Auswärtstour
Blau-Weiß mal anders – ein Besuch beim FC Everton

(Foto: Laumann)
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Liverpool – Der FC Everton ist zwar historisch gesehen einer der erfolgreichsten Fußballvereine in England, stand jedoch zuletzt im Schatten seines Ortsrivalen FC Liverpool. Jörg Laumann hat sich vor Ort im Goodison Park beim Spiel gegen Manchester City davon überzeugt, dass man sich auch als Bochumer bei den „Blues“ aus Everton durchaus heimisch fühlen kann.   

Der altehrwürdige Goodison Park ist eines jener Stadien, die im wahrsten Sinne des Wortes mitten in einem Wohngebiet stehen. Wenn die Nachbarn einen Blick aus den vorderen Fenstern ihrer Anwesen riskieren, wird es blau: Dort türmen sich nämlich die ganz in den Vereinsfarben gehaltenen und mit Höhepunkten aus der Vereinsgeschichte dekorierten Tribünen auf. An einer Ecke des Stadions, das heute knapp 40.000 Besuchern Platz bietet, grenzen die Zuschauerränge sogar unmittelbar an eine evangelische Kirche an.

Etwas weniger beengt geht es auf dem Vorplatz des Goodison Parks zu, wo der Rekord-Torschütze der Blues, Dixie Dean, als Statue die Besucher willkommen heißt. Hinter ihm ist eine „Fan Zone“ aufgebaut, in der es neben Bier und Burgern auch Gespräche und Live-Musik gibt. Die Band auf der Bühne spielt „Rock’n’Roll Star“ von Oasis… aus Manchester – fast schon ein Affront in der Stadt der Beatles. Doch das sollte später noch mal ein Thema werden.

Da sich der Andrang im Fanbereich an diesem Karsamstag ziemlich in Grenzen hält, geht es bald weiter zur Tribüne an der Bullens Road. 1892 wurde der Goodison Park erstmals eröffnet, und gefühlt aus dieser Zeit stammt auch der Bereich, in dem sich mein Sitzplatz befindet. Der Holz-Klappsitz im Bereich „Lower Bullens“ versprüht einen nostalgischen Charme, während die Sichtverhältnisse gewöhnungsbedürftig sind. Der Rang darüber, „Upper Bullens“, ist mit so wenig Abstand aufgesetzt, dass man von den Plätzen darunter zwar einen guten Blick auf das Geschehen auf dem Rasen, aber keinen nach oben hat – Fußball in Cinemascope. Mehr Zeit zum Analysieren des Blickfelds bleibt nicht, denn mein Sitznachbar begrüßt mich offiziell in Liverpool. Für die Erklärung des VfL Bochum, den ich üblicherweise als Zuschauer unterstütze, muss diesmal ausnahmsweise der Nachbarverein herhalten. Dortmund, als Stadt aus der der Trainer des Lokalrivalen FC Liverpool gekommen ist, kennt auch hier jeder. „Für wen bist Du heute?“ fragt der nette Blues-Fan, und quittiert mein „Natürlich für Everton“ mit einem Grinsen: „Was sollst Du auch sonst sagen?!“  

Dann geht’s auch schon los. Der FC Everton, der einmal mehr im Mittelfeld der Tabelle der Premier League herumdümpelt, trifft aus das international besetzte Spitzen-Team von Manchester City. Nicht nur, weil die Gastgeber in blau-weiß auflaufen, kommt mir das Geschehen auf dem Rasen nicht unbekannt vor: Die Heimmannschaft bekommt zunächst keinen Zugriff auf das Spiel, wirkt langsam und unkonzentriert. Bereits nach vier Minuten liegt der Ball im Netz der Blues. „Ich glaube, dass war es schon für uns“, lautet die Prognose meines Nebenmanns. Ich fühle mich zu Hause. Dass Leroy Sané, der Schütze des ersten ManCity-Treffers, in Wattenscheid aufgewachsen ist (so wie ich), lasse ich als Gesprächsthema lieber außen vor. Die Stimmung bei den Everton-Supporters ist ohnehin angeschlagen. Zumal der von Pep Guardiola betreute Tabellenführer aus Manchester schon bald den zweiten und kurz vor der Pause auch noch den dritten Treffer nachlegt. Das Publikum ist nicht amüsiert. Zwar ist allen bewusst, dass die Blues als Außenseiter in die Partie gegangen sind, doch hätten sie sich mehr Einsatz und Kampfgeist von ihrem Team gewünscht. Quittung für die schwache Leistung sind Buhrufe und einige wohltemperierte Flüche im wunderschönen, aber schwer verständlichen Scouse-Dialekt.

Fans? Diszipliniert.

Dennoch bleibt die Atmosphäre angenehm, die Fans sind diszipliniert. Alle bleiben auf ihren Sitzplätzen (worauf allerdings auch die zahlreichen „Stewards“ ein kontrollierendes Auge werfen) und halten sich an das Alkohol-Verbot auf den Tribünen. Kommt deshalb keine fußball-typische Stimmung auf? Kann man so nicht sagen. Im zweiten Spielabschnitt wird es schlagartig laut. Als der FC Everton doch besser ins Spiel kommt und sogar durch einen Doppelpfosten-Treffer von Yannick Bolasie auf 1:3 verkürzen kann, sind die zuvor so kritischen Fans sofort wieder auf seiner Seite. Dennoch gerät der Sieg der Gäste nicht mehr in Gefahr. Zu überlegen agiert die Guardiola-Elf, der Experte Gary Lineker am Abend im englischen Fernsehen eine fast schon märchenhafte Ballbesitz-Quote von 82 Prozent attestiert. 

So plätschert die letzte Viertelstunde vor sich hin. Das Evertoner Publikum demonstriert Fairplay, als es den gegnerischen (!) Spielmacher Kevin de Bruyne bei dessen Auswechslung mit anerkennendem Applaus bedenkt. Seinem Teamkollegen Raheem Sterling, für den der Ex-Bochumer Ilkay Gündogan aufs Feld kommt, werden allerdings Pfiffe und Buhrufe hinterhergeschickt. „Er hat mal für den FC Liverpool gespielt“, erläutert mein Nebenmann. Damit ist alles gesagt. Die ManCity-Fans feiern ihr Team schließlich zur Melodie von „Hey Jude“ – eigentlich ein Affront in der Stadt der Beatles. Aber das hatten wir ja schon. Wird von den Fans der Blues ähnlich teilnahmslos registriert wie der Auftritt der Oasis-Coverband gut drei Stunden zuvor.

Damit geht der Frühabend-Kick im Goodison Park zu Ende: Schlusspfiff, 1:3-Niederlage, ein freundlicher Handschlag vom Sitznachbarn zum Abschied. Nette Randnotiz, dass für beide Teams als nächstes Spiele gegen den FC Liverpool auf dem Programm standen – mit unterschiedlichem Erfolg: Guardiolas Star-Ensemble fing sich in der Champions League eine unerwartet glatte 0:3-Niederlage gegen die Klopp-Schützlinge ein, während Everton dem FC im Liverpooler Lokalderby immerhin ein 0:0 abtrotzte.

 


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