Nach Dresden-Auftritt
Martin Kind findet Ultras doof und will ein Stehplatzverbot

Martin Kind hat eine Meinung (Arne Dedert)
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Eines ist sicher: Martin Kind wird kein Freund der Ultra-Szene mehr. Und ebenso sicher ist, dass Kind in vielen aktiven Fanszenen weiter einer der Lieblings-Ekel bleiben wird. Jetzt schimpft der Hannover-Boss über den Dresdner Auftritt in Karlsruhe und fordert ein Stehplatzverbot...

Es gibt gute Gründe, den Auftritt der Dresdner Fans in Karlsruhe unschön zu finden. Sicher ist der Anblick martialischer "Truppen" mit Panzer-Attrappen, Rauch und Schlachtrufen nicht unbedingt Kita-tauglich. Die symbolische "Kriegserklärung" an den DFB kommt in Frankfurt nicht gerade super-duper an; außerdem soll doch der Fußball eigentlich kein Kriegsschauplatz sein, nicht einmal im Spaß.

Spaß. Das ist das merkwürdige Wort. Martin Kind, Hannover-Boss und einer, für den die 50+1-Regel nur noch eine abseitige Idee ist, trägt seit vielen Jahren eine Privatfehde gegen die Ultra-Szene aus. Kind und die Ultras, das passt nicht. Der kantige Klub-Chef hat deshalb auch zu minimalen Überraschung aller seine Abneigung erneut in Worte gefasst.

In der "Welt" ließ er die Leser wissen, dass sich seiner Ansicht nach "die Mär von den spaßorientierten Ultras" nicht aufrechterhalten ließe. Wobei sicher die Frage mal aufzuwerfen wäre, wer denn den Ultras jemals ausgerechnet "Spaßorientiertheit" unterstellt hätte. Das wäre eher die letzte Definition von "Ultra", aber was weiß Martin Kind schon darüber?

Und die Stehplätze!

Und dann bringt Kind sogar noch den heiligen Gral des deutschen Fußballs ins Wanken. "In England hat die Politik schon vor Jahren ein Stehplatzverbot eingeführt. In Deutschland gibt es dafür bisher leider keine Mehrheiten." Sagt er so und es bleibt völlig offen, was Stehplätze nun mit dem Auftritt der Dresdner Fans in Karlsruhe zu tun haben. Aber da hinten auf den Stehplätzen, da stehen sie halt (und viele andere ganz normale Fans, aber wer will da schon groß differenzieren?).

Aber Dresden. Wie gesagt: Es ist ziemlich leicht, jetzt wieder einmal reflexartig über den Dynamo-Anhang herzufallen. Und so geschieht es ja auch. Der DFB spricht selbstverständlich über eine "neue Komponente" - hier fällt es ihm ja auch leichter als für eigene  Verfehlungen einzustehen. Der militärische Auftritt sei eine "Premiere, die das Strafmaß beeinflussen könnte", heißt es. Als ob ein Verband, der jedes halbwegs freche Banner gegen sich direkt in Geldstrafen ummünzt, überhaupt noch empfindlicher und weniger kritikempfänglich sein könnte.

Und damit das eine wenigstens der Form halber geklärt wäre: Körperverletzungen und Raub dürfen weder zur Fußballkultur noch zur Ultra-Kultur gehören, sondern sind schlicht kriminell.

Was man den Dynamo-Fans insgesamt für ihren Auftritt vorwerfen könnte, wäre Dummheit. Der Auftritt in Karlsruhe war nämlich viel weniger dramatisch als dämlich. Es musste der Szene ja klar sein, wie "ausgerechnet" so ein Auftritt ankommen würde. Kinder von Traurigkeit waren die Dynamo-Fans noch nie und natürlich spielen sie in Dresden diese Rolle auch gern. Sympathisch ist das auch nicht unbedingt, aber darum geht es ja gar nicht.

 

 

 

Einfacher Reflex

Die wieder einmal ausgesprochen schnelle öffentliche Erregung ist eben ein so einfacher Reflex, dass es einfach zu verlockend ist, ihn nicht zu provozieren. Dass man den Auftritt als ironisch-sarkastische und spürbar "deftige"  Verarbeitung des bundesweit existierenden Streits zwischen DFB und Fanszenen verstehen könnte? Was er vermutlich ja auch oder sogar am ehesten war. Nein, das wäre nur gegangen, wenn es die Fans des SC Freiburg gewesen wären, die da als moderne Armee gegen den Verband zu Felde gezogen wäre.

Kontrollfrage in der schrillen Aufregung: Wäre es Freiburg gewesen, wäre die Aufregung dann wohl anders ausgefallen? Wohl spätestens dann, wenn Christian Streich ein paar beruhigende Worte gefunden hätte. Aber es ist Dresden und in Dresden gibt's keinen wie Streich.

Es liegt eben eher an Dynamo Dresden, dass der Auftritt für solche Negativ-Furore gesorgt hat. Aber seien wir ehrlich: Die zugrundeliegende Idee eines symbolischen Kampfes gegen den DFB wäre nicht so wirkungsvoll gewesen, wären die Dynamo-Fans als Biene Maja oder die Eiskönigin aufgelaufen. Es musste halt grob sein. Sonst wäre es keine Botschaft gewesen.

Die "Welt" selbst formuliert es dann aber auch wieder so: "Die Übeltäter stammen in der Regel aus der Ultra- und Hooliganszene." Womit die "Fronten" dann wieder klar wären. So einfach lassen sich Hooligans und Ultras verbinden, auch wenn das an der Realität weitgehend vorbeigeht. Aber wer will sich mit Details beschäftigen, wenn die Bilder eine so machtvolle Sprache sprechen.

Aus Sicht der Dynamo-Fans dürfte die Aktion allein deswegen ein voller Erfolg gewesen sein. Alle anderen haben nichts gewonnen. Nur Martin Kind im Nacken. Kind ist ja so etwas wie das Dynamo Dresden der Gerechten.

 


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