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Geburtstagsgrüße
Ernst Middendorp ist jetzt 60: Bratwurst, Herzinfarktfußball und Jahrhunderttrainer

Ernst Middendorp, hier im Mai 2018. (Foto: dpa)
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Bielefeld – Am Sonntag wurde Ernst Middendorp 60 Jahre alt. 2005 wählten ihn die Fans der Blauen zum Jahrhunderttrainer. Die Bewunderung für den exzentrischen Fußballlehrer hält auch elf Jahre nach dem letzten seiner drei Engagements in Bielefeld an. Jan-Hendrik Grotevent geht dem „Mythos Middendorp“ auf dem Grund und gratuliert zum Geburtstag.

Ernst Middendorp wurde am 28. Oktober 1958 in Freren geboren. Außerhalb seiner Trainerkarriere arbeite er als Lehrer an Berufsschulen. Abseits von Arminia Bielefeld trainierte Middendorp fast global: In Südafrika, in Ghana, im Iran, in China, in Thailand. In Deutschland war er unter anderem beim KFC Uerdingen, beim VfL Bochum, beim FC Augsburg und bei Rot-Weiss Essen beschäftigt.

Herzinfarktfußball

Bei Arminia war „Power-Ernst“ dreimal Cheftrainer. Im Jahre 1988 übernahm er den maroden Club, der nach Finanzkapriolen fast ungebremst von der Bundesliga in die damals drittklassige Amateur-Oberliga Westfalen abgerutscht war. Mit knapp 30 Jahren suchte er sich ein paar Straßenfußballer, die er einen erfrischenden Angriffsfußball spielen ließ, mit dem das Publikum schnell wieder begeistert werden konnte. Da gab es zum Beispiel ein 8:0 gegen die Spielvereinigung Marl oder ein 7:0 gegen den FC Gütersloh. Dramatisch das Finale der Saison 1988/1989: Arminia scheiterte am letzten Spieltag mit einem 1:2 in Rheine und wurde aufgrund der schlechten Tordifferenz zweiter hinter Preußen Münster. In der folgenden Saison spielte Arminia die Oberliga unter Middendorp an die Wand. Das Spitzenspiel gegen den Tabellenzweiten aus Paderborn gewann Arminia auf der ausverkauften Alm mit 6:1. Als die völlig übermüdete Mannschaft in der Aufstiegsrunde zur zweiten Bundesliga scheiterte, viele Stammkräfte den DSC verließen und die guten Resultate ausblieben, wurde Middendorp im Herbst 1990 entlassen, nicht ohne Arminia viel Glück zu wünschen.

Während seiner zweiten Amtszeit bei den Blauen wurde Middendorp der Trainer der „Ära Lamm“. Verstärkt durch ehemalige Bundesligastars marschierte Arminia von der Dritten bis in die Erste Liga durch. Dort schlugen sie den FC Bayern und Borussia Dortmund und hielten 1997 souverän die Klasse. Die nächste Saison – die verflixte zweite – brachte trotz eines bärenstarken Kaders den Abstieg in die Zweite Bundesliga. Als die Saison dort holperig begann, wurde Middendorp nach einem 2:6 beim SSV Ulm 1846 entlassen.

Im März 2007 kehrte er zurück. Arminia spielte in der Bundesliga gegen den Abstieg. Middendorp motivierte das vor allem im Kopf kriselnde Team zu einem Herzinfaktfinale. Unter anderem gewann der DSC in Wolfsburg mit 3:2, schlug den Meisterschaftskandidaten aus Bremen auf der Alm ebenfalls mit 3:2 und sicherte sich mit 2:1 bei Bayer Leverkusen den Klassenerhalt. Nachdem die Saison 2007/2008 gut begonnen hatte, brach die Mannschaft ein. Es hagelte hohe Niederlagen unter anderem in Leverkusen (0:4), Bochum (0:3) und Bremen (1:8). Nach einem 1:6 in Dortmund und einem Sieg aus elf Pflichtspielen wurde Ernst Middendorp im Dezember 2007 zum dritten Mal entlassen.

Neben seinem Faible für schnellen Offensivfußball und seiner Fähigkeit, Mannschaften zu motivieren bleibt rein sportlich sein Blick für Talente in Erinnerung. Billy Reina, Thomas Stratos „Jockel“ Bode, die Liste ist lang. Und die Alm rief einer 18jährigen Middendorp-Entdeckung schon Yyyyyves!“ hinterher, bevor die Schalker ihn für die eigene Legendenbildung vereinnahmten.

Kniet nieder, Bratwürste!

Als die Arminen Ernst Middendorp im Jahre 2005 zum Jahrhunderttrainer gewählt wurde, schrieb der Verein, Middendorp sei nicht Besitz eines Diplomatenpasses. Und so bleiben auch zahlreiche exzentrische Episoden des Jubilars in Erinnerung. Wie er den Mannschaftsbus nach einer Niederlage in Hamburg verließ und die restliche Fahrt nach Bielefeld im Taxi zurücklegte. Wie er über Mannschaftskapitän Stefan Kuntz sagte, dieser existiere für ihn „nur noch als Nummer“. Die Rückennumer 2, die er Torwart Georg Koch als Denkzettel verpasste. Die selbst angegebenen zwei Gläser Beaujolais, die einen Schläfchen im Auto auf der Bundesstraße und einen polizeilichen Aufgriff zur Folge hatten. Und sein legendärer Spruch zum Lokalradioreporter, stellvertretend für seine gewisse Exzentrik im Umgang mit Journalisten: „Knien Sie nieder, Sie Bratwurst!“.

Die Fans hatten Grund genug, Ernst Middendorp zu feiern und taten es auch. „Ernst, wir danken Dir!“, sangen sie in der Oberliga. Sie feierten ihn zweimal auf dem Rathausplatz in den Neunzigern. Und es kumulierte nach dem Sieg im Leverkusen 2007, als sich der ganze Gästeblock weigerte, das Stadion zu verlassen, bevor Middendorp sich von ihnen feiern ließ. Doch auch wenn es die Arminen heutiger Tage gern verdrängen: Das Verhältnis der Fans zum Trainer war durchaus ambivalent. Böse Rufe gab es, als Arminia 1990 in der Aufstiegsrunde scheiterte. Als Arminia sich zum Start der Bundesligasaison 1996/1997 am Tabellenende wiederfand und im Pokal gegen den Zweitligisten aus Unterhaching verlor, gab es nicht nur vereinzelte „Middendorp raus!“-Rufe. Und 2007 waren sie spätestens während der gewaltigen Klatsche in Dortmund, Middendorps letztem Spiel als Arminia-Trainer, in Massen zurückgekehrt.

Jahrhunderttrainer – Was denn sonst? Wer denn sonst?

Jeder Armine kennt die Frage. Meistens kommt sie von jemandem, der aus Middendorps Zeit in Bielefeld nur die Bratwurstgeschichten und sonst sein Scheitern in Bochum und Essen im Gedächtnis hat. Wieso wird ausgerechnet so einer zum Jahrhunderttrainer gewählt?

Weil er ein Hoffnungsträger war? Nein. Das waren schon viele bei Arminia. Horst Franz etwa, Jeff Saibene ist aktuell auch einer. Weil er darüber hinaus mit Volldampf in die sportlichen Tiefschläge raste? Nein, auch das haben schon andere geschafft. Stefan Krämer schaffte es sogar als Hoffnungsträger. Der schaffte es auch wie Middendorp, Mannschaft und Verein in schweren Zeiten ein neuen, frischen Anstrich zu geben. Weil Middendorp für markige Sprüche und lückenhafte Eloquenz bekannt war? Otto Rehagel.

Nein, Ernst Middendorp war und ist besonders. Er vereint all die eben genannten Persönlichkeiten. Und das nicht nur einmal, sondern dreimal in Arminias wechselvoller Geschichte. Und es ist noch so viel mehr. Da ist die Tatsache, dass Middendorp nur in Bielefeld ein erfolgreicher Trainer im deutschen Fußball war. Da ist seine oft geäußerte besondere Verbundenheit mit dem DSC. Und da sind die brillante Taktik neben einem 1:8 an der Weser, da ist das Auf und Nieder, das Larger than Life-Empfinden oft abseits der tristen Realitäten, das ist die kurze Abfolge von Fremdstolz und Fremdscham, da ist viel Größe, aber auch viel Tragik.

All das ist Ernst Middendorp und damit genau das, was Arminia Bielefeld in ihrer ganzen Geschichte ausmachte. Und all das mit voller Wucht. Ernst Middendorp ist nicht nur Teil von Arminia, sondern gleichzeitig ihre Metapher, brutal anstrengend und brutal schön zugleich.

Ob es im 21. Jahrhundert vielleicht eine andere Arminia und eine andere Trainermetapher gibt, ist Aufgabe seiner Nachfolger. Ernst Middendorp nimmt nicht nur einen besonderen, sondern einen einzigartigen Platz in Arminias Geschichte ein. Bei allem Respekt vor vielen großen Trainern am Teutoburger Wald, aber: Einen anderen Jahrhunderttrainer hätte die schwarzweißblaue Fangemeinde gar nicht wählen können. Bewunderer und Kritiker gleichermaßen.

Alles Gute zum Runden, Power-Ernst!

 


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Freitag, 3. Mai, 18.30 Uhr
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Tabelle

34. Spieltag
PlatzVereinSp.ToreDiff.Pkt.
5Heidenheim3455:451055
6Holstein3460:51949
7Bielefeld3452:50249
8Regensburg3455:54149
9St. Pauli3446:53-749

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