Nicht nur „Für die Jungs, die draußen steh’n“
Stadionverbot – was steckt dahinter?

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Das Stadionverbot. Irgendwie unverständlich für Unbeteiligte, aber tägliches Brot für die aktiven Fanszenen landauf, landab. Schneller als erwartet, flattert so ein Schreiben auf den Tisch. Susanne Hein-Reipen erklärt, was es damit auf sich hat...

Nach den aktuellen Zahlen der „Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze“ der Polizei (ZIS) bestehen derzeit rund 1.621 bundesweite Stadionverbote, dazu kommen zahlreiche örtliche Verbote. Die absolut meisten hat regelmäßig der BVB; setzt man hingegen die Zahl der verhängten Stadionverbote ins Verhältnis zu den Zuschauerzahlen, liegen mit Energie Cottbus, Dynamo Dresden und dem VfL Bochum drei nicht erstklassige Vereine vorne.

Der typische Stadionverbotler ist nach einer Studie des Ruhr-Uni Bochum männlich – und durchschnittlich 29 Jahre alt, wobei das Altersspektrum von 16 bis 74 (!) Jahren reicht. Weiteres interessantes Detail: 70 Prozent der Stadionverbotler sind bereits wegen anderer Delikte vorbestraft. Gehört der Slogan „Fußballfans sind keine Verbrecher“ also ins Reich der Fabeln? Oder haben die organisierten Fanszenen, die in Stadionverboten oft „Kollektivstrafen“, „Sippenhaft“ und Willkür sehen, Recht? Susanne Hein-Reipen wirft einen Blick auf die tatsächliche Rechtslage und Vergabepraxis in Deutschland.

Bundesweite Stadionverbote wurden 1993 durch das seitdem ständig fortgeschriebene „Nationale Konzept für Sport und Sicherheit“ (NKSS) eingeführt, mit dem eine Arbeitsgruppe aus Vertretern mehrerer Ministerkonferenzen, des DFB und DSB und des Deutschen Städtetags einen „friedlich-sportlichen“ Ablauf gewährleisten und die Gewalt und Straftaten in und um Stadien eindämmen will. Ein solches Verbot ist bei allen Veranstaltungen der Lizenzligen, der Regionalligen, des DFB und der DFL wirksam. Die Höchstdauer wurde 2007 von fünf auf drei Jahre herabgesetzt; in wiederholten schweren Fällen sind fünf Jahre möglich. Der Vorschlag des umstrittenen „Sicherheitsgipfels“ im Juli 2012 sah sogar zehn Jahre vor.

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Einschneidende Maßnahme

Es liegt auf der Hand, dass ein mehrjähriges Verbot, in Deutschland ein Fußballspiel zu besuchen, für die betroffenen Fans eine einschneidende Maßnahme ist. Doch diese kann nicht nur auf Grundlage eines entsprechenden Gesetzes in einem geordneten Verfahren von einer staatlichen Stelle verhängt werden: Stadionverbote sind rechtlich eine präventive und rein zivilrechtliche Maßnahme auf Basis des örtlichen Hausrechtes zur Verhinderung künftiger ähnlicher Störungen - und keine staatliche Sanktion, egal, wie hoch der gefühlte Strafcharakter sein mag.

In allerschönstem Juristendeutsch heißt es in den „DFB-Richtlinien zur einheitlichen Behandlung von Stadionverboten“ ein Stadionverbot ist die auf der Basis des Hausrechts gegen eine natürliche Person wegen sicherheitsbeeinträchtigenden Auftretens im Zusammenhang mit dem Fußballsport, insbesondere anlässlich einer Fußballveranstaltung, innerhalb oder außerhalb einer Platz- oder Hallenanlage vor, während oder nach der Fußballveranstaltung festgesetzte Untersagung bei vergleichbaren zukünftigen Veranstaltungen eine Platz- oder Hallenanlage zu betreten bzw. sich dort aufzuhalten.

Dass sich ein Zuschauer durch den Erwerb der Eintrittskarte verpflichtet, die Stadionordnung und das Hausrecht des Veranstalters zu akzeptieren und dass dieser bei Verstößen ein örtliches Stadionverbot aussprechen und den Eintritt verwehren kann, dürfte dabei noch weitgehend unumstritten sein. Aber wieso ist allein der Hausrechtsinhaber am Spielort inklusive der An- und Abreise gleichzeitig zuständig für alle Stadien der Republik? Fanorganisationen bemängeln, dass dies regelmäßig dazu führe, dass vor allem Auswärtsfans großzügig von Stadionverboten betroffen seien, da viele Vereine kaum Interesse daran hätten, die Fälle gegnerischer “Problemfans“ sorgfältig zu prüfen. Der Verein, dessen Fan der Betroffene ist, hat keinerlei Einflussmöglichkeiten, obwohl er den Betroffenen, sein Umfeld und die Sozialprognose regelmäßig wesentlich besser einschätzen könnte.

Dennoch ist es Teil der Lizensierungsordnung und somit Bedingung, um überhaupt am Spielbetrieb teilnehmen zu können, dass die Clubs durch eine Erklärung ihr Hausrecht quasi auf die anderen Vereine und den DFB „ausweiten“ und diese so bevollmächtigen, auch in ihrem Namen Stadionverbote auszusprechen, die sie dann anerkennen und durchsetzen müssen. Dieses Konstrukt ist einmalig und unter Juristen umstritten. 

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