Kommentar
Big money Fußball: Der Dreck, der sich in feinen Zwirn kleidet

Das hält ja niemand mehr aus. (Symbolfoto: westline)
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Münster – Glaubt eigentlich noch jemand an den Zauber des Fußballs? Also an dieses raue, rohe Gefühl, dass alles möglich ist in 90 Minuten? Dass Schweiß und Gras am Ende Trikots und Gesichter bedecken und am Ende nicht Real Madrid, Barcelona oder Bayern gewinnt? Nein? Dann willkommen in der neuen Welt des Karl-Heinz Rummenigge.

Wenn man überhaupt noch eines wissen muss über den Fußball von heute, dann genügt der eine Satz, den Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge nach dem Spiel der Münchner gegen Turin sagte.

"Wir können nicht immer nur vom Schicksal abhängig sein. Das ist in Zukunft nicht mehr tragbar."

Schicksal. Das ist nicht tragbar. Was Rummenigge meint, ist klar. Wer sein Investment schützen will, der braucht Planungssicherheit. Der italienische Tabellenführer gegen den deutschen Tabellenführer - im Achtelfinale? Eine Zumutung. Eine geschäftsschädigende Anomalie, die es zu korrigieren gilt. Vielleicht mit "Setzlisten", wie Rummenigge jetzt "anregt". Setzlisten, um die Unerträglichkeit zu beseitigen, dass die Fußball-Promis sich mit anderen Fußball-Promis messen müssen, während der Fußball-Pöbel sich vorbeischleicht. Die Zweitklassigen. Die Unbotmäßigen, die gefälligst auszuscheiden haben, damit die Großen ihr Ding unter sich austragen können.

Wie sagte Rummenigge? "Ich habe in der letzten Woche Spiele gesehen, da habe ich fast abgeschaltet." So spricht jemand, dem der Fußball scheißegal ist. Der sich nicht für die Faszination erwärmen kann, die davon ausgeht, dass kleine und unbedeutende Klubs ihren großen Moment erleben. Rummenigge spricht über "Image, Geld, Meriten".

Denn das ist die Wahrheit. Es geht doch längst nicht mehr um Fußball. Es geht um das dicke Geld, um Planbarkeit, die Erfüllung von Konzernzielen, manchmal geht's auch um dicke Uhren am Handgelenk und bezahlte Turniere. Das ist der Dreck, der sich heutzutage im Fußball in feinen Zwirn kleidet und die Auslosungen von Spielpaarungen mit innerer Abscheu begleitet.

Ja sicher, auch ich kann mich bei Spielen herzlich langweilen. Das muss man aushalten, dass ein Fußballspiel auch mal zum Abschalten ist. So ist das wie mit allem im Leben. Aber das kann ja kaum noch jemand. Alles muss heute ein gewaltiger Zirkus sein und es muss ein Zirkus sein, damit man noch ein paar Dollars mehr verdienen kann. Profi-Fußball heute ist wie Muskel-Training. Ständig braucht es neue Reize, weil sich der Muskel längst an das Pensum gewöhnt hat. Es kann nur weiter nach vorn gehen, nicht mehr zurück. Und abtrainieren will ja niemand von den Reichen in Madrid, Manchester, Barcelona oder Bayern. Die 100 Millionen für Messi müssen verdient werden.

Schmerzhafter Trennungsprozess

Aus der Sicht eines Autors, dessen Herz an einem Drittligisten hängt, wirkt das alles kaum fassbar. Wieviel schlimmer muss das eigentlich für Fans sein, die mittendrin sind im Geschäft? Für ureingeborene Münchner, für die der große FC Bayern halt einfach der "local club" ist und denen die Grünwalder Straße noch etwas sagt oder die einst mit der S-Bahn nebenan zum Sportpark nach Haching rumpelten?

Was haben die denn noch für einen Ausweg? Außer dem einen, sich emotional zurückzuziehen, einen schmerzhaften Trennungsprozess zu durchleben?

Friss oder stirb. Das ist Fußball 2016, aber nicht erst seit 2016. Das alles hat seine Gründe und die liegen lang zurück. Sie stammen aus jenen Jahren, in denen aus dem Cup der Landesmeister zuerst die neureiche Champions League wurde, dann ein Pool für dritt- und viertplatzierte Teams, die nicht einmal in der Nähe einer Meisterschaft rangierten. Dann kamen die Gruppenphase, die Zwischenrunden. Alles für die Planungssicherheit der Klubs.

Keine Revolution in Sicht

Ja, ja und noch einmal ja. Der Fußball ist, wie er ist. Schwer vorstellbar, dass sich dereinst eine Revolution erhebt und all das Geld fortschwemmt. Das wird nicht passieren. Die großen Klubs werden größer. Die reichen Klubs werden reicher. Sollen sie doch ihre Superliga bauen. Sollen sie sich gegenseitig in 100 Gruppenspielen im Pay-TV langweilen.

Und es ist nur ein sinnloser Hilferuf, wenn man über all die Globalisierungspläne klagt. Über Fanshops in Asien, Trainingslager in Katar, über Weltmeisterschaften in Ländern ohne jede Fußballkultur. Der Fußball von heute hat die Fans von früher doch längst abgehängt. Man muss das dennoch formulieren, einfach um selbst gesund zu bleiben. Der Fußball von heute nervt und nichts in diesem Kommentar ändert etwas daran. Alles, was außerhalb der 90 Minuten auf dem Rasen geschieht, nervt. Und ja, mittlerweile nervt auch vieles von dem, was in diesen 90 Minuten geschieht, nur noch. Torjubel mit Kostüm und Choreo. Torkameras. Elf Schiedsrichter. Coaching-Zonen. Super-Slo-Mo. Computergesteuerte Abseits-3D-Darstellungs-Matrix. Mediengeschulte Profis. Sogar das bescheuerte Phrasenschwein.

Wisst ihr was, ihr Rummenigges und Blatters und wie ihr alle heißt? Behaltet doch euren dämlichen Fußball und macht halt euer Ding.

Fußball wird's immer geben. Er findet dann für viele eben andernorts statt.

 

 


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