Meinung
Der Fußballfan – Staatsfeind Nummer 1?!

Polizeieinsatz während eines Fußballspiels. (Foto: Schulte)
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Es gibt Millionen Fußballfans in Deutschland. Keine andere Sportart zieht die Massen annähernd so in ihren Bann, macht Milliardenumsätze und ist landauf, landab Gesprächsthema. Fußballfans gibt es in jeder sozialen Schicht, jeder Berufsgruppe, jedem Alter, jedem Geschlecht, jeder Religion, jeder politischen Überzeugung. Trotzdem: Verfolgt man die mediale Berichterstattung oder polizeiliche Aussagen über die Fans, könnte man schnell den Eindruck gewinnen, hier seien die Staatsfeinde Nummer 1 unterwegs, gewalttätig, gemeingefährlich und nur darauf aus, Stadien und Innenstädte in Schutt und Asche zu legen.

Only bad news are good news

Eine alte medienpsychologische Weisheit besagt, „only bad news are good news“, weil Katastrophen und Horrormeldungen die Aufmerksamkeit beim Empfänger in die Höhe treiben. „Heile Welt“ ist hübsch, aber unspektakulär und deshalb in der Regel keine Berichterstattung wert. Dieses leicht zynische Prinzip wird beim Thema Fußballfans auf die Spitze getrieben. Schlägt irgendwo ein Fußballfan über die Stränge, ist das sofort eine große Meldung wert.

Wenn einige tausend Schalker Fans einen ebenso friedlichen wie beeindruckenden Marsch durch Madrid hinlegen und zwei Betrunkene nach einem Wortgefecht mit der spanischen Polizei in der Ausnüchterungszelle landen, worüber wird in den „großen“ Medien berichtet? Der BVB verhängt 88 Stadionverbote; fast zeitgleich werden tausende friedlicher schwarzgelber Fans in Lissabon drangsaliert: Die dickeren Schlagzeilen bekommt…? Die Fans von Borussia Mönchengladbach zeigen mehrheitlich gut formuliert Flagge gegen RB Leipzig, berichtet wird nur über ein einziges geschmackloses Transparent. Fans stürmen vor Freude den Platz? Eine Fußballschande sondersgleichen. Ein Dutzend Vermummter, von denen nicht einmal feststeht, ob es wirklich Schalker waren, zerlegt ein Cafe in Thessaloniki – eine Agentur-Meldung und öffentliches Bedauern von Manager Heidel. 1.400 Auswärtsfahrer, die nur die Mannschaft unterstützen wollen, müssen sich absurden Kontrollen beugen? Schlagzeilen und öffentliche Reaktion des Vereins Fehlanzeige. Die Zahl der registrierten Straftaten, Festnahmen und Stadionverbote rund um den Fußball steigt an? Politiker und Polizeifunktionäre überbieten sich darin, mit sorgenzerfurchter Stirn Interviews über die schrecklichen Entwicklungen zu geben. Die Zahlen sind samt und sonders sogar in der Polizeistatistik rückläufig? Och, das hängen wir mal lieber nicht an die große Glocke.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Verfehlungen von Fußballfans werden aufgebauscht, gute Taten wie Charity-Aktionen, Fanprojekte oder farbübergreifende Initiativen bestenfalls in der Lokalpresse kurz erwähnt. Und Schikanen gegenüber Fußballfans, ob im In- oder Ausland, oft vollständig totgeschwiegen. Dies führt dazu, dass sich Stadionbesucher fragen lassen müssen, ob sie denn keine Angst hätten und was sie bei den Asis wollen, gerne garniert mit „als Familienvater kann man ja nicht mehr mit den Kindern ins Stadion gehen, das ist ja lebensgefährlich“.

Fußball nicht zum Bürgerkrieg hochschreiben!

An dieser Stelle möchte ich die Journalisten, die immer wieder in die kriminelle-Fans-Kerbe schlagen, und polizeiliche Scharfmacher wie Lautsprecher Rainer Wendt („jeder, der sich ins Fußballstadion begibt, begibt sich in Lebensgefahr“) fragen: Was soll diese unverhältnismäßige Panikmache, die Kriminalisierung von abertausenden Fans? Warum werden Sachen wie deftige Banner oder Platzstürme, die seit Jahrzehnten beim Fußball vorkommen, in den letzten Jahren zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen hochgeschrieben? Weshalb wird die Wahrheit, nämlich dass in deutschen Stadien trotz ständig zunehmender Besucherzahlen immer weniger passiert und weniger Verletzte zu beklagen sind, hinter lautem Geschrei und großer Empörung über einzelne Vorfälle versteckt? Und: Warum wird so getan, als sei die Gruppe „ jung, männlich, alkoholisiert“ nur beim Fußball ein Problem, obwohl diese Klientel bei allen gesellschaftlichen Aktivitäten über das höchste Aggressionslevel verfügt? Auch ohne den vielbeschworenen Vergleich mit dem Oktoberfest totreiten zu wollen: Ob Volksfest oder Altstadt, Weihnachtsmarkt oder U-Bahnhof: Das Risiko, als Unbeteiligter in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt zu werden, ist beim Fußball nicht höher als anderswo. Wo viele Menschen aufeinandertreffen, sind immer auch ein paar Idioten dabei, dieses Problem hat der Fußball nicht exklusiv.

Ich glaube nicht, dass dieses nahezu flächendeckende Aufbauschen krimineller Einzelfälle zu angeblich brandschatzenden Horden Zufall ist. Die Frage ist nur: Cui bono? Wem nützt es, wenn Fußballfans in erster Linie als zweibeinige Hochrisikofaktoren wahrgenommen werden? Warum soll von Fußballfans das Bild gefährlicher Chaoten herbeigeredet und –geschrieben werden?

Bei Rainer Wendt liegt die Absicht auf der Hand: Der Mann ist Gewerkschaftsfunktionär der Polizei und als solcher regelmäßig unterwegs, lautstark die Arbeitsbedingungen der Polizisten zu beklagen und Verbesserungen zu fordern. Genauso regelmäßig schießt er dabei über das Ziel hinaus und schürt gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Fußballfans, Flüchtlinge oder Demonstranten. Ginge es nach seinen populistischen Forderungen, wären die Bürgerrechte bereits weitgehend einer Gehorsamspflicht gewichen, die Vorratsdatenspeicherung großzügig legalisiert – und in Fußballstadien würde sich nur chemisch gereinigtes Publikum auf den Sitzplätzen tummeln, denn Stehplätze wären längst Geschichte.

Seine Law-and-Order-Vorstellungen und die Forderungen nach immer stärkerer Reglementierung und  Repressalien könnte man als Provokationen eines absoluten Hardliners beim Thema innere Sicherheit abtun, wenn nicht weite Teile der Medienlandschaft darauf hereinfallen würden. Bis heute findet sich in kaum einem „großen“ Medium eine zutreffende Darstellung des Polizeieinsatzes gegen die Schalker Nordkurve im August 2013. Tauchen Fußballfans in den Medien auf, dann nahezu immer als Randalierer, Pyro-Zündler oder Gewalttäter. Dass dies eine verschwindend kleine Randgruppe betrifft, der Millionen Fans gegenüberstehen, die nur ihr Team supporten und ein schönes Spiel sehen wollen, wird nicht deutlich. 

Verhältnisse gerade rücken: Weitaus besser als ihr Ruf

Die Sportmedien sägen dabei kräftig an dem Ast, auf dem auch sie selber sitzen, denn sie setzen immer wieder auf stimmungsvolle Bilder von Stadien voller Fahnen, Choreos und Stimmung, greifen aber thematisch fast ausschließlich negative Auffälligkeiten auf. Oft ist in diesem Zusammenhang von „sogenannten Fans“ die Rede, als besäßen sie eine Deutungshoheit, wer sich Fan nennen darf. Umgekehrt wird der Terminus „gewalttätige Fußballfans“ inflationär verwendet, selbst wenn ein konkreter Vorfall überhaupt keinen Bezug dazu hat. Es reicht, wenn ein Täter irgendwie als Fußballfan erkennbar ist. So verfestigt sich insbesondere bei Nicht-Stadiongängern ein Horrorbild, das fast nichts mit der Wirklichkeit gemein hat. Und so ganz nebenbei wird so von den tatsächlichen drängenden Problemen abgelenkt.

Ich wünsche mir, dass sich das Zerrbild der Fußballfans nachhaltig ändert und einer fairen Berichterstattung weicht, die die vielen positiven Geschehnisse in den Stadien ebenso thematisiert wie die wenigen negativen Auswüchse. Die Vereine machen Millionenumsätze, die sie nicht zuletzt auch stimmungsvollen Kurven und lautstarker Unterstützung zu verdanken haben. Ohne Fans und mit Geisterspielatmosphäre wäre das Produkt Fußball nicht annähernd so gut vermarktbar wie heute. Es wäre nur fair, wenn sich die Vereine im Gegenzug für die ganz große Mehrheit positiv engagierter Fans einsetzen und nötigenfalls auch gegenüber Polizei und irreführenden Darstellungen klar Position beziehen würden.

Die unzähligen anständigen Fans haben eine bessere Lobby  verdient, denn: Ohne Fans ist der Fußball tot! Und Fußballfans sind sehr viel besser als ihr Ruf…

 


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