Gesprächsreihe "Spielkultur"
Tuchel, Gumbrecht und die Freude am Spiel...

Hans Ulrich Gumbrecht, Thomas Tuchel und Moderator Christoph Biermann (v.l.). (Foto: Weber)

Dortmund – Zum Auftakt der neuen Gesprächsreihe SPIELKULUR der DFB-Kulturstiftung trafen sich am Sonntagabend im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund BVB-Coach Thomas Tuchel und der Geisteswissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, um gemeinsam mit Moderator Christoph Biermann über fußballkulturelle Themen zu diskutieren.  

Weitestgehend losgelöst vom aktuellen Tagesgeschäft philosophierten die Protagonisten - fachkundig moderiert von Autor Christoph Biermann - unter anderem über Werte abseits des Fußballplatzes, das Fördern und Fordern junger Talente sowie über Gemeinsamkeiten zwischen dem Spitzensport und dem Universitätsbetrieb. Der BVB-Coach wirkte dabei trotz der Pleite gegen Darmstadt am Tag zuvor entspannt und gut gelaunt. „Es tut sehr gut zwischendurch etwas zu philosophieren. Das ist eine willkommene Abwechslung“, soTuchel nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung. „Direkt nach dem Spiel in Darmstadt hätte ich vermutlich gesagt: So eine Veranstaltung fällt mir schwer. Eigentlich ist aber genau dann, wenn so viel los ist, der ideale Zeitpunkt, den Kopf frei zu bekommen“, so Tuchel weiter.  

Fußball ist eben ein großer Teil im Leben des 43-Jährigen, wenngleich nicht alles. Eine Erkenntnis, die Tuchel – wie er zugab – aber erst lernen musste: „Ich habe das Abschalten gelernt, lernen müssen. Fußball ist sehr viel für mich. Eine große Leidenschaft, aber der Sport bildet trotzdem nicht das Leben ab und ist nicht alles im Leben. Es ist ein Teilbereich. Ein wahnsinnig wichtiger und eben ein Bereich, der mich berührt, wie ganz wenige Sachen sonst. Aber es ist mein großer Wunsch, mich auch als Persönlichkeit außerhalb des Sports zu bilden, weiterzuentwickeln und Eindrücke zu sammeln.“

Die Einladung des Deutschen Fußballmuseums sehe er deshalb als eine besondere Ehre an - und Gespräche mit Hans Ulrich Gumbrecht als Genuss. „Es wäre ja fast unverschämt, eine Gelegenheit auszuschlagen, jemanden wie Herrn Gumbrecht persönlich kennenzulernen...."

In diesem Zusammenhang – sich außerhalb des Platzes weiterzubilden – sprach Tuchel während der Diskussion auch das Thema Städtereisen an. Er bedauere es sehr, dass bei Auswärtsreisen mit dem Klub so wenig Zeit sei, die Geschichte der jeweiligen Orte kennenzulernen. „Dass ich den Drang habe, die Städte kennenzulernen, in denen wir spielen, dass ist auch in mir drin. Das muss möglich sein. Ich möchte mir das ganz unabhängig vom Ergebnis erlauben.“ Bislang habe man nicht viel mehr von einer Stadt gesehen als das Hotel, den Trainingsplatz und das Stadion. Das möchte Tuchel künftig gerne ändern. Da er nach den Partien meist eh nicht schlafen könne, spiele er derzeit mit dem Gedanken, sich gemeinsam mit dem Trainerteam bei nächtlichen Stadtführungen nach den Spielen die Städte genauer anzusehen.

Auch Thema? Bescheidenheit und „Größe zeigen“. Für Gumbrecht bedeutet Größe zeigen das Anerkennen von anderen. „Es war Größe des portugiesischen Nationaltrainers, Ronaldo im EM-Finale mitcoachen zu lassen“ erklärte er. Bescheidenheit sei dagegen, nicht überheblich zu sein, aber realistisch.

Aber wie das so ist: Früher war weniger Glamour im Fußball. Heute ist vieles auf den Effekt getrimmt - was Tuchel für ein bisschden gefährlich hält. „Wir waren in Kiel bei den Handballern. Die haben ihre Videoanalyse in der Garage gemacht. Auf einem Klapptisch. Im Fußball denken viele, sie brauchen erstmal ein Auto, um zu einer solchen Analyse in ein riesiges Spielerzentrum mit Flachbildschirmen zu kommen“, so Tuchel, der jedoch auch einräumte, dass eine Rückkehr in eine weniger glänzende Welt heute kaum noch möglich sei. Um seine Spieler jedoch nicht ganz abheben zu lassen, sei es ihm aber wichtig, dass zum Ende eines Trainingslagers Geld für die Hotelangestellten, die sich um das Team kümmern, gesammelt wird. „Darauf weise ich die Spieler immer hin, das ist sehr wichtig für mich, erklärte der Coach.   

Eine nicht minder wichtige Frage des Abends war schließlich die nach dem Warum eines Stadionbesuches. Gumbrecht und Tuchel waren sich hier allerdings nicht ganz einig. Für den an Universität Stanford in Kalifornien lehrenden Dozenten Hans Ulrich Gumbrecht steht die ästhetische Erfahrung und die Intensität, mit der man ein Fußballspiel im Stadion erlebt, im Mittelpunkt eines Stadionbesuches. Sieg und Niederlage seien erstmal zweitrangig, erklärte der bekennende BVB-Fan. Tuchel hingegen vertrat die Auffassung, Sieg oder Niederlage sei ganz und gar nicht zweitrangig. „Ich glaube, die Fans kommen für das Passspiel, für das Dribbling“, erklärte der Coach weiter.

Worin sich beide aber einig waren, ist ihre Berufung. Beide sind in gewisser Weise Lehrer. Für Gumbrecht kommt es darauf an, Studenten herauszufordern und zu fördern. Für Tuchel gilt dasselbe für Fußballtalente. Der Fußballcoach räumte jedoch ein, dass er jahrelang mit dem Begriff „Lehrer“ eigentlich etwas anderes verbunden habe und sich eher als Karrierebegleiter verstehe.     

Ganz ohne tagesaktuelle Bezüge ging es am Abend aber natürlich auch nicht. So wurde noch einmal zum Thema, dass es dem BVB schwer falle, gegen vermeintlich kleine Gegner zu bestehen - er jedoch auf der großen Bühne glänzen könne. Aber das ist Alltagsgeschäft, Normalität in der Arbeit mit dem Team.

Im Fußballmuseum durften alle etwas abschalten und ein bisschen über das Spiel an sich nachdenken. Eine willkommene Abwechslung.