Taliban in Afghanistan abgezogen worden, hieß in «de Volkskrant»: «Mit Typen wie De Jong und Van Bommel kann man nicht vorsichtig genug sein. Wenn das Bier nicht schnell genug kommt, nieten die vielleicht die Stewardess um...»
Andere machten ihrer Enttäuschung über den aggressiven Stil der «Elftal», der im verlorenen WM-Endspiel gegen Spanien (0:1 n.V.) deutlich zutage trat, weniger satirisch deutlich. «Hässlich, hart, grob und viel zu verteidigend», lautete eine Analyse des Spiels der Oranje-Elf in Südafrika. Es war nicht irgendeine, sondern die von Johan Cruyff. Die Kritik des holländischen Fußball-Idols an der «Elftal» passte freilich gar nicht zum allgemeinen Willkommensjubel für das WM-Team - samt Empfang bei Königin Beatrix, Ritterschlag für Trainer und Kapitän, Bootsumzug und Fanmeilen-Party in Amsterdam.
Trainer Bert van Marwijk wies die Kritik an überharten Fouls zurückgewiesen. «Das passt nicht zu mir und das passt nicht zu unserem Team», sagte er nach seiner Ernennung zum Ritter von Oranje-Naussau bei einem Empfang durch den amtierenden Ministerpräsidenten der Niederlande, Jan Peter Balkenende.
Es sei bedauerlich, dass internationale Medien ein solches Bild von der «Elftal» gezeichnet hätten. «Es gab vielleicht ein paar unglückliche Momente, aber von der Bank aus habe ich nichts gesehen, was so extrem gewesen wäre.» Die große Zahl von Gelben Karten und schließlich einer Roten für das niederländische Team habe viel mit dem Schiedsrichter zu tun gehabt.
Auch Bayern-Kapitän Mark van Bommel widersprach bei dem Festempfang den Kritikern. Schließlich hätten auch die Spanier mehrfach Gelb gesehen, sagte der Oranje-Mittelfeldspieler. «Ich fand den Schiedsrichter höchst unglücklich.» Referee Howard Webb hatte dagegen das extrem hart geführte Finale als «Höllenritt» bezeichnet.
Van Bommel sagte darüber hinaus, nach der Niederlage habe er zunächst überhaupt keinen Willkommensempfang in der Heimat gewollt. «Die Enttäuschung war groß, aber das beginnt sich nun in Stolz zu verwandeln, wo ich die Reaktionen in den Niederlanden sehe.»
Schon am Morgen strömten Fans in Massen aus allen Teilen des Landes ins Zentrum der Hauptstadt, um dem Oranje-Team zu huldigen - mehr als eine Million Menschen waren auf den Beinen. «Es gibt Länder», spottete der Kolumnist Bert Wagendorp, «die ihre Befreiung von der unmenschlichen Herrschaft grausamer Besatzer zurückhaltender gefeiert haben, als wir den zweiten Platz in einem Fußball-Turnier.»
Die Auffassung von Amerikanern, wonach der Zweite eigentlich «der Erste der Verlierer» ist, wird in Holland nicht geteilt oder völlig verdrängt: «Totaler Orange-Wahnsinn» sei nun angesagt, erklärte der sonst eher zu Nüchternheit neigende Ministerpräsident Balkenende. Alle offiziellen Feiern wurden nach anfänglichen Zweifeln so organisiert, wie das nur für den Fall vorgesehen war, dass die Niederlande erstmals in ihrer Geschichte Fußball-Weltmeister werden.
Dennoch mischten sich deutlich mahnende Stimmen in den nationalen Taumel. «Der niederländische Fußball hat bei der WM einen Image- Schaden verursacht», schrieb das renommierte «NRC Handelsblad» auf Seite 1. Überschrift: «Brutales Spiel ist Anti-Reklame für Oranje». Ähnlich wie andere seriöse Blätter verwies die Zeitung auf das verheerende internationale Echo zum Finalspiel der Van-Marwijk-Elf.
Die Einschätzungen ausländischer Sportjournalisten bewegten sich im Spektrum von «hässlich» über «destruktiv» bis «gemeines Spiel». Wahrgenommen wurde in Holland auch die Kritik in deutschen Medien, darunter die «Süddeutsche Zeitung»: Spanien habe «gegen die womöglich niederträchtigste niederländische Mannschaft der Geschichte» obsiegt.
«So etwas ist einigen Niederländern durchaus peinlich», sagt eine Frau vor dem Reichsmuseum, wo sich gerade Zehntausende Oranje-Fans in Siegerlaune versammelten. «Im Grunde gibt es nichts zu feiern, aber das Volk verlangt das wohl so.» Das nüchterne Fazit im Kommentar der «Volkskrant» lautete so: Die Niederlande hätten «eine doppelte Niederlage erlitten: Kein Titel und ein beschädigtes Image».
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