28.700 Stehplätze
Gegen den Strom: Union Berlin und der Traum vom Stehplatz-Koloss

Dirk Thieme (l), Vorstandsvorsitzender der «An der Alten Försterei» Stadionbetriebs AG, und der Präsident des 1. FC Union Berlin, Dirk Zingler, stellen Ausbaupläne für das Stadion An der Alten Försterei am 20.06.2017 in Berlin vor. (Foto: dpa)
37.000 Zuschauer soll die Alte Försterei bald fassen können - davon werden fast 78 Prozent Stehplätze sein. (Foto: dpa)
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Berlin – Die ehrwürdige Alte Försterei, Heimat des 1. FC Union Berlin, stößt an ihre Kapazitätsgrenzen. Angesichts des sportlichen Erfolgs keine überraschende Nachricht. Doch jetzt haben die Köpenicker umfassende Umbaupläne angekündigt. Und die haben es in sich. Denn die Hauptstädter wollen gegen den Strom schwimmen.

Rund 22.000 Fans dürfen heute rein in die (gar nicht so alte) Kiste in der Wuhlheide. Aber Union Berlin hat große Pläne. Fantastische Pläne. Bis 2020 soll die Kapazität auf knapp 37.000 Zuschauer steigen.

Damit reagiert Berlin auf den hohen Zuschauerzuspruch der letzten Jahre: In der abgelaufenen Spielzeit betrug die Auslastung rund 95 Prozent, höhere Zahlen wurden mehrmals nur durch einen nicht zur Gänze gefüllten Gästeblock verhindert. Während Rivale Hertha BSC auf der anderen Seite der Stadt gerne einen kleineren Neubau realisieren würde, um nicht mehr im halbleeren Olympiastadion kicken zu müssen, stockt Union sein Schmuckkästchen auf.

Allein das wäre schon eine Nachricht wert, besonders wird sie aber erst durch die konkreten Eckdaten: Die Anzahl der Stehplätze soll weiter steigen, der Charakter der Alten Försterei damit vollends erhalten bleiben. Ungeheure 28.700 Steher will Union Berlin seinen Fans bieten – die für die Bundesliga erforderliche Anzahl von 8.000 Sitzplätzen wird dagegen nur knapp überschritten. 4.000 neue Sitzschalen müssen auf dem neu zu errichtenden Oberrang allerdings doch installiert werden, um diesen Wert überhaupt zu erreichen.

Kein deutscher Profiverein hätte mehr Stehplätze - nicht einmal der BVB

Den Gesamteindruck des runderneuerten Stadions, das schon 2020 fertiggestellt sein soll, würde das freilich nicht schmälern. Um sich das mal vorzustellen: Mit 28.700 – in Worten achtundzwanzigtausendsiebenhundert – Stehplätzen wäre Union nicht nur die Nummer Eins der Zweitligisten, sondern würde aktuell auch in der Bundesliga gemessen an den Stehern ganz vorne rangieren.

Nicht einmal Borussia Dortmund (28.100 Stehplätze) könnte mit seiner riesigen Südtribüne gegen die Stehtraversen der „Eisernen“ mithalten. Ganz zu schweigen vom beeindruckenden prozentualen Anteil: 78 Prozent der Alten Försterei werden die günstigen Steher ausmachen. Weniger als bisher, aber in einem Stadion von dann internationaler Größe eine echte Hausnummer.

Kein normaler Verein

Union Berlin ist kein ganz normaler Profiverein, das wird aufs Neue unterstrichen. Zum letzten Umbauschritt, der unter anderem in der Überdachung der großflächigen Stehränge bestand, erschienen 2000 Anhänger und leisteten insgesamt 140.000 Arbeitsstunden – unentgeltlich, versteht sich. Der Lohn ist ein Stadion mit beeindruckender Akustik, mit beeindruckendem 90-minütigem Zusammenhalt sämtlicher Tribünen. Schon das alte Stadion war in der Lage, eine frenetische Begeisterung zu erzeugen - auch mit nur einigen tausend Fans darin. Es ist eine andere Leidenschaft, die die "Eisenern" und ihre Fans ausmacht. Wer in Berlin für Union ist, der ist Fan, nicht Sympathisant oder Kunde. Das war und ist spürbar.

Union ist ein Verein für den "einfachen Fan", der sich mit dem puren Erlebnis Fußball und Stimmung begnügt. Für den, der keine Büffets, keinen Wein und keine seichte Unterhaltung in den Katakomben benötigt. 10.000 weitere Zuschauer werden schon bald für zehn, vielleicht fünfzehn Euro Zweit- oder gar Erstligafußball sehen können. Gleichzeitig werden nur 400 neue VIP-Plätze geschaffen, um den Sponsorenbedarf decken zu können. Nicht mehr als nötig, das gilt auch an dieser Stelle.

Eisern Union

Überhaupt muss dem Verein klar sein: Die Zuschauereinnahmen hätten Sitz- und Sponsorenplätze mit allem Firlefanz bedeutender erhöht als weitere Stehplätze. Sollte die herumgeisternde Befürchtung reiner Sitzplatzstadien in Deutschlands Eliteklassen irgendwann Realität werden, müssten die Köpenicker zudem erneut umbauen – und auf den Charme ihrer Spielstätte verzichten. Vielleicht kommt's ja nicht soweit.

Bis dahin wird Union Berlin mit seiner Nähe zu den Anhängern, mit seiner wundersam natürlichen Einstellung zum heutigen Konstrukt Profifußball gegen den Strom schwimmen – und alle damit verbundenen Nachteile gerne in Kauf nehmen. Eisern Union eben. Nur zwei Nummern größer.

 


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