Ben Redelings sagt Ja, aber...
Vermissen wir Franz Beckenbauer?

Franz Beckenbauer 2016... (Foto: dpa)
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Es ist ruhig geworden um Franz Beckenbauer. Das schreibt Ben Redelings in seiner aktuellen Kolumne für n-tv. Und es stimmt: Der Mann, der zu allem befragt wurde und zu allem etwas gesagt hat, schweigt. Ist das schlimm?

In seiner aktuellen Fußball-Kolumne für n-tv schreibt Autor und Fußball-Chronist Ben Redelings über Franz Beckenbauer. Beziehungsweise über dessen Abwesenheit im Fußball-Zirkus.

Seit einiger Zeit ist Beckenbauer, der einst zu allem befragt und zu allem etwas zu sagen hatte, verschwiegen. Seine öffentlichen Auftritte sind selten, werden allenfals lokal zur Kenntnis genommen. Beim FC Bayern darf er seine Kreise ziehen und wird gefeiert; was allerdings nicht viel heißt in diesem Verein, der für seine... äh... weltoffene Volkstümeligkeit bekannt ist.

Die "meisten Deutschen" schätzten Beckenbauer aber noch, so Redelings' Eindruck. Das sei spürbar, schreibt er. Natürlich weiß Redelings selbst sehr wohl, warum und vor allem seit wann Beckenbauer das große öffentliche Wort scheut. Der Zoff um das "Sommermärchen 2006" hat am Ruf der einstigen "Lichtgestalt", des "Kaisers" gekratzt. Und in der folgenden Stille mischt sich wohl gekränkte Eitelkeit (Beckenbauer) mit großer Wut und Enttäuschung (Fußballfans).

Also: Vermissen wir Franz Beckenbauer? Wirklich?

Zunächst ist unstrittig, welche Bedeutung Beckenbauer für den deutschen Fußball hat. Das ist eine Geschichte, die sich nicht verändern wird - und selbst wenn seine Rolle derzeit noch überlagert wird von den vergangenen Jahren, wird sich das auf Dauer wieder verändern. Durch die Kraft der Zeit. Selbst Helmut Kohl, den man im Zuge der Parteispenden-Affäre am liebsten direkt entfernt hätte und der in seiner Zeit als "Birne" verspottet wurde, wird nun für seine unstrittigen Verdienste als großer Europäer gefeiert.

Damit soll nicht auf ein baldiges Ableben Beckenbauers hingewirkt werden, um Gottes willen nicht. Aber die Sehnsucht nach Franz Beckenbauers schnarrendem "Schau'n mer mal" hat schon etwas Verklärtes, Romantisches. Es überrascht nicht, dass der große Fußball-Romantiker Ben Redelings ihn vermisst.

Beckenbauer war halt immer da, so steht es geschrieben und das stimmt. Seit den 60-er Jahren begleitet uns der Mann, den wir alle im Sommer 1990 noch allein auf dem Spielfeld spazieren sehen, während Brehme und Co. den WM-Titel feiern. Beckenbauer hat uns den ersten großen sportlichen Triumph im neuen, vereinten Deutschland geschenkt.

Ist es ein Zufall, dass Redelings' Text in eine Zeit fällt, in der viele der alten "Helden" ihre Posten aufgeben? Reinhold Beckmann verabschiedet sich aus der Sportschau, Marcel Reif lässt das Mikro fallen, Rolf Fuhrmann auch... Hansch und Breuckmann haben schon vor langer Zeit Tschüss gesagt. Alte Zeiten gehen dahin.

Aber man muss wohl ein Kind der 70-er, der 80-er oder 90-er sein, um das nachfühlen zu können. Schwer vorstellbar, dass die Jahrgänge ab 2000 ähnliche Wehmut verspüren. Das liegt an uns, den alten Fans, die Fußball noch aus einer unbeschwerteren Zeit kennen.

Das Problem mit Beckenbauer ist aber eines der vergebenen Chancen - und das passt ja zum Fußball.

Noch im September 2015 feierte die "Zeit" Franz Beckenbauer zum 70. Geburtstag als den "Erhabenen", den Mann, der alles sagen darf. Beckenbauers schlimmster "Tiefpunkt" war damals noch sein Ausflug in die Musikwelt. "Der musikalische Auftritt markiert einen Tiefpunkt einer glanzvollen Karriere. Vielleicht sogar ihren einzigen. Man könnte die Geschichte allmählich vergessen", schrieb die "Zeit" damals. Tja, wäre das schön, wenn dies schon alles zum Vergessen gewesen wäre.

Nur wenige Wochen später musste die "Zeit" (und mit ihr jedes andere Medium) über "Strippenzieher", korrupte FIFA-Funktionäre schreiben. Über Bestechungsgelder, die vielleicht geflossen waren. Und mittendrin stand relativ schnell auch der Franz Beckenbauer. Der Mann, dem Deutschland Anfang der 2000-er Jahre zu Füßen lag, weil "der Franz" die WM nach Deutschland geholt hatte. Plötzlich wollten die Fans nichts mehr wissen vom "Sommermärchen", was natürlich Blödsinn war und ist, weil das Sommermärchen auf den Straßen und den Plätzen des Landes tatsächlich stattgefunden hat. Als ob der Skandal das Neuville-Tor gegen Polen vergessen gemacht hätte.

Am Rande einer Bundesliga-Trainertagung stellen der Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Erich Ribbeck (l), und Franz Beckenbauer, Vizepräsident des deutschen Fußball-Bundes (DFB), am 14.12.1998 in München das Logo für die Bewerbung Deutschlands zur Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006 vor. (Foto: dpa)

Redelings lässt (wohl nicht zufällig) Marcel Reif sprechen. Der Franz, mit seinem Charisma und seiner Menschlichkeit, der könne doch nicht "bewusst Unrechtes" getan haben, glaubt Reif. Und das ist ja nun wirklich Mythenbildung ersten Ranges. Als ob ein Mensch nicht Gutes tun könnte und Schlechtes zugleich. Und ebenso wenig zufällig ist das Argument dann auch nicht die Verantwortung von Beckenbauer, sondern die Opferrolle vom "Helden zum Aussätzigen", die Marcel Reif bedrückt und Redelings offenbar auch.

Die Rolle, die Beckenbauer gespielt hat und die wohl auch Auslöser seines Schweigens ist, ist aber Beckenbauers alleine. Der "Kaiser" hat die Chance verpasst, so einfach ist das. In all den Pressemitteilungen seiner Sprecher teilte Beckenbauer immer mit, er kooperiere vollständig.

Aber wer von uns Fans hat Franz Beckenbauer jemals im Fernsehen gesehen mit einer halbwegs aufrichtigen Erklärung? Auf die Gefahr hin, dass alles mit einem lauten Knall implodiert - aber was wäre das für ein Befreiungsschlag gewesen!

Wir wissen oder ahnen doch längst, dass in Verbänden, in denen es um Milliarden Dollar geht, Leute die Hände aufhalten. Muss man den Namen Jack Warner erwähnen? Fedor Radmann? Ist es unhöflich zu sagen, dass vermutlich manchen Fans herzlich schnurzegal gewesen war, ob die WM durch Bestechungsgelder nach Deutschland kam?

Wie ist sie denn nach Russland und Katar gelangt? FIFA ist Politik und viel, viel Geld. Wer in dem Zirkus mitspielen will, hält sich an die Regeln. Aber wer im System steckt, der schützt es, wenn es auch den eigenen Ruf ruiniert.

Ben Redelings wünscht sich eine Rückkehr zu einer "Normalität" für Beckenbauer. Diese Normalität - welche wäre das denn? Eine Normalität, in der Fußball-Funktionäre für die eigene Tasche arbeiten, hinter verschlossenen Türen agieren? Die Normalität eines Fußballs, der schwache Länder zwingt, horrende Summen für völlig überflüssige Stadien auszugeben, die anschließend verrotten? Der sich alle vier Jahre sechs Wochen im Medienglanz dreht? Die Normalität eines Verbandes, dem es um viel Geld geht und nur am Rande um Fußball? Der den Sport auf Turbo-Kapitalismus trimmt, die Gewinne maximiert, die Fans domestizieren will?

Nein, für all das ist Beckenbauer nicht persönlich verantwortlich. Es hat auch nur noch am Rande zu tun mit seiner Rolle. Aber Beckenbauer war einflussreicher Funktionär in dieser Welt und er hatte an einem entscheidenden Punkt die Wahl. Er hat sich entschieden zu schweigen. Meinetwegen darf er weiter schweigen. Ich vermisse ihn nicht.

Über den Rest können ja alle anderen reden.

 


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