Kommentar
Der DFB und China? Empört euch! Nicht.

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Die Debatte enthält alles, was derzeit für eine richtig schöne Empörung nötig ist. Es geht um den DFB. Um China. Und irgendwie um Geld. Da setzt ein Reflex ein, der verständlich ist. Aber nicht unbedingt auch logisch.

Am Ende war es die augenfälligste Nachricht, die alles in Gang setzte. In der Regionalliga Südwest soll der (unbesetzte) 20. Startplatz mit einem chinesischen Auswahlteam besetzt werden*. Außer Konkurrenz. Die Chinesen in der Regionalliga! Empörung, Aufregung, bestenfalls beißender Spott. Es ist ja auch einfach, darin sofort einen weiteren Beleg für den Untergang des Fußballs zu sehen.

Nur ist es eben gar kein Untergang, wenn man kurz darüber nachdenkt. Es ist eher etwas Neues. Und auf Neues reagieren Fans in diesen Zeiten ziemlich empfindlich. Dennoch...

Von der nun erregten Fußball-Öffentlichkeit offenbar seit Jahren unbeobachtet, unterhält der DFB schon seit einiger Zeit eine Kooperation mit China. Die Anfänge dieser Kooperation reichen zurück bis ins Jahr 2004. Damals schlossen DFB und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ein "Memorandum" mit dem Chinesischen Fußball-Verband ab. Vorgesehen waren gegenseitige Besuche, Freundschaftsspiele und ein generelles Kennenlernen. Verantwortlich damals unter anderem: DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, Ligaverbands-Präsident Werner Hackmann, DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt und Wilfried Straub als Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung.

Den nächsten Schritt machte der DFB bereits im Oktober 2015. Nachdem China das Thema Fußball im eigenen Land mit hoher Priorität angehen wollte, vereinbarten die deutschen Partner und der chinesische Verband eine Zusammenarbeit in der Ausbildung von Fußball-Lehrern für chinesische Schulen. Das Interesse der Chinesen war klar: Kompetenz entwickeln, sich fitmachen für die mögliche Ausrichtung eines großen Turniers in China. Und schon 2015 war die Kooperation eingebettet in einen politischen Rahmen: Angela Merkel und der chinesische Staatschef Xi Jinping hatten die Zusammenarbeit eingeleitet. Es ging nicht nur um Sport, das hatte auch eine politische Note.

Wie schrieb es schon vor zwei Jahren der DFB?

"Denn diese Erkenntnis steht als Essenz der Erfolge des deutschen Fußball: Wer die Spitze erreichen will, muss die Breite fördern. Allen Beteiligten ist klar, dass auch in China Basis künftiger Erfolge die Etablierung des Fußballs als Breitensport ist - in der Volksrepublik soll Fußball zum Volkssport werden. Dafür sind grundlegende Änderungen notwendig. Da Vereinsstrukturen bis dato keine signifikante Rolle im chinesischen Sport spielen, strebt China eine Reform aktueller Strukturen an."

Nun ja. Im Winter 2016, also praktisch gerade erst, wurde diese Kooperation noch einmal ausgeweitet. Für fünf Jahre gilt nun eine Grundlagenvereinbarung auf Staatsebene und eine Zusammenarbeit zwischen DFB und dem chinesischen Fußball-Verband.

Hat in den vergangenen Monate deswegen irgendjemand Klagen über eine Kommerzialisierung des Fußballs geäußert? Wo waren die Bedenkenträger in den vergangenen zwei Jahren?

Natürlich stieg die öffentlich-mediale Erregung erst, als der scheinbar irre Vorschlag mit der Eingliederung eines chinesischen Auswahlteams in die Regionalliga Südwest öffentlich wurde. China habe sich da eingekauft! Das Ende des Fußballs!

Auf dem Rücken des FK Pirmasens?

Und das alles womöglich noch auf dem Rücken des armen FK Pirmasens, den man dafür aus der Liga geworfen habe... Was natürlich Unfug ist, denn erstens waren die Pirmasenser sportlich abgestiegen und zweitens müsste der Klub eigentlich nicht auf die Chinesen böse sein, sondern auf Hessen Kassel. Deren Insolvenzantrag ging nämlich erst nach Saisonende ein - ein Punktabzug für Kassel in der laufenden Saison hätte aber Pirmasens gerettet. Deshalb wollte Pirmasens gerne wieder mitspielen. Aber eine nachträgliche Eingliederung aus "Gnaden-Gründen" sieht die Spielordnung nun einmal nicht vor.

Der FK Pirmasens reitet daher gerne auf der Empörungswelle mit, wusste aber schon seit Saisonbeginn, dass in der Regionalliga Südwest im Extremfall reichlich Absteiger drohen. Ein Ausnahmefall sicher, aber nicht irgendwelchen Chinesen geschuldet, sondern der speziellen Situation in den Ligen: Die beiden Südwest-Klubs Mannheim und Elversberg waren sportlich in der Relegation gescheitert, dazu stürzten gleich zwei Südwestklubs aus der 3. Liga - da werden solche Szenarien eben mal Realität. Sie sind aber allen Klubs vor jeder Spielzeit bekannt. Muss man erwähnen, dass sich jeder Klub im Wissen um die Regeln um die Zulassung bewirbt? Vorher zustimmen, um hinterher zu meckern... das ist immer schwierig. Zumal Pirmasens' Protest aus reinem Eigeninteresse erfolgte. Der dahinter platzierte FC Homburg litt ebenfalls unter den besonderen Umständen - aber von dort ist nichts zu hören.

Übrigens: Die gleiche Situation gab es zuletzt auch in der West-Staffel, in der RW Ahlen darunter litt, dass Meister Köln den Aufstieg vermasselte. Positiv profitierte dagegen die Regionalliga Bayern, in der wegen der besonderen Situation um 1860 München in diesem Jahr nur ein einziger Absteiger ermittelt wurde. In der Regionalliga Nordorst stieg überhaupt kein Klub ab. Da war natürlich kein öffentlicher Aufschrei notwendig.

Aber das nur am Rande.

Mannheim will nicht

Am Freitag meldete sich dann auch noch Waldhof Mannheim. Öffentlichkeitswirksam weigerte sich der Klub, "Testspiele" gegen die chinesische Auswahl zu absolvieren. Der Klub spricht von "wichtigeren Problemen" in der Regionalliga. Vermutlich sind die weiterhin strittigen Aufstiegsthemen gemeint. Mannheim war zuletzt gleich zweimal in Folge am Aufstieg gescheitert. Was das allerdings mit der Teilnahme einer "Gastmannschaft" zu tun haben soll, erklärt der Klub nicht.

Fans könnten ja einmal beobachten, ob Waldhof in der kommenden Saison an den beiden spielfreien Tagen andere Testspiele vereinbart und sich dann die Frage stellen, worin nun genau der Unterschied bestanden hätte.

Und was ist eigentlich so schäbig daran, den Vereinen eine Garantie-Summe zuzusagen für zwei Freundschaftsspiele in der Saison? Das wurde noch von niemandem wirklich argumentiert.

Dass zuletzt bekannt "systemkritische" Klubs wie RW Essen oder andere Ex-Profiklubs wie Oberhausen nun mit Kritik oder Spott reagierten, war erwartbar. Dass dabei die Grenzen der Logik verwischt wurden, wohl auch. Es steht wohl nicht zu erwarten, dass sich demnächst reihenweise ausländische Teams in der Bundesliga oder im Amateurfußball in Deutschland einkaufen. Auf welcher Grundlage sollte das überhaupt geschehen?  Natürlich, das klingt irgendwie schön kritisch, hat aber gar keine Grundlage außer dem bloßen Willen, sich das einfach als sportlichen GAU vorzustellen. Aber vorstellbar wäre auch, dass RB Leipzig bald beliebtester Bundesligist wird. Denkbar, aber eher ohne Grundlage.

Trotz alledem...

Um das vorsichtshalber zu erwähnen: Das Timing, das der DFB in diesen Tagen beweist, spricht natürlich Bände über den Verband. Es würde wohl niemanden mehr überraschen, wenn der Verband morgen Jack Warner als Berater einstellen würde oder wenigstens Donald Trump als besten Präsidenten ever beglückwünschte. Vor lauter Helenisierung des Fußballs hängt der Verband mitsamt der DFL die Amateurklubs immer weiter ab. Das kriegt in Frankfurt nur niemand mit, schon gar nicht der Präsident, der immer alles in Ordnung findet.

Die wirtschaftliche und sportliche Lage in und unterhalb der Regionalligen ist schlimm (wobei die Verantwortung vieler Klubs dabei auch viel zu selten hinterfragt wird). Die Aufstiegsregelung der Regionalliga-Meister ist eine Riesen-Sauerei.

Aber das alles einem Gastteam in der Regionalliga Südwest anhängen zu wollen? Das ist birnig. Und ärgerlich: Es verdrängt die echten Themen auf die hinteren Plätze.

Achja. Der DFB unterhält solche und ähnliche Kooperationen übrigens auch mit England, Indien, Israel, Japan, Polen oder Namibia... aber auch das hat bisher niemanden groß interessiert. Es ist nur kein Gast-Team im Gespräch. Und deswegen riecht das alles nach etwas viel künstlicher Aufregung. Nicht einmal den 11Freunden fällt ein echtes Argument ein. "Was an den China-Plänen falsch ist", will das Magazin erklären, aber findet nur vage "Verletzungsrisiken" von Spielern. Als gäbe es die nicht in jedem einzelnen Liga-Spiel, in dem es um echte Punkte geht, eher als in belanglosen Testspielen.

Aber das alles zeigt eben auch, dass sich die Diskussion über den Untergang des Sports manchmal zu sehr löst von der Realität und von Fakten. Und das hilft niemandem.

 

 

*Ergänzung: Der DFB betont, dass es nicht um eine "Eingliederung" des Teams in die Regionalliga gehe, sondern lediglich um fest angesetzte Testspiele für alle Teams in der Liga. Auch deswegen werde ein Gastteam weder in der Tabelle geführt noch die Punkte in der Liga gezählt werden.

 

 


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