Öffentliche Diskussion
Warum die Herren Gasperoni und Müller einen Nerv treffen...

Nationalstürmer Thomas Müller wehrte sich gegen die Kritik an ihm. Foto: Guido Kirchner (Guido Kirchner)
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Also Deutschland hat in der WM-Qualifikation in San Marino gespielt und erwartungsgemäß hoch gewonnen. So wie schon in den bisher zwei weiteren Spielen gegen die winzige Republik. Anschließend fühlte sich der Journalist und frühere Funktionär Alan Gasperoni zu einem offenen Brief inspiriert. An Thomas Müller. Und beiden haben völlig Recht.

Der Ärger begann irgendwann nach Abpfiff des Länderspiels in San Marino. Von all dem, was Nationalspieler Thomas Müller nach Abpfiff sagte, blieb dem Journalisten und früheren Sport-Funktionär Alan Gasperoni vor allem ein bestimmter Eindruck haften. Dass nämlich Müller und irgendwie "die Deutschen" einen Mangel an Respekt bewiesen hatten. Müller hatte auf die Sinnfrage eines Journalisten unter anderem geantwortet, dass die Partie mit "professionellem Fußball natürlich nichts zu tun hatte". Und dass Spiele wie dieses angesichts von Verletzungsgefahr und schwieriger Plätze vielleicht nicht nötig seien.

Genau das brachte Gasperoni auf die Palme. Er verfasst noch am Abend einen offenen Brief, den er via Facebook verbreitete. Der Text, nun ja, ist eine frech-freundliche Kritik an Müller, die Gasperoni mit ein paar Klischees über die ollen Deutschen in Tennissocken garniert. Okay, der Verweis auf "die Deutschen", die sich nie ändern würden, hätte wohl nicht unbedingt sein müssen, aber im Grunde ist das alles nur Beiwerk ohne echte Bedeutung.

Der eigentliche Kern der Kritik rührt an etwas, was Thomas Müller selbst gesagt hatte. Dass hier nämlich "die Kleinen" die Chance bekommen, gegen "die Großen" zu spielen. Dass aber solche Spiele von unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden.

Es ist doch so: UEFA und FIFA blasen ihre internationalen Wettbewerbe immer weiter auf. Die sogenannte Champions League ist längst eine Veranstaltung geworden, in der selbst abgehängte Spitzenklubs noch spielen dürfen. Gruppenphasen und Zwischenrunden sorgen für möglichst viele Spiele mit möglichst großen Vermarktungserlösen. Turniere wie EM und WM werden mit zusätzlichen Nationalteams aufgepumpt, die Qualifikationsrunden länger. Zwischendrin hier ein Confed-Cup, dort Olympische Spiele. Und Nationalspieler bekommen es in den Ligen zusätzlich noch mit Pokalspielen und dem normalen Liga-Betrieb zu tun. Das ist eine Belastung, die seit Jahren von den "großen Klubs" beklagt wird, die aber zugleich von dieser gewaltigen Omnipräsenz profitieren. Durch immer wahnsinnigere TV-Gelder, durch Internationalisierungs-Strategien, mit denen dieser neue Ruhm noch verbreitet werden soll. Und dazu düst dann ein Verein wie der FC Bayern gerne zwischendurch auch mal für ein "Testspiel" quer über den Globus.

Vor diesem Hintergrund ist Thomas Müllers Hinweis zu verstehen und er hat völlig Recht damit. Ebenso liegt aber Gasperoni völlig richtig mit seiner Kernaussage, dass solche Spiele für "die Kleinen" bedeutsam sind. Nicht jedes seiner Argumente sitzt - dass Müllers "Manager" Rummenigge und Beckenbauer je den Eindruck vermittelt hätten, der Fußball "gehöre ihnen", ist selbst bei kritischer Betrachtung der beiden eher unwahrscheinlich. Und mit ihren Interessen unterscheiden sich weder Rummenigge und Beckenbauer von jedem anderen Fußball-Funktionär jedes Top-Klubs in Europa.

Das eigentliche Problem geht tiefer und wird in diesem Zusammenhang zu wenig diskutiert. Dass der Fußball auf der einen Seite größer und größer und teurer wird, zugleich aber die Verantwortung für jene Klubs und Länder wächst, die damit nicht Schritt halten können. Oder die sich beim Versuch, ein paar Krümel zu erhaschen, völlig übernehmen. Die gewaltigen Stadion-Ruinen in Südafrika und Brasilien sind Mahnmale dafür.

Gasperoni verweist selbst auf die Bedeutung solcher Spiele für kleinere Verbände. Mit den Erlösen lassen sich Projekte vor Ort finanzieren, die Einnahmen entsprechen oft ganzen Jahres-Etats. Ganz abgesehen von dem kurzen Moment im Rampenlicht, der willkommenen Ablenkung und dem niemals langweilig werdenden Duell zwischen internationalen Stars und Feierabend-Kickern.

Dass der offene Brief von Gasperoni offenbar einen Nerv getroffen hat, dürfte zwei Umständen geschuldet sein. Zum einen der schlichten Tatsache, dass Thomas Müller als Bayern-Profi ein willkommenes Ziel ist und von vielen reflexartig als Vertreter des "Kommerzialisierungs-Wahns" wahrgenommen wird. Zum anderen aber, dass vielen Fans genau diese größer werdende Kluft zwischen den wirtschaftlichen Interessen und dem größer werdenden Abstand der "Kleinen" sehr bewusst ist. Und das ist immerhin ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass für den Fußball noch nicht alles verloren ist.

 


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