BGH-Urteil zur Haftung von Fans
Wie teuer kann Pyrotechnik wirklich werden?

(Foto: Hein-Reipen)
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Ein Urteil des Bundesgerichtshofs hat gerade für viel Interesse (und auch Diskussionen) gesorgt. Vereine dürfen DFB-Strafen demnach auf identifizierte "Krawallmacher" umlegen. Susanne Hein-Reipen hat sich das Urteil einmal genauer angesehen...

Selten wurde ein Urteil des Bundesgerichtshofs von Fußballfans und Vereinen gleichermaßen mit so viel Spannung erwartet wie der vor einigen Tagen ergangene Spruch zur Umlage von DFB-Strafen auf identifizierte Krawallmacher oder Pyrozündler. „Krawallmacher im Stadion haften für Verbandsstrafen!“ lautete allenthalben die knackige Schlagzeile.

Erfolg oder Enttäuschung?

Je nach Standpunkt des Betrachters wurde das Urteil entweder als  „Grundsatzurteil“, „beachtlicher Erfolg“ (DFB-Vizepräsident Rainer Koch) und „dringend benötigte Rechtssicherheit“ (Fanbeauftragter des klagenden 1. FC Köln) gefeiert oder als „große und sehr bittere Enttäuschung“ (Jochen Grotepaß, Sprecher der Fanorganisation „Unsere Kurve“) verdammt. Doch hat der BGH wirklich entschieden, dass Vereine die vom DFB auferlegten Strafen 1:1 auf identifizierte Störenfriede umlegen dürfen? Gilt künftig „einmal Pyro, immer pleite“, wenn z. B. ein Zuschauerausschluss verhängt wird und der Schaden in den siebenstelligen Bereich geht? Wie weit geht die Haftung der Fußballfans, die sich im Stadion so sehr danebenbenehmen, dass ihr Verein bestraft wird? Und hat der BGH damit das Schadenersatzrecht ausgeweitet und neue Haftungstatbestände geschaffen? Ist das Urteil gerecht?

Noch kein Urteil über die Höhe des zu ersetzenden Schadens

Nahezu allen Kommentaren zu dem Urteil ist gemein, dass sie einen ganz entscheidenden Punkt übersehen: Der BGH hat der Revisionsklage des 1. FC Köln nicht im vollen Umfang stattgegeben und dem Verein den geforderten Schadenersatz zugesprochen. Er hat vielmehr die Sache zur erneuten Verhandlung und Überprüfung aller Voraussetzungen einer Schadenersatzpflicht wieder an das OLG Köln zurückverwiesen…

Der Verfahrensgang

Der Sachverhalt ist schnell geschildert und kommt in schöner Regelmäßigkeit in deutschen Stadien vor:  Bei der 0:1-Heimniederlage des 1. FC Köln gegen den SC Paderborn 07 am 9. Februar 2014 warf ein Fan der Geißböcke vom Oberrang einen Knallkörper in den Unterrang. Dieser explodierte und verletzte sieben Zuschauer. Aufgrund dieses Vorfalls sowie einiger weiterer vorangegangener Zwischenfälle verhängte der DFB eine Strafe von 50.000 Euro gegen den 1. FC Köln. Zusätzlich musste der Verein weitere 30.000 Euro für Projekte zur Gewaltprävention zahlen. Von dieser Gesamtsumme forderte der Verein 30.000 Euro, also weniger als die Hälfte, von dem ermittelten Täter zurück.

(Foto: Hein-Reipen)

In erster Instanz bejahte das LG Köln den Anspruch, weil der Fan die „Schutz- und Rücksichtsnahmepflichten“ aus dem durch den Kauf der Eintrittskarte entstandenen Vertragsverhältnis verletzt und dadurch kausal den Schaden verursacht habe. Das OLG Köln hingegen stellte sich in der zweiten Instanz auf die Seite des Fans und verneinte die Schadenersatzpflicht. Das Werfen des Böllers sei zwar eine Pflichtverletzung, es fehle aber der „Zurechnungszusammenhang“ zum entstandenen Schaden. Dieser resultiere aus der Unterwerfung des Vereins unter die Regeln des DFB, die primär Versäumnisse des Vereins wie Sicherheitsmängel sanktionieren. Der Zuschauer müsse nicht für diese Verbandsstrafen haften.

Dieses Urteil wurde nunmehr vom BGH einkassiert, indem dieser feststellte, „dass jeden Zuschauer eines Fußballspiels die Verhaltenspflicht trifft, die Durchführung des Spiels nicht zu stören. Verstößt er hiergegen durch das Zünden und den Wurf eines Knallkörpers, hat er für die daraus folgenden Schäden zu haften und sie zu ersetzen. Das gilt auch für eine dem Verein wegen des Vorfalls auferlegte Geldstrafe des DFB. Sie ist kein nur zufällig durch das Verhalten verursachter, hiermit nicht mehr in einem inneren Zusammenhang stehender Schaden. Vielmehr wird sie gerade wegen der Störung durch den Zuschauer verhängt. Auch die Regeln des Verbandes dienten wie die Pflichten des Zuschauervertrags der Verhinderung von Spielstörungen.“

So sieht es das Gesetz

Was ist nun richtig? Das deutsche Schadensatzrecht sieht vereinfacht dargestellt vor, dass jeder für rechtswidrig von ihm verursachte Schäden haftet. Mildernd zu berücksichtigen ist dabei ein etwaiges Mitverschulden des Geschädigten, dieser muss seinerseits  alles tun, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Haben mehrere Personen gemeinsam einen Schaden verursacht, so haften sie in der Regel als Gesamtschuldner, d. h. der Geschädigte kann sich an den zahlungsfähigsten Täter halten und dieser muss dann versuchen, das Geld anteilig von den übrigen zurückzubekommen.    

Streitig ist in der vorliegenden Fallkonstellation dabei nicht die Rechtswidrigkeit des Böller- oder Pyrozündelns, diese ist aufgrund der eindeutigen Bestimmungen in allen Stadionordnungen gegeben. Dass 80.000 Euro weniger in der Vereinskasse ein Schaden sind, steht ebenfalls nicht zur Debatte. Der „Knackpunkt“ ist allein die Frage, ob der böllernde oder zündelnde Zuschauer den Schaden zurechenbar verursacht hat - oder dieser polemisch formuliert nicht vielmehr erst dadurch zustande kommt, dass der Verein so dumm war, sich den Strafregelungen des DFB zu unterwerfen.

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