Hallenfußball der Frauen in Bielefeld
Kaffee, Mett und Weltklassefußball

(Foto: Grotevent)
(Foto: Grotevent)
(Foto: Grotevent)

Bielefeld – Am 16. und 17. Januar 2016 gaben sich vier Bundesligisten und vier internationale Topteams ein Stelldichein zum „Weltklasse-Turnier“ in Bielefeld-Jöllenbeck. Es gab Kaffee, Kuchen, Brause, Mettbrötchen und Hallenfußball auf internationalem Niveau. Jan-Hendrik Grotevent war vor Ort.

Das „Internationale Frauen-Hallenfußball-Turnier um den Pokal der Sparkasse Bielefeld“, kurz: „Weltklasse-Turnier“ wird ausgetragen in der verschneiten Sporthalle der Realschule Jöllenbeck. „Weltklasse“ ist keinesfalls übertrieben. Die Geschichte des Turniers liest sich wie ein Querschnitt durch die Geschichte und das „Who is who“ des Frauenfußballs. Gespielt wird eine Vorrunde mit zwei Gruppen à vier Teams mit Hin- und Rückrunde. Die Gruppenersten und – zweiten treten im Halbfinale gegeneinander an. Die Gruppendritten- und vierten spielen eine Platzierungsrunde. In der Endrunde wird die endgültige Platzierung im Turnier ausgespielt. Die Endrunde hat zwei Halbzeiten von zehn Minuten mit Seitenwechsel. Gespielt wird mit Vollbande und fünf gegen fünf, vier Feldspielerinnen plus Torfrau.

Sparťanky kämpft und Fofó verliert

Zu ihren Auftaktspielen nehmen die Mannschaften Aufstellung in der Hallenmitte. Jede Spielerin wird vom Hallensprecher einzeln vorgestellt, stilecht mit leicht übersteuerndem Mikro. Titelverteidiger Bayer Leverkusen bestreitet das Eröffnungsspiel. Der Tabellenzehnte der Bundesliga spielt taktisch diszipliniert und kontrolliert defensiv. Obwohl Bayer mit zwei Niederlagen in das Turnier startet, beenden sie die Vorrunde als Gruppenzweiter. Gegner im Auftaktspiel ist Sparta Prag. Der Kader besteht fast ausschließlich aus A- Nationalspielerinnen. Die Tschechinnen setzen ihre Athletik ein und schlagen die weibliche Werkself mit 3:1. Insgesamt spielen „Sparťanky“ ein durchwachsenes Turnier und werden am Ende Sechster. Turbine Potsdam nimmt bereits zum 18. Mal am Jöllenbecker Turnier teil. Der renommierte 1. FFC wird in dieser Saison von einer heftigen Verletzungsmisere geplagt, was unter anderem ein Grund dafür ist, daß die Turbinen bisher hinter den eigenen Ansprüchen zurückblieben. Die Mannschaft zeigt das technisch und taktisch hohe Niveau, die Leidenschaft für Fußball und den sportlichen Ehrgeiz, für die Turbine Potsdam steht und die immer wieder wunderbar anzuschauen sind. Auch wenn es manchmal etwas hapert (0:0 und 1:1 gegen Prag, 1:1 gegen Leverkusen)- Turbine wird Gruppensieger. Das vierte Team der Gruppe 1 und Debütant in Jöllenbeck ist CF Benfica Lissabon, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Männerclub SL Benfica. Die Spielerinnen von „Fofó“ sind, das geben sie auf Anfrage auch offen an, Hobbykickerinnen. Dreimal die Woche wird trainiert, sonst gehen die Damen regulären Berufen nach. Der Unterschied zu den zumindest semiprofessionell arbeitenden Gegnern wird schon im ersten Spiel deutlich: Gegen Potsdam fängt sich „Fofó“ ein 0:8. Am Ende sind die Portugiesinnen letzter des Turniers mit einer Tordifferenz von 6:41. Und das trotz des Einsatzes von Torfrau Elsa Santos, die einige „Unmögliche“ herausfischt.

Vollgas, Trikotfarben und gelbe Spielleibchen

Die SGS Essen äußert im Vorfeld die lautesten Ambitionen auf den Turniersieg. Im letzten Jahr hatte man das  Finale gegen Leverkusen verloren. Die SGS unterstreicht ihre Ambitionen in den Gruppenspielen. Das Team geht entschlossen zu Werke und brettert durch die Vorrunde. Alle sechs Spiele werden gewonnen, bei einer Tordifferenz von 22:4. Bereits zum siebten Mal ist Fortuna Hjørring in Jöllenbeck dabei. Einige dänische Nationalspielerinnen vertreten die sponsorenbedingt vielen Farben von Fortuna. Das Team aus Nordjütland wirft ein flinkes Kombinationsspiel in das Turnier. Mit drei Siegen und drei Niederlagen wird Hjørring Gruppenzweiter. Zum zweiten Mal ist der RSC Anderlecht, ein Name mit „genderübegreifender Bekanntheit“, beim Turnier dabei. In Jöllenbeck bringen sie eine solide Leitung aufs Parkett, die insgesamt zu Platz fünf im Endklassement reicht. Werder Bremen komplettiert die Gruppe 2. Trotz eines Sieges gegen Anderlecht wird schnell klar, daß die Werder-Frauen eine Außenseiterrolle einnehmen- zum Schluß sind sie, wie in der Bundesliga, Vorletzter. Unfreiwillig amüsant: Am zweiten Turniertag trägt Werder gelbe Leibchen über den Trikots – Wie die SGS Essen hatten sie sich für dunkle Trikots entschieden.

Döp-Döp-Döp, Bolzen und Maurermarmelade

Bei Toren werden die Torhymnen der Clubs eingespielt. Marschmusik bei Anderlecht. Turbine likes it loud („Döp-Döp-Döp-Dödödöpdöpdöp“). Bei der SGS Essen ist es nicht weniger als die Champions-League-Hymne der Herren. 92 Tore kriegt das Publikum in der Vorrunde zu sehen. Auf den Hallenrängen sitzen Interessierte, Teilnehmer am „dörflichen“ Großereignis und viele Familien. Kids gehen auf Autogrammjagd. Fast schon obligatorisch sind die beiden kleinen Jungs, die nach dem Ende des Turniers noch ein paar mal einen gefundenen Ball auf die Tore bolzen und sich dabei in die Haare kriegen. Vor dem Eingang der Halle steht eine Wurstbude. In der Halle rechts neben dem Haupteingang werden Kaffee, sprudelnde Getränke und belegte Brötchen serviert. Bei den Brötchenbelägen bleiben keine Wünsche offen, zumal Mett mit dabei ist. Mit Zwiebeln und ohne Zwiebeln. Salz und Pfeffer kann sich der begeisterte Konsument bei Bedarf selbst drauf streuen. Hinter den Theken stehen Mitglieder und Freunde der „Jürmker“ - bielefelderisch für „Jöllenbecker", gemeint ist der TuS Jöllenbeck, natürlich. Der Gastgeber hat sich wirklich ins Zeug gelegt – Ein solches Catering ist eine herrliche Abwechslung zum Einheitsfraß des männlichen Profifußballs.

Nordrhein-westfälische und tschechisch-brandenburgische Freundschaft sowie verlorene Köpfe

In den Platzierungsspielen schlägt Sparta Prag den SV Werder Bremen schnell und unspektakulär mit 3:1. Benfica unterliegt Werder mit 0:4. Im gesamten Turnierverlauf bekommen die beiden Platzierungsspiele die wenigste Aufmerksamkeit- Wenn es darum geht, wer später die letzten vier Plätze des Turniers untereinander ausspielt, erscheint einigen Zuschauern Bratwurst, Mett und Kaffee attraktiver. Im Halbfinale treffen schließlich dieselben Mannschaften aufeinander wie im Vorjahr, wenn auch in anderer Konstellation. Die Partie SGS Essen gegen Bayer Leverkusen ist die Neuauflage des Finales von 2015. Essen bringt den Schwung der Vorrunde auf den Hallenboden, rennt aber ins offene Messer der mit Übersicht spielenden Werkself. Bei der Schlußsirene hat Leverkusen mit 2:1 gewonnen. Unterstützt wird Bayer durch den Fanclub „Jetzt geht’s looos!“, der ein Banner und ein paar Chants an den Start bringt. Die Fans der SGS Essen zeigen ebenfalls ein Banner und liefern lauten Support mit Trommel und Gesang. Die Fans aus Leverkusen und Essen sind freundschaftlich miteinander verbunden. Man kennt sich von zahlreichen Bundesligaspielen und nordrhein-westfälische Bundesligavereine müßten zusammenhalten. Ein bekanntes Phänomen von Turbine Potsdam ist, daß die Mannschaft trotz allen Könnens manchmal den Kopf verliert. Und oft passiert das in entscheidenden Spielen. Im Halbfinale gegen Fortuna Hjørring, die sich heimlich, still und leise ins Halbfinale vorgearbeitet haben, agiert das Team um Wälti und Kulis konzeptlos und verliert mit 0:3. Potsdam hat die meisten Fans mitgebracht. Lautstark supporten sie die Mannschaft und feuern einzelne Spielerinnen bei Ballbesitz an. Neben dem eigenen Team unterstützen die Turbine-Fans Sparta Prag, da die beiden Clubs freundschaftlich verbunden sind. Schon zu Zeiten des eisernen Vorhang bestritten Turbine und Sparta Testspiele gegeneinander und unterstützten sich gegenseitig. In den Vorrundenspielen gegen Leverkusen und später gegen die SGS Essen kommt es zu interessanten Chant-Duellen zwischen den Turbine-Fans auf der einen und der nordrhein-westfälischen Solidargemeinschaft auf der anderen Seite. Auch gibt es an den Verpflegungsständen den einen oder anderen hämischen, aber niemals bösartigen Spruch von hüben nach drüben.

Bremen meckert, Sparta flucht, Anderlecht büffelt und Fofó raucht

Ansgar Brinkmann ist vor Ort und gibt dem Hallensprecher ein Interview. Bernd Schröder, der zum Ende der Saison nach 45 Jahren bei Potsdam aufhört, wird mit warmen Worten bei seinem letzten Auftritt in Jöllenbeck verabschiedet. Er selbst findet lobende Worte für die Organisatoren. Die Luft in der Halle ist stickig. Das Tropenhaus-Klima paßt zur engen, familiären Atmosphäre des Turniers, mit sehr viel Nähe auch zu den Aktiven. Das Team vom RSC Anderlecht sitzt neben der Kuchentheke am Haupteingang und gönnt sich eine Cola. Später wärmt sich das Team auf dem Oberrang auf. Trainer Filip de Winne gibt flaams aanwijzingen. Dabei stehen die Belgierinnen im engen Durchgang zwischen Balustrade und Herrentoilette. Jeder Austretende muß sich in die Reihe der Anderlechter Spielerinnen einreihen, die  „kop-sprung-skip“ machen sollen. Heleen Jaques bekommt als Ex-Turbine eine Packung Konfekt aus Potsdam geschenkt und ist sichtlich gerührt. Mittelfeldspielerin Ella van Kerkhoven büffelt während des Halbfinales für eine Klausur. Die sportliche Leitung von Werder Bremen macht am Stehtisch eine Kaffeerunde auf und ist mit den Spielregeln unzufrieden. Sparta-Torhüterin Alexandra Vaničková versucht, einen Trainingsball auf ihren Fingern zu balancieren. Da sie noch ihre Torwarthandschuhe trägt, mißlingt das und sie brüllt ein kerniges „Hovno!“. Der halbe Kader von Fofó verzieht sich zwischen den Spielen zum Rauchen vor die Halle, wo der Schnee ausgiebig bewundert und fotografiert wird. Hjørring spricht sich „Jerrink“. Angesprochen darauf, daß schon einige Urlaube in der Nähe von Hjørring verbracht wurden, freuen sich die Spielerinnen, daß man die „small town“ kennt. Der eigentliche Urlaubsort spricht sich „Neere Linkbüh“. Lachend trainieren die Däninnen ein paar Mal mit dem Verfasser die korrekte Aussprache.

Mexikanisches Gulasch, jubelnde Norjyder und anmutige Maurerbrause

Zur Endrunde ist die Halle bis auf den letzten Quadratzentimeter gefüllt. Bremen und Benfica spielen locker auf und präsentieren der begeisterten Halle das torreichste Spiel des Turniers. 7:5 heißt es am Ende für die Damen von der Weser. Die Portugiesinnen werden mit warmem Applaus verabschiedet. Sparta Prag will nichts mehr mit dem Turnier zu tun haben und unterliegt Anderlecht mit 3:5. „Das war mexikanisches Gulasch!“, sagt Trainer Janota, als ihn die Turbine-Fans auf die Leistung Spartas ansprechen. Gemeint hat er: „Hovno!“. Die SGS Essen ist nach dem verlorenen Halbfinale aus dem Tritt geraten. Turbine Potsdam hat dagegen wieder Tritt gefaßt und gewinnt das Spiel um Platz Drei deutlich mit 7:2. Ein versöhnlicher Abschluß für Mannschaft und Fans, obwohl bei beiden leichte Enttäuschung im Abschiedsapplaus mitschwingt. Fortuna Hjørring hat im Finale den Größten Teil der Halle hinter sich. Die Däninnen haben das Halbfinalspiel der Leverkusenerinnen genau beobachtet und denken gar nicht daran, unbedarft zu agieren. Sie gehen in Führung, bekommen aber den Ausgleich durch ein unglückliches Eigentor. Da auch Leverkusen abwartend spielt, steht es zum Ende der regulären Spielzeit 1:1 und das Neunmeterschießen muß über den Turniersieg entscheiden. Jeweils Drei treten an. Hjørrings amerikanische Torfrau Aubrey Bledsoe hält zwei Strafstöße und sichert Fortuna den Turniersieg, den die Däninnen ausgelassen bejubeln. Zum Schluß treten sämtliche Mannschaften noch einmal in der Hallenmitte an. Jedes Team bekommt einen Teilnehmerpokal und Flüssigbrotversorgung aus einer regionalen Brauerei, die Sponsor des Turniers ist. Das Siegerteam aus Hjørring freut sich ehrlich über den Siegerpokal. Linda Dallmann aus Essen wird beste Spielerin. Aubrey Bledsoe wird zur besten Torfrau gekürt. Als beste Torschützin wird Potsdams Svenja Huth ausgezeichnet. Neun Treffer hat die zierliche Angreiferin erzielt. Die ausgezeichneten Spielerin erhalten ebenfalls eine Hopfen-und-Malz-Aufmerksamkeit. So anmutig wie von Svenja Huth ist das in der Region als „Asi-Container“ berüchtigte Pappbehältnis wohl noch nie hochgehalten worden. Vermutlich wußte „die Svenni“ nicht um sein Image.

Fazit

In 32 Spielen trafen Mannschaften auf internationalem Level aufeinander. Der gebotene Sport war spannend und entsprach den Erwartungen. Zwischendurch gab es Mettbrötchen, eine Aufwärmeinheit mit dem RSC Anderlecht, einen Dänischkurs mit den späteren Siegerinnen, Fachsimpelei mit netten Leuten oder auch mal eine entspannte Zigarette vor der Tür mit dem Hallenwart. Das Frauenturnier in Jöllenbeck hat sich das Prädikat „Weltklasse“ absolut verdient. Unbedingte Besuchsempfehlung für das nächste Jahr an alle Leser!

Die komplette Turnierübersicht, Videos und Texte zum Turnier auf www.frauenturnier.com