Über einen Scharfmacher
Rainer Wendt: Hart und simpel und doppelt abgerechnet...

Rainer Wendt. (Foto: dpa)

Seit Freitag ist bekannt: Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft und Lieblingsfeind aller Fußballfans, hat ein Beamtensalär bezogen, das ihm nicht zustand. Die doppelte Abrechnung nimmt Jan-Hendrik Grotevent zum Anlass, Rainer Wendt auch zu bilanzieren. Nicht doppelt, aber komplett.

Wer ist Rainer Wendt eigentlich? Er ist der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Die ist nach der Gewerkschaft der Polizei (GdP) die zweitgrößte Gewerkschaft von Polizisten in Deutschland. Ihre Aufgabe ist die Vertretung der rechtlichen, sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und finanziellen Interessen ihrer Mitglieder, lies: der Polizeibeamte, die in der DPolG organisiert sind. Die Aufgabe des Bundesvorsitzenden ist neben internen Organisations- und Satzungsangelegenheiten die Vertretung der DPolG in der Öffentlichkeit und gegenüber Regierung und Parlament, lies: Es ist der Job von Rainer Wendt, für die Interessen der in der DPolG organisierten Polizisten zu sprechen und diese vor Staat und Gesellschaft zu vertreten.

Umso überraschender sind die Positionen, die Rainer Wendt in der Öffentlichkeit vertritt. So forderte er beispielsweise im Jahre 2012 die Abschaffung aller Stehplätze und eine Pauschalstrafe von 100.000 Euro für die Vereine, deren Fans an Ausschreitungen beteiligt seien. Nach dem fragwürdigen Polizeieinsatz beim Spiel Schalke gegen PAOK im Jahre 2013 rechtfertigte er die Verwendung von Knüppeln und Pfefferspray, sah die Aktion in Anlass und Durchführung als notwendig an und bezeichnete Gegenstimmen, die den Einsatz kritisierten, als in praktischen Dingen ahnungslos.

Hart und simpel

Allein im Zusammenhang mit Fußballfans gibt es eine Menge weiterer Aussagen Wendts in dieser Art. Rainer Wendt ist der Vertreter einer ebenso harten wie simplen Position des Überall-Durchgreifens, nicht nur im Zusammenhang mit Fußball. Das zeigt auch ein Blick auf die Positionen der DPolG. Hierzu merkt Bert Losse in der Wirtschaftswoche an, dass "kaum eine andere Gewerkschaft [...] so auf ihren Chef zugeschnitten [sei] wie die DPolG". Wendt habe es geschafft, so Losse weiter, "sich in Fragen der inneren Sicherheit mit markigen Worten als Lautsprecher des deutschen Polizeibeamten zu etablieren".

Vertritt er so die Position der Polizei? Nein! Die konkurrierende GdP bezeichnete die Kostenbeteiligung der Vereine an Polizeieinsätzen als wenig sinnvoll. Vertritt Wendt die DPolG, um sie zu "pushen", wie er selber sagt? Vertritt er in diesem Zusammenhang die Interessen seiner Kollegen, wie er auch gerne mal betont? Nein! Kein Polizist kann etwa die dauerhafte Praxis eines Blocksturms ernsthaft wollen, wo er mit ziemlicher Sicherheit was vor den Helm kriegen und Verletzte auf beiden Seiten zum Wohle eines nebulösen Sicherheitsverständnisses in Kauf nehmen soll.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wer ist Rainer Wendt eigentlich? Er vertritt weder eine fundierte Position der Polizei noch die Interessen der Polizeibeamten. Trotzdem ist er in ungezählten Fernsehbeiträgen und Talkshows zu sehen. Um die Ausgangsfrage zu beantworten: Wendt vertritt die "harte Linie" in Sendeformaten, die nach dem Prinzip "Gefühl der Unsicherheit – Angst – hohe Einschaltquote" funktionieren. Zudem "kann" Wendt Kamera. Er weiß sich und seinen Sermon zu präsentieren, ist rhetorisch fit. So ist er genau der richtige, um der mit "Bedrohung" angetriggerten Zuschauerschaft eine einfache Law-and-Order-Lösung ins Gesicht zu brüllen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Argumente flach sind oder die Demagogie fragwürdig ist.

Massentauglicher Scharfmacher und Doppelverdiener

Und jetzt kommt heraus, dass der "Scharfmacher" ein Gehalt für eine Tätigkeit als Polizist bezogen haben soll, die er gar nicht mehr wahrnahm (soviel übrigens zum Kontakt zur Basis als Gewerkschafter, das nur am Rande). Aufwandsentschädigungen und Salär bezieht Wendt außerdem von der DPolG. Wendt ist als Bundesvorsitzender einer Gewerkschaft in exponierter Position. Er nutzt sie als massentauglicher Scharfmacher. Er hält das Gesicht in jede Kamera und haut ein Schlag-drauf-und-Ruhe raus, das nicht der Position der Polizei entspricht. Aus alldem lässt sich nur ein Schluss ziehen: Wendt interessiert sich nur für Wendt. Sollten sich eines Tages mal Polizei und Fußballfans verbrüdern, wird Wendt der erste sein, der mit Megafon auf den Zaun steigt – natürlich nur, solange er dabei gefilmt wird.

Nun scheidet Rainer Wendt aus dem Polizeidienst aus. Der DPolG wird er weiterhin vorsitzen. Damit ist es nicht unwahrscheinlich, das er uns auch als "Sicherheitsexperte" erhalten bleiben wird. Dass ein inhaltlich vollkommen irrelevanter, dafür aber laut brüllender Pseudo-Saubermann sich so in einer sehr komplexen Debatte hervortun konnte, der ein sachlicher Austausch mehr als gut täte, wirft kein gutes Licht auf die Kultur der Diskussion rund um "Fußballsicherheit". Ja, den Schuh müssen sich auch die Fans anziehen. Die einzige Lehre, die jetzt und seit eh und je aus dem "Phänomen Rainer Wendt" zu ziehen ist, ist sich auf die eigenen Argumente zu besinnen, sich sachlich mit der Gegenseite auseinanderzusetzen und weder Zeit noch Hirn an "Scharfmacher" zu verschwenden. Dann erledigt sich ein Wendt von ganz alleine.