Diskussion
Ist Pyrotechnik (k)ein Verbrechen? Der Faktencheck

(Foto: Hein-Reipen)
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Der Einsatz von Pyrotechnik in Fußballstadien ist ein im wahrsten Sinne des Wortes heißes Thema, bei dem sich Gegner und Befürworter unversöhnlich gegenüberstehen. Für nahezu alle Ultra-Gruppen und große Teile der organisierten Fanszenen sind „Pyros“ Ausdruck von Emotionen und unverzichtbar für eine lebendige Kurve, für viele andere unverantwortlich und kriminell. Susanne Hein-Reipen nennt die Fakten.  

Anlass für die jüngst aufgeflammte Debatte ist der großzügige Einsatz von Pyrotechnik durch die Schalker Fans beim Auswärtssieg in Mainz. Noch während die Fans vor Ort in blendender Stimmung die drei Punkte feierten, überschlugen sich in den sozialen Netzwerken die Forderungen, die „kriminellen Idioten“ am besten „lebenslang“ aus dem Stadion zu verbannen. Die Mainzer Polizei teilte mit, dass sie aufgrund von 9 verletzten Personen Strafverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz eingeleitet hat.

Entspannt reagierte hingegen der Mainzer Stadionsprecher Klaus Hafner: „Leute, wir haben doch den Strom bezahlt, das Licht ist an!“ Auch Schalkes Sportvorstand Christian Heidel („Wir wissen, dass wir eine saftige Strafe bekommen. (…) Man hat mir gesagt, dass so etwas bei uns einmal pro Saison vorkommt.“) blieb gelassen; dennoch werden in den Medien, Foren und Stammtischen erbitterte und oft sehr unsachliche Diskussionen über das Thema geführt. An dieser Stelle sollen daher ein paar populäre Schlagworte über Pyrotechnik auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden.

„Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ versus „Pyrotechnik ist immer kriminell!“

Die Frage, ob das Zünden von Bengalos und Co. im Stadion eine Straftat darstellt, lässt sich nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten, weil dies sowohl von der Art der verwendeten Fackeln als auch den Folgen abhängt. Das Sprengstoffgesetz teilt Feuerwerkskörper je nach Menge und Gewicht des explosiven Materials in vier Kategorien ein, für die abgestuft nach der Gefährlichkeit unterschiedliche Regeln gelten. Und: Nicht alles, was wie ein bengalisches Feuer aussieht, ist auch eins, teilweise werden auch rote Seenot-Rettungsfackeln zweckentfremdet. In der Regel liegt „nur“ eine Ordnungswidrigkeit, aber keine Straftat vor, wenn diese gezündet werden.

(Foto: Hein-Reipen)
(Foto: Hein-Reipen)

Etwas anderes gilt allerdings,  sobald Personen zu Schaden kommen: Dann ist mindestens eine fahrlässige Körperverletzung gegeben. In der jüngeren Vergangenheit gibt es zudem die Tendenz, auch ohne Verletzte zumindest eine versuchte gefährliche Körperverletzung – weil ein nicht ordnungsgemäß verwendeter Bengalo von manchen Gerichten als gefährliches Werkzeug eingestuft wird – anzuklagen.

Zudem ist Pyrotechnik in allen deutschen Stadionordnungen verboten und wird bei Identifikation der Täter mit bundesweitem Stadionverbot belegt.

Pyrotechnik ist lebensgefährlich!“

Seenotfackeln beispielsweise werden gut 2.000 Grad heiß und sind mit Wasser oder herkömmlichen Löschmitteln nicht zu löschen. Dass das in der dichtgedrängten Menschenmenge einer Fankurve zumindest abstrakt ein hohes Gefährdungspotential besitzt, kann man nicht ernsthaft bestreiten.

Demgegenüber ist allerdings festzuhalten, dass es trotz seit den 80er Jahren stetig zunehmender Verwendung von Pyrotechnik in deutschen Stadien nur sehr wenig schwere Brandverletzungen gab – und diese so gut wie nie unbeteiligte Zuschauer betrafen. Und auch die Zahl der konkret durch den Rauch beeinträchtigten Zuschauer ist geringer als viele glauben: Laut Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze wurden in der letzten Bundesliga-Saison 2016/2017 ein Polizeibeamter, 15 Zuschauer (von 12,45 Millionen, also 0,00013 %) und ein Ordner durch Pyrotechnik verletzt. Zum Vergleich: im selben Zeitraum wurden ebenfalls 17 Menschen (5 Polizisten und 12 Zuschauer) durch polizeiliches Reizgas, besser bekannt als Pfefferspray, verletzt.

Nimmt also jemand der Pyro anzündet, billigend schwere Verletzungen in Kauf? Juristisch hätte er angesichts der wenigen konkreten Schäden sehr gute Chancen, sich darauf zu berufen, dass er darauf vertraut hat, dass nichts passiert.

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