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Ein umfunktioniertes Krabbenfischerboot bringt schwimmende Barrieren bei Venice, Louisiana aus.

Analyse: Gemischte Gefühle im Ölpest-Gebiet

04. August 2010 23:11 Uhr von Von Frank Brandmaier, dpa

Venice (dpa) Das «Static Kill»-Manöver scheint zu funktionieren, BP spricht von einem «Meilenstein». Im Süden Louisianas schöpfen die Menschen Hoffnung - doch Sorge bereiten die Langzeitfolgen. Und auf die wichtige Öl-Industrie wollen und können sie nicht verzichten.

«Big "O"» und die anderen Charterkapitäne und Fischer von Venice ganz im Süden Louisianas haben es gewusst. «Ich bin absolut zuversichtlich, dass sie es stopfen», zeigte sich Owen Langridge optimistisch, als sich BP bei seiner Ölquelle am Golf von Mexiko an das «Static Kill»-Manöver machte. Der endgültige Sieg über das Bohrloch nach mehr als 100 Tagen Drama scheint nun zum Greifen nah. Aber in die Freude und Hoffnung mischt sich auch eine kräftige Portion Skepsis unter jenen, die mit dem Meer ihr Geld verdienen - auch wenn ein neuer ein Regierungsbericht darauf hindeutet, dass alles vielleicht doch nicht ganz so schlimm ist wie befürchtet.

Tropenschwüle lastet schwer auf der Cypress Cove Marina von Venice, der Himmel ist bleigrau. «Das Öl sitzt im Marschland und wird dort so schnell nicht verschwinden», meint schulterzuckend Gerard Barrois, ein pensionierter Polizist. Hafenmeister Mike Ballay machen unterdessen die chemischen Bindemittel mehr Sorgen: «Vielleicht haben wir in zwei, drei Jahren Fische mit nur einem Auge», knurrt er, nur halb im Scherz. «Die Meeresfrüchte müssen anständig getestet werden. Wenn sie unbedenklich sind, werden die Leute auch wieder hierher zurückkommen.» Immerhin: Am Wochenende ist er rausgefahren aufs Meer, nachdem die Behörden die Gewässer wieder für die Fischerei freigegeben hatten. Und der Fang war gut.

Einem neuen Regierungsbericht zufolge sollen in der Tat Dreiviertel des Öls, das seit Ende April aus dem Bohrloch geschossen war, bereits verdunstet, aufgelöst, aufgesammelt oder auf andere Weise unschädlich gemacht worden sein. Nur 26 Prozent seien noch im Meer oder am Ufer - Forscher glauben, dass dieser Rest wohl keinen allzugroßen Schaden mehr anrichtet. Die «New York Times» merkt am Mittwoch jedoch an, dass es die für den Report federführende US-Wetter- und Klimabehörde NOAA war, die zu Beginn der Katastrophe die Menge des ausgetretenen Öls deutlich unterschätzt hatte.

Carol Browner, oberste Energie- und Klimaberaterin von Präsident Barack Obama, zeigt sich jedenfalls optimistisch. «Unsere Wissenschaftler und externe Forscher glauben, dass die allergrößte Menge des Öls nun im Griff ist. Es wurde abgeschöpft. Mutter Natur hat ihren Teil getan. Es ist verdunstet. Ich glaube, wir haben die Wende geschafft», sagte sie dem Sender CNN am Mittwoch.

Aber endgültig Entwarnung wollen weder Browner noch die NOAA-Chefin Jane Lubchenco geben. «Ich glaube, wir kennen die ganzen Auswirkungen der Ölpest auf das Ökosystem und die Menschen am Golf noch nicht», räumt Lubchenco ein. Eine der größten Fragen sei, welche Folgen das Öl auf die Eier und Larven von Fischen, Krebsen und Krabben hat. Aufschluss darüber werden wohl erst die nächsten Generationen der Meeresbewohner geben. Jedoch: «Wir sind in der glücklichen Lage, dass die Abbaurate im Ökosystem des Golfs recht hoch ist.»

Für Beraterin Browner ist der Kampf gegen das Bohrloch solange noch nicht gewonnen, bis die Quelle in einem zweiten Schritt von unten über einen eigens angelegten Nebenzugang mit Zement versiegelt ist. «Der "Static Kill" kommt gut voran, aber am Ende ist es die von uns angeordnete Entlastungsbohrung, die der "finale Kill-Kill" ist.»

Auch wirtschaftlich scheint es für die Menschen in der Region wieder voranzugehen, seit das Bohrloch Mitte Juli provisorisch gestopft wurde. 20 bis 25 Kundenanfragen habe er in den vergangenen Tagen bekommen, berichtet Charterkapitän Langridge zufrieden. Mit Beginn der Ölpest kollabierte sein Geschäft. Zum 1. Mai, dem Beginn der dreimonatigen Haupt-Fangsaison, waren alle Ausfahren abgesagt. In die Bresche sprang der BP-Konzern, der «Big "O"» und sein Boot fortan für Transporte von Mitarbeiter und Küstenwacht-Personal bezahlte. Seine Einbußen, sagt der Kapitän, seien dadurch ausgeglichen worden.

Für die anderen, die sich an der Cypress Cove Marina ebenfalls ihren Lebensunterhalt verdienen, scheint sich der Schaden durch die Ölpest auch in Grenzen zu halten. Die Touristen blieben zwar weg, dafür tauchten als Kundschaft Helfer, Einsatzkräfte und Medien ein. «Das Hotel hier ist seit drei Monaten voll, das Restaurant ist seit drei Monaten voll», weiß Hafenmeister Ballay und schiebt sich die Kappe zurecht. Ein Stück die Straße rauf steht auf einem Schild: «Ölpest-Camper sind hier willkommen.» Wer von außerhalb kommt, wird erzählt, bekommt derzeit kaum eine Unterkunft.

In einem sind sich die Kapitäne und Fischer von Venice einig: Die Ölindustrie darf sich nicht zurückziehen. Seit jeher, betonen alle, lebt man friedlich zusammen, hilft einander. In der Tat: Entlang des Highway 23, der von New Orleans nach Venice führt, reihen sich Raffinerien und Filialen von Ölfeld-Ausrüstern. Die allgegenwärtigen wohnwagenähnlichen Kunststoffhäuschen entlang der Straße machen klar: Hier lebt man nur vorübergehend.

«Venice wäre nicht Venice ohne das Öl», sagt Hafenmeister Ballay. «Auf keinen Fall dürfen sie aufhören, nach Öl zu bohren», sekundiert Kapitän Langridge. «Sie müssen einfach weiterbohren. Ein Bohr-Moratorium wäre das Schlimmste, was passieren könnte.»


Chronologie: Die Ölpest im Golf von Mexiko

Seit zwölf Wochen sprudelt Öl aus einem Bohrloch vor der Küste des US-Bundesstaates Louisiana. Ein Rückblick:
20. April: Auf der Ölbohrinsel «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko gibt es eine Explosion. Die meisten der 126 Arbeiter können gerettet werden, 11 bleiben vermisst.

22. April: Die brennende Bohrinsel sinkt. Zum Untergang trägt eine Serie technischer und menschlicher Fehler bei.

29. April: Die US-Regierung stuft die Ölpest als Katastrophe «von nationaler Bedeutung» ein.

1. Mai: Nach Louisiana und Florida rufen auch die Bundesstaaten Alabama und Mississippi den Notstand aus.

6. Mai: Das Öl erreicht Land, die unbewohnte Freemason-Insel.

11. Mai: Die Spitzenmanager der drei in das Unglück verstrickten Unternehmen - BP, Transocean und Halliburton - machen sich gegenseitig verantwortlich.

20. Mai: Ein Live-Video vom Meeresgrund zeigt, dass mehr Öl ins Wasser austritt als BP bisher schätzte.

27. Mai: US-Präsident Barack Obama entlässt die Chefin der Behörde für Mineralien-Management (MMS), Elizabeth Birnbaum.

28. Mai: Obama will die Zahl der Helfer verdreifachen. Rund 240 Kilometer der Küste sind bereits verseucht. Laut US-Ozeanbehörde NOAA darf bereits in einem Viertel des Golfs nicht mehr gefischt werden.

4. Juni: Den Ingenieuren gelingt es, einen Behälter über dem Leck zu platzieren. Allerdings strömt weiterhin Öl ins Meer, nur ein kleiner Teil kann zu einem Schiff abgeleitet werden.

10. Juni: Allein in Louisiana haben inzwischen mehr als 70 Menschen ärztliche Hilfe gesucht - wegen Übelkeit, Kopfschmerzen, entzündeten Augen und Atembeschwerden. Mindestens 1100 ölverschmierte Vögel wurden gefunden, der größte Teil von ihnen tot.

11. Juni: Wissenschaftler der US-Geologiebehörde gehen davon aus, dass täglich bis zu 5400 Tonnen Öl aus dem Bohrloch schießen könnten.

16. Juni: In seiner ersten Rede aus dem Oval Office wendet sich Obama direkt an die Nation. Die Ölpest werde mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. In ihrer Energiepolitik müssten die USA eine Wende einleiten.

17. Juni: BP-Chef Tony Hayward Tony Hayward muss sich einem sechsstündigen Kreuzverhör im US-Kongress stellen.

22. Juni: Ein US-Gericht erklärt ein von Obama verhängtes Verbot von Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko für nichtig.

23. Juni: Wegen technischer Probleme muss BP das Auffangen des Öls erneut unterbrechen. Zwei Helfer kommen ums Leben.

29. Juni: Hohe Wellen behindern die Arbeiten an der Unglücksstelle. Die Installation eines zusätzlichen Absaugsystems über der sprudelnden Quelle verzögern sich um rund eine Woche.

30. Juni: Der Schmierstoffspezialist Liqui Moly boykottiert den BP- Konzern. «Das soll ein Zeichen gegen Verantwortungslosigkeit und Umweltzerstörung sein», sagte Inhaber Ernst Prost.

5. Juli: Die Ölpest hat BP nach eigenen Angaben bislang 3,12 Milliarden Dollar (derzeit 2,5 Mrd. Euro) gekostet.

5. Juli: Der Testlauf des Riesentankers «A Whale» (Ein Wal) verläuft vorerst ergebnislos. Experten hoffen, dass das Schiff bis zu 80 Millionen Liter des Wasser-Öl-Gemischs täglich säubern kann.

9. Juli: Das von US-Präsident Barack Obama verhängte Verbot neuer Tiefseebohrungen bleibt weiter außer Kraft, entschied ein Berufungsgericht in New Orleans.

10. Juli: Mit einem neuen Deckel über der sprudelnden Quelle will BP erreichen, dass der Ölaustritt ins Wasser am Dienstag aufhört. Das dritte Pump-Schiff «Helix» soll am Sonntag mit dem Aufsaugen beginnen. BP arbeitet mit Hochdruck zudem weiter an einem Nebenzugang zum Hauptbohrloch: Dadurch sollen bis Mitte August Schlamm und Zement zum Versiegeln der Quelle «geschossen» werden.

15. Juli: Erstmals seit drei Monaten strömt kein Öl mehr aus dem Bohrloch im Golf von Mexiko. Experten von BP ist es gelungen, alle Ventile eines Auffangzylinders in 1500 Meter Tiefe zu schließen.

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