Randale auf den Rängen
Hilfe-Ruf aus Rostock

Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)

Rostock – Langsam gehen selbst gemäßigten Beobachtern Argumente aus, warum Fußball-Klubs Randalierer wie die aus Rostock oder Berlin in ihren Stadien dulden sollten. Der FC Hansa schickt einen Hilfe-Ruf...

Der FC Hansa (bzw. viele seiner Anhänger) und Hertha BSC sind nicht eben bestens befreundet. Insofern kann man einordnen, was da mit der alten "Ostkurven-Fahne" der Hertha geschehen ist. "Gezockt" wurde sie schon vor längerer Zeit - vielleicht von Hansa-Fans, vielleicht auch von einer anderen Gruppe. Das Ende ist aber bekannt: Vermutlich eben diese Fahne wurde beim Pokalspiel gegen Hertha im Hansa-Bereich präsentiert und verbrannt. Die ultimative "Entehrung" für eine Szene, das ist nicht neu.

Die dazugehörigen Bilder sehen wie üblich aus. Maximal vermummt, in schwarz verkleidet, nicht mehr zu unterscheiden für Polizei und Kameras, traten die viele Anhänger des FC Hansa und von Hertha BSC auf. Pyrotechnik flog aus dem Hertha-Block immer wieder über den Puffer-Block, keine Rücksicht auf mögliche Verluste. Sitzschalen kokelten vor sich hin, Schals brannten. Zweimal musste die Partie unterbrochen werden, zwischenzeitlich berieten Schiedsrichter und Polizei auch über einen Spielabbruch, wie es bei der Polizei hieß.

Wie das Berliner Banner überhaupt ins Stadion gelangen konnte, ist noch unklar. Man habe durch Rostock-ferne Ordner intensive Kontrollen durchgeführt, heißt es. Man könne vermuten, dass das Banner "über vereinseigene Strukturen und mit Wissen von Vereinsoffiziellen ins Stadion gelangen konnte", so der Einsatzleiter der Polizei. Was übrigens auch keine wahnsinnig neue Geschichte wäre.

Wie auch immer: Jeder andere Fan dürfte sich angesichts der Bilder gewundert haben, warum es da hinten im Block um die reine Selbstdarstellung ging, um das Ausleben von Gewaltfantasien, und weniger um Fußball.

Es wird auch zunehmend schwieriger, das Verhalten mancher Gruppen halbwegs sachlich einzuordnen, ohne direkt zu Begrifflichkeiten wie Ausschreitungen und Randale zu greifen. Aber was anders geht da vor sich?

 

Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)
Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)
Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)
Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)
Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)
Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)
Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017.Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)
Szenen aus dem DFB-Pokal-Spiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC am 14. AUgust 2017. (Foto: dpa)

Gerade erst bekam Rostock Post vom DFB-Sportgericht. Zwei Auswärtsspiele muss der FC Hansa ohne eigene Fans absolvieren - fast etwas flehentlich hatte der Klub deshalb vor dem Pokalspiel gegen Hertha beim eigenen Anhang darum geworben, nicht durch "unsportliches Verhalten auf den Rängen und andere negative Randerscheinungen" weitere Konsequenzen hervorzurufen.

Aber in den Fanblöcken bzw. den angesprochenen Gruppen verhallen derlei Bitten ja immer ungehört. Bestenfalls verstärken sie in den Szenen das Gefühl der eigenen Position. Der DFB und die Polizei wollen unsere Fankultur zerstören: Das ist die Selbstwahrnehmung in vielen Gruppen. Und weil jede Gewalt nur Gegengewalt hervorruft, befinden sich die aktiven Szenen und die Sicherheitsbehörden in einer endlosen Spirale.

Die Polizei kann sich nicht vollständig zurückziehen: sie ist dem Gemeinwohl verpflichtet und kann nicht einfach tatenlos zuschauen, wenn Unbeteiligte gefährdet werden. Die Fanszenen sehen gar keine Basis für Gespräche. Derzeit übertreffen sich in Deutschlands Profi-Fußball die Kurven vor allem darin, den DFB zu beschimpfen und sich als einzig echte Kämpfer für den Fußball darzustellen.

Das ist ein Weg, der nirgends hinführt. Wie Hansa Rostock selbst sagt: Man sei mit dem DFB oft nicht einer Meinung. In Sachen Strafmaß und Kollektivstrafen überhaupt dürfte der DFB wenig echte Argumente auf seiner Seite haben. Es sind immer viele oder alle, die unter dem Fehlverhalten weniger leiden. Aber in der DFB-Logik ist das nicht das Problem des Verbands, sondern das der Vereine vor Ort.

In dieser Logik kann es aber nur einen "Ausweg" gegen: Das Aussperren ganzer Gruppen, aus deren Reihen Straftaten begangen werden. Aber auch das wäre ja nur ein Bekämpfen der Symptome, denn mit dem Stadionverbot festigt man ja nur die Solidarisierungseffekte ("Stadionverbotler sind immer bei uns"). Eine Spirale eben.

Hansa Rostock hatte vor dem Pokalspiel versucht, alle auf einen Minimalkonsens einzustimmen: "Im Vordergrund steht immer der Verein. Wir sind alle Teil von etwas ganz Großem und darauf können wir stolz sein. Deshalb sollte jegliches Verhalten und jegliche Handlung an diesem Tage nur im Zeichen unserer Kogge stehen."

Das hat nicht funktioniert, weil die angesprochenen Personen und Gruppen längst nicht mehr zuhören. Und da ist die Spirale geschlossen. Zwischen Polizei, DFB und eigenen Fans stecken die Vereine fest. Sie leiden unter der gegenseitigen Aggression und ihr letzter Ausweg sind Hilfe-Rufe wie jetzt der von Hansa Rostock.

Man könne Probleme wie diese im Stadion nur "gesamtgesellschaftlich" lösen. Was - um ehrlich zu sein - längst nur noch eine altbekannte Floskel ist. Denn Lösungen auf gesellschaftlicher Ebene sind nicht zu haben. Waren es übrigens noch nie. Wenn Aggression, Kraft oder einfach jugendliche Gleichgültigkeit eine so gewaltige Bühne wie den Fußball (oder eine andere gesellschaftlich relevante Bühne) bekommen, ist nichts mehr zu machen. Man kann den Betroffenen nur noch die Bühne nehmen. Aber ob das ein Problem löst?