Kliniken helfen Glücksspielsüchtigen
06. Februar 2012 12:32 Uhr von Von Birgit Klimke, dpa
Sulzberg (dpa) Glücksspiel kann süchtig machen: Diese Warnung erreicht viele Menschen nicht. Rund 200 000 Menschen in Deutschland leiden unter Glücksspielsucht. Sie finden in Suchtkliniken Hilfe - zum Beispiel im Römerhaus im Allgäu.
Sie verspielen ihr Geld, verlieren oft aber viel mehr. Rund 200 000 Menschen leiden in Deutschland an Glücksspielsucht. Hilfe finden sie in Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Fachkliniken - zum Beispiel im Römerhaus im Allgäu, bayernweit die erste Klinik mit einem stationären Therapieangebot für krankhafte Spieler. Seit mehr als 50 Jahren ist die idyllisch gelegene Klinik auf die Behandlung suchtkranker Männer spezialisiert. «Der Ort, um mit dem Aufhören anzufangen», heißt es in einer Broschüre der Einrichtung. Neben Alkoholikern behandelt die Klinik seit zweieinhalb Jahren auch Spielsüchtige.
Knapp 200 Spieler hätten bisher das Angebot genutzt, sagt Dorothee Lehner-Wagner, stellvertretende Klinikleiterin. Betroffen von Spielsucht sind überwiegend Männer. Als spielsüchtig werden sie bezeichnet, wenn sie dem Impuls zum Glücksspiel oder Wetten nicht mehr widerstehen können. «Zuerst gewinnen sie, dann verlieren sie. Und schließlich müssen sie spielen, um das verlorene Geld zurückzugewinnen. Aber das funktioniert in den seltensten Fällen.» Die Folgen können gravierend sein: hohe Schulden, Beziehung kaputt, Arbeitsstelle verloren, Haus und Hof gepfändet.
Trotz ihrer verzweifelten Lage findet nur ein Teil der krankhaften Spieler freiwillig den Weg in die Fachklinik. Oft käme die Einweisung erst auf Druck der Familie oder durch eine Therapieauflage zustande, sagt Lehner-Wagner. «Es ist ein langwieriger Prozess, bis ein Süchtiger bereit ist, sich helfen zu lassen.» Im Römerhaus stehen 46 Therapieplätze zur Verfügung, die Hälfte davon ist mit Spielern besetzt. Die Patienten sind zwischen 18 und 75 Jahre alt. Die meisten von ihnen sind Automatenspieler, die ihr Geld in Spielhallen tragen. Andere besuchen Kasinos oder Wettbüros, wieder andere sind Online-Spielen wie Poker verfallen.
Auch für Volker (Name von der Redaktion geändert) drehte sich das Leben jahrelang nur noch ums Spielen. «Ich habe alles gemacht, was mir den Kick gegeben hat. Fußballwetten, Pferderennen, Kasino, Automaten. Manchmal habe ich 70 Stunden lang durchgespielt», erzählt der 38-Jährige aus Oberbayern. Als er am Tiefpunkt angelangt war, habe er sich hundeelend gefühlt. «Alles tat weh, ich war unsicher, unzufrieden, müde und lebte nur noch mit Angst.» Selbst habe er jedoch nicht die Kraft zum Aufhören gehabt. Dass ihm ein Gericht die Auflage erteilt hat, sich professionelle Hilfe zu suchen, darüber ist er heute froh, sagt Volker. Seit elf Wochen ist er im Römerhaus - und fühlt sich bereits viel besser. «Das hier war meine letzte Chance.»
In der Fachklinik Römerhaus sind auf dem großzügigen Gelände mehrere Patientenhäuser, ein Gewächshaus, eine Schreinerei, eine Wäscherei sowie ein großes Verwaltungsgebäude mit Speisesaal, Therapieräumen, Fitnessraum und Turnhalle untergebracht. Die Patienten verbringen zwischen sechs und 15 Wochen in der Klinik. In Einzel- und Gruppentherapien lernen sie, sich dauerhaft von ihrer Abhängigkeit zu befreien und ihr Leben wieder zu organisieren. Großen Raum nimmt dabei für Spielsüchtige die Hilfestellung in Sachen Schuldenregulierung und Geldmanagement ein. Zusätzlich arbeiten die Patienten in der Küche, der Gärtnerei oder Schreinerei und nehmen an den Sportangeboten und Freizeitaktivitäten teil.
Jeder Patient bekommt einen individuellen Stundenplan, an den er sich halten muss. Für alle gleich ist nur der erste Programmpunkt des Tages: Frühsport um 6.30 Uhr. «Für manche ist das schon hart. Aber Sport ist wichtig, damit die Patienten ihren Körper wieder spüren und fit werden», sagt Lehner-Wagner. Zudem müssten die Männer lernen, früh aufzustehen. Wenn sie aus der Klinik entlassen werden, sollen sie schließlich wieder einer geregelten Arbeit nachgehen.
Da im Römerhaus sowohl Spieler als auch Alkoholiker behandelt werden, legt die Klinik Wert auf eine gegenseitige Verpflichtung. Die besagt, dass Spieler während der Therapie nicht trinken und Alkoholiker nicht spielen dürfen. «Es ist wichtig, dass sie sich und ihre Sucht gegenseitig respektieren. Dadurch können sie voneinander lernen.» Auch sonst müssen die Bewohner strikte Regeln beachten. Das gilt vor allem für die Zeit, die sie zur freien Verfügung haben und die von den Therapeuten bewusst in die Stundenpläne eingebaut wurde. «Die Männer müssen auch lernen, mit Langeweile umzugehen.»
Damit diese in den Abendstunden erst gar nicht aufkommt, ist in den Patientenhäusern sogar Spielen erlaubt. Schach zum Beispiel. Oder Memory. Aber kein «Mensch ärgere Dich nicht.» Die Fachfrau erklärt den Grund: «Strategiespiele sind kein Problem. Nur Spiele, die vom Zufall abhängen, sind tabu. Und dazu gehört nunmal jedes Würfelspiel.»
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