Kommentar
Peter Neururers rasende Wut auf "die Ultras"

Peter Neururer... Fitness first und klare Worte. (Rolf Vennenbernd)
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Da hat aber jemand Dampf abgelassen. Peter Neururer hat via "Bild" einen maximal dramatischen Aufruf formuliert. Rettet den Fußball! Raus mit den Ultras! So einfach kann man es sich natürlich auch machen.

In seiner "Bild"-Kolumne ist Peter Neururer seinem Ruf gerecht geworden, und wie. Selten nimmt der frühere Bundesliga-Trainer ein Blatt vor den Mund. Das ist grundsätzlich gut, denn so weiß man immerhin, woran man mit ihm ist. Kann sich auseinandersetzen mit seiner Meinung. Besser so als wachsweiches Diplomatengerede von Verbands-Bürokraten.

Aber.

Aber natürlich versteigt sich Peter Neururer da etwas. "Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir unseren Fußball retten können", ruft Neururer wütend in der "Bild".

"Fairplay und der Respekt vor dem Gegner" würden mit Füßen getreten. Zivilcourage sei gefragt, denn: "Sonst machen diese Idioten unseren Fußball kaputt."

Das Schlimme sei, dass fast alle Vereine vor den Ultras "einknickten" und teilweise ja bereits "ultra-unterwandet" seien. "Diese Leute sitzen im Vorstand und Aufsichtsrat und führen natürlich nur Schaugefechte bei kriminellen Handlungen ihrer eigenen Gruppierung in der Öffentlichkeit, aber tatsächlich unternehmen sie nichts gegen sie."

Ultras seien der Tod des Fußballs, wollten Vereine kontrollieren. Sie liebten ihre Vereine nicht, sondern nur sich selbst. Und durch die vielen Geldstrafen machten sie klamme Klubs kaputt.

So, das steht da nun alles in einem einzigen wüsten Pamphlet.

Und man ahnt es ja schon: So einfach ist das alles nicht. Den Ultras (und mit ihnen übrigens zahllose engagierte und aktive Fans, die eben nicht Ultras sind) geht es ihrer Ansicht nach selbst um die Rettung des Sports vor dem letzte Zugriff durch Funktionäre und Sponsoren. Und es ist noch schwieriger, einfach pauschal "die Ultras" anzugreifen - denn die sind sich im Grunde nur in ihrer "Ultrá"-Kultur eins. Aber darin gibt es eher gewaltaffine Szenen, manche dagegen sind eher politisch und sozial. Einige Szenen zündeln, manche nicht.

Und dann führt Neururer ausgerechnet Szenen aus knallharten Ausnahmesituationen an? Fans nach dem Scheitern im Aufstiegskampf in Braunschweig? Bei den "Löwen"? Nicht zu entschuldigen, aber doch nicht vollständig anlasslos!  

Ist es zu viel verlangt, wenigstens ansatzweise zu differenzieren?

Vielleicht hat Peter Neururer etwas zu viel Zeit beim eher gemütlich-romantischen VfL Bochum verbracht. Sind "die Ultras" der Tod des Fußballs? Seit 20 Jahren gibt es die Ultrá-Bewegung in Deutschland. Ist der Fußball in dieser Zeit "gestorben"? Ernsthaft?

Und selbst wenn "der Fußball" (welcher denn eigentlich? Der Profi-Fußball? Der Amateur-Fußball?) dahinsiechte... wer trüge daran einen größeren Anteil? Die Ultras? Oder Verbände wie der DFB, die mittlerweile komplett an der Basis vorbeiagieren? Die nach außen die 50+1-Regel vorschieben, aber gleichzeitig Sonderlocken drehen für VW, für Bayer, für Hopp und Kind? Die sich von "Vereinen" wie Red Bull Leipzig an der Nase herumführen lassen?

Ein DFB, der mittlerweile sogar Sanktionen für kritische Banner gegen eben jenen DFB verhängt? Und das im Deutschland 2017! Meinungsfreiheit gilt unter dem Dach des DFB nicht.

Verbände wie die FIFA, die aus rein kommerziellen Interessen Weltmeisterschaften nach Katar oder Russland vergibt? Vereine, die Trainingslager in Ländern absolvieren, die für ihren laxen Umgang mit Menschenrechten berüchtigt sind? Vereine, deren Vereinsverantwortliche vorbestraft sind und sich schon mal mit mit geschmuggelten Rolex-Uhren erwischen lassen oder den Staat um Millionen Euro Steuereinnahmen bringen?

Wer ist Schuld am "Tod des Fußballs"?

Die Bundesliga, die für höhere TV-Erlöse einen Spieltag demnächst über vier Tage (!) streckt? Zweitliga-Anstoßzeiten zur Mittagszeit? Meister, die nicht direkt aufsteigen dürfen? Raffgierige und nimmersatte Spieler, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrem vielen Geld - und die dann noch versuchen, den letzten Dollar am Staat vorbeizuschmuggeln. Messi? Ronaldo? Alles unschuldige Kicker, die nur den Sport lieben? Oder auf Turbo-Kapitalismus getunte Markenmaschinen mit Unterwäsche-Linien, sündhaften Werbeverträgen.

Apropos Verträge? Kümmert es heute eigentlich irgendeinen Klub, Spieler oder Trainer noch, wer welchen Vertrag besitzt? Wer keine Ausstiegsklauseln hat, stellt sich einfach so lange bockig an, bis der Vertrag sich in Asche aufgelöst hat.

Wer ist Schuld am "Tod des Fußballs"?

Was kümmert es den BVB-Fan in Wickede, ob in Indien oder China BVB-Trikots verkauft werden? Dass Vereine über globalisierte Märkte schwadronieren und über Produktentwicklung.

Damit das nicht falsch verstanden wird: Der Profi-Fußball ist heute, was er ist. Die Entwicklung ist nicht mehr umkehrbar. Es ist schon schwierig genug für (aktive) Fans, den eigenen Spagat hinzubekommen. Mit jeder Eintrittskarte und jedem Schal oder Trikot unterstützen Fans das Wachstum ihres Klubs. Und die Sehnsucht nach Erfolgen drängt manche moralische Bedenken in den Hintergrund.

Klar: Sobald ein Verein eine gewisse Größe erreicht hat, verselbständigt sich alles. Freiburg oder Mainz haben nicht die gleichen "Probleme" wie der BVB oder die Bayern.

Die "kranken, dummen Menschen", über die Peter Neururer aus seiner Komfortzone schimpft, sind aber leider auch diejenigen, die Woche für Woche an Fahnen und Choreos basteln. Sie hängen an ihren Klubs und ihren Farben und manchmal bricht sich Wut und Enttäuschung eine Bahn. Manche sind auch einfach Arschlöcher, die raus aus den Stadien gehören. Natürlich.

Aber eben nicht alle. Nicht "die Ultras".

Vielleicht muss sich auch Peter Neururer mal in die Lage eines leidenschaftlichen Fans versetzen. Hilflos und ohne jeden Einfluss (denn die Behauptung, manche Vereine seien ultra-unterwandert, darf man wohl getrost als urban legend abtun), auf den Stehplätzen zum Zuschauen verdammt. Hätten "die Ultras" wirklich den Einfluss, den ihnen Peter Neururer unterstellt - dann würde es in einigen Vereinen aber ganz anders aussehen. Tut es aber nicht.

Es gibt übrigens reichlich Kritikpunkte an diesen Ultra-Szenen in Deutschland. Ihr eintöniger, austauschbarer und völlig abgehobener "Support" ist kaum mehr als einzigartig zu erkennen. Ihr Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei und Sicherheitsbehörden. Ihr abgehobener Duktus von "unserer Kurve". Ihr Drang, ihre "Kultur" gegen jede Regel durchzusetzen. Diese immer nervigere Attitüde "wir gegen die Bullen". Natürlich, darüber zu sprechen ist legitim. Das zu kritisieren ist leicht.

Aber Leute! In der Saison 2015/2016 verhängte der DFB Strafen in Höhe von 1,58 Millionen Euro. Für alle deutschen Profi-Klubs zusammen! Entschuldigung, aber dafür bekäme man heute gerade noch das nutzlose Standbein eines durchschnittlichen Profifußballers. Selbst der ärmste Bundesligaklub 2015/2016 (Darmstadt) stellte einen Etat von über 25 Millionen Euro auf. Meister Bayern spielte mit 572 Millionen Euro.

Vielleicht müsste man noch einmal danach fragen, welche Summen an anderer Stelle in Trainerabfindungen oder sinnlose Spielertransfers gesteckt wurden.

Und dann spricht Peter Neururer über dumme Menschen, über Idioten und Kriminelle. "Auch Anwälte und Ärzte mischen sich ja unter die pöbelnde Masse, weil sie einen speziellen Kick suchen."

Nein, also da passt absolut gar nichts zusammen. Ich sage es jetzt ebenso frei heraus wie Peter Neururer: Das ist ein polemischer, opportunistischer Kackmist auf Boulevard-Niveau.

 

 

 

 

 

 


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