Podiumsdiskussion im Fußballmuseum
Gunter A. Pilz: "Fans üben mehr Druck auf Vereine und Verbände aus"

Fanforscher Gunter A. Pilz. (Foto: Ahlers)
Das Fußballmuseum in Dortmund. (Foto: Ahlers)
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Dortmund – Er ist Soziologe und Fanforscher zugleich: Gunter A. Pilz ist seit Jahrzehnten in den Fankurven quer durch Deutschland unterwegs und gilt als einer der renommiertesten Experten in seinem Fachgebiet. In Dortmund schilderte er seine Eindrücke der jüngsten Entwicklungen in den innerdeutschen Fanszenen.

Mehr: Zwischen Sicherheit und Fankultur - Diskussionsrunde im DFB-Fußballmuseum

Bei der Veranstaltung "Ohne Fans wär' hier gar nix los!" im DFB-Fußballmuseum war er Ehrengast und diskutierte unter anderem mit dem DFB-Sicherheitschef Hendrik Große Lefert oder Ansgar Schwenken, dem Direktor der DFL für Fanangelegenheiten. Pilz stellte fest: "Fußballfans sind in den letzten Jahren viel mündiger geworden, selbstbewusster geworden."

"Die Fans in den Kurven machen deutlich mehr Druck auf Vereine wie Verbände", stellte Pilz fest, der an der Universität Hannover einen Sportsoziologie-Lehrstuhl bekleidet. Gleichzeitig kritisierte er: "Verbesserungen wurden meist nur auf der Sicherheitsebene angedacht und umgesetzt - in Richtung der Fans wird allerdings nicht ausreichend gedacht."

"Operettenpublikum" bei der Nationalelf

Man müsse sich noch deutlich weiter an die Fankultur annähern, führte der Experte fort, der sein Fanverständnis unter dem Applaus der rund 100 anwesenden Zuhörer wie folgt erläuterte: "Ich meine damit natürlich den harten Kern, der stets in der Kurve steht und nicht das VIP-Publikum. Dort gewinne ich mehr und mehr den Eindruck, dass deren Event unnötigerweise durch ein neunzigminütiges Fußballspiel unterbrochen wird."

Es war eine Warnung, die Pilz dort aussprach - und die sich an die Klubs in ganz Deutschland widmete. Als Beispiel erbrachte er die Kulisse bei der Nationalmannschaft. "Das ist ein Operettenpublikum und gar nicht zu vergleichen mit dem Vereinsfußball", stellte Pilz fest und verdeutlichte: "Das ist ein mahnender Zeigefinger an uns alle mit der Botschaft: So kann es kommen, wenn wir nicht aufpassen."

"Immer die gleichen Lieder in der Bundesliga"

Nicht nur Positives konnte er aber den Entwicklungen in den Fankurven der Republik abgewinnen. Über seine letzten Stadionbesuche verriet er: "Ich höre in der Bundesliga über 90 Minuten fast den gleichen Gesang, die gleichen Trommelrhythmen. Als Trainer könnte man sogar so weit gehen und sagen, man hätte immer ein Heimspiel, egal wo man auftritt. Es ist ja doch immer die gleiche Stimmung."

Es ist eine Zwickmühle, in der sich Fans, Vereine und der Fußballverband weiterhin befinden, das steht fest. Zu guter Letzt zeigte Pilz jedoch auch positive Entwicklungen auf: So seien beispielsweise bei Hannover 96 in Absprache mit dem örtlichen Einsatzleiter entschärfende Maßnahmen wie das frühzeitige Öffnen der Stadiontore oder die Einrichtung von Schließfächern für Gästefans umgesetzt worden. Ein erster Schritt auf einem langen Weg, der der deutschen Fan- und Fußballkultur noch bevorsteht.

 


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