Boykott
Zum Revierderby: Konspirative Anreisen und polizeiliche Abwege

Revierderby: Proteste auch auf Schalke. (Foto: Hein-Reipen)
Revierderby: Proteste auch auf Schalke. (Foto: Hein-Reipen)

Gelsenkirchen – Die Nachricht schlug am Sonntagabend ein wie eine Bombe: Die Ultras Gelsenkirchen kündigten an, das Revierderby beim BVB im November zu boykottieren. 

Aus BVB-Sicht: Setz dich ein, Borussia!

Als Gründe führten sie in einer ausführlichen Stellungnahme „Derby Auswärts – So wie einst, ja so soll es wieder sein!“ an, dass die zunehmenden Sicherheitsauflagen,  die Reduzierung des Gästekartenkontingents und insbesondere das strikte Vorschreiben bestimmter Anreiserouten das Grundrecht auf Bewegungsfreiheit drastisch einschränken und die Unterstützung der Mannschaft fast unmöglich machen würden. Da das Derby besonders von den Emotionen und Leidenschaft der Fans lebe, verliere es durch das Fernbleiben von Gästefans erheblich an Wert. Sie hoffen, damit ein “Umdenken in den Köpfen der Entscheidungsträger“ herbeizuführen, damit das Revierderby wieder ohne Auflagen ausgetragen werde. „Wir Schalker wollen unser Derby zurück – Volles Gästekontingent und freie Anreise – 100% Derby!“ lautet die Parole.

Spott

Spöttische Reaktionen nicht nur aus dem schwarzgelben Lager („je weniger blau ich beim Derby sehe, desto besser!“), sondern auch aus den eigenen Reihen ließen nicht lange auf sich warten. Von „da beschweren sich ja genau die Richtigen“ bis hin zu „ich reise immer individuell an und hatte noch nie Ärger mit der Polizei“ reichten die Aussagen, die im Modus von „und täglich grüßt das Murmeltier“ jedes Mal reflexartig rausgehauen werden, wenn es um Ultras geht. Nun sind Vorurteile selten gut, in diesem Fall aber sind sie besonders gefährlich: Die Versuche der Polizei, die Rechte von Fußballfans zu beschneiden, nehmen stetig zu – und die angekündigten Maßnahmen betreffen mitnichten nur Ultras, sondern können jeden Fan treffen, der ein Auswärtsspiel besuchen möchte.  

Es ist daher dringend an der Zeit, die Maßnahmen nicht schadenfroh zu kommentieren, weil man selber (vermeintlich) nicht betroffen ist,  sondern sie kritisch zu hinterfragen. Vollkommen ohne Zwischenfälle verliefen Derbys selten, doch die jüngsten Spiele in Dortmund liefern keine Rechtfertigung für immer stärkere Einschränkungen.  

Hauptkritikpunkt der Dortmunder Polizei an den Derbys ist seit Jahren die „konspirative Anreise“ der Schalker Fans. Dieses Unwort wurde 2012 geprägt, als sich der Einsatzleiter der Polizei bitterlich beklagte, dass Schalker die Sonderzüge „umgangen“ hatten und stattdessen von der Haltestelle Moellerbrücke zum Stadion marschiert waren.  Die Gruppe wurde vollständig eingekesselt; 119 Schalker wurden vom BVB mit bundesweiten Stadionverboten belegt, die später aufgehoben werden mussten. Auch die ersten Horrormeldungen über eine angeblich vollständig zerstörte Gaststätte in der Dortmunder Flora erwiesen sich als unzutreffend, gleichwohl waren 11 Verletzte zu beklagen. 

Danach erarbeiteten Vertreter der Polizei gemeinsam mit den Fan- und Sicherheitsbeauftragten von S 04 und BVB neue Sicherheitskonzepte, die u. a. neue Anreisekonzepte beinhalteten.  2014 feierten die Dortmunder Polizei sowie beide Revierclubs in einer gemeinsamen Presseerklärung den Erfolg dieses Konzepts als „friedlichstes Derby aller Zeiten“. Polizeipräsident Lange lobte, „die Fans beider Mannschaften haben sich so verhalten, wie man sich Fußballfans wünscht… die Fans haben gezeigt, dass es friedlich geht“. Auch im Februar 2015 gab es bis auf einige erneute Versuche, die vorgeschriebenen Anreisewege zu umgehen, wenig Beanstandungen; die Zahl der Gewalttaten beim Fußball ist insgesamt deutlich zurückgegangen.
Davon möchte die Polizei nunmehr jedoch nichts mehr wissen und beklagt einen „erheblichen Anstieg der Straftaten“ beim 2015er Derby. Weil 119 Straftaten zur Anzeige gebracht worden seien, müsse man das Gästekartenkontingent glatt von 8.000 auf 4.000 Karten halbieren und durch personalisierte Tickets eine organisierte und koordinierte Anreise der Schalker erzwingen. Und „Problemfangruppierungen“ des Gastvereins sollten selbst dann ausgeschlossen werden, wenn kein Stadionverbot bestünde.

Problemfans...

Wenn man sich diese Äußerungen einmal genüsslich auf der Zunge zergehen lässt, fragt man sich nicht nur, wie viele der 119 Strafverfahren überhaupt Schalker betrafen, schließlich waren auch Dortmunder „Problemfans“ und ihre nicht gerade zimperlichen Freunde der Boyz Köln dabei. Man möchte auch wissen, ob sich die Vorwürfen als stichhaltig erwiesen haben oder wie die meisten aus dem Jahre 2012 wieder eingestellt werden mussten, da Anzeigen wegen angeblichem Landfriedensbruch gerne mal gießkannenartig über reisende Fußballfans ausgegossen werden. Das größte Fragezeichen aber ist: Hält die Polizei Dortmund es für verhältnismäßig, das Gästekontingent wegen einer zweistelliger Anzahl Schalker Chaoten um 4.000 Karten zu beschneiden – und die restlichen 4.000 Schalker, vom Kind bis zum Rentner, egal, ob aus Gelsenkirchen, Unna, Münster, Hamburg oder Dresden kommend, in Busse und Sonderzüge aus Gelsenkirchen zu zwingen…?

An dieser Stelle ist der UGE daher uneingeschränkt Recht zu geben: Eine solche Maßnahme gegenüber vollkommen unbescholtenen Bürgern, die ihrem Hobby nachgehen wollen, ist in einem Rechtsstaat nicht vertretbar. Beträfe sie irgendeine andere gesellschaftliche Gruppe, stände vermutlich Amnesty International bereits in den Startlöchern – aber auswärtige Fußballfans haben leider keine gute Lobby.

Und genau deshalb ist es an der Zeit, ein Zeichen gegen die ständige Panikmache durch Polizeivertreter und Boulevardmedien, die den gesellschaftlichen Nährboden für abstruse Beschneidungen der Rechte bereiten sollen, zu setzen. Auch Fußballfans haben das Recht, sich wie jeder andere Mensch durch Deutschland zu bewegen, statt sich wie eine Viehherde von der Polizei zum Stadion treiben zu lassen. Es gibt tausend gute Gründe, sich nicht in den großen Pulk einzureihen. Dass in der Vergangenheit in Dortmund bisweilen sehr einseitig eingegriffen und gerne einmal weggeschaut wurde, wenn es Flaschen und andere Wurfgeschosse auf Schalker hagelte, ist nur einer davon…

Forderungen der Polizei widersetzen

Sowohl Schalke als auch der BVB sollen sich dem Vernehmen nach den Forderungen der Polizei widersetzt und auf 6.500 Gästekarten bestanden haben. In puncto Anreise gehen die Meinungen aber immer noch auseinander. Weil Schalke sich geweigert hat, die Busanreise obligatorisch zu machen, droht die Polizei damit, individuell anreisende Schalker auszufiltern. 
Der FC Schalke 04 hat eine Stellungnahme angekündigt. Es ist gut, wenn sich der Club auf die Seite seiner Anhänger stellt. Ein wirkliches Umdenken auf Seiten der Polizei bzw. des vorgesetzten Innenministeriums aber dürfte erst zu erreichen sein, wenn die DFL interveniert, weil das schöne Hochglanzprodukt angekratzt wird. Und das ist nur zu erreichen, indem die Fußballfans möglichst geschlossen ein Zeichen setzen, dass die Grenze erreicht ist, wenn tausende friedlicher Menschen am Betreten von Innenstädten gehindert oder zwangsweise auf bestimmte Transportmittel verwiesen werden. Wenn eine kleine Minderheit sich nicht benehmen kann, ist diese zu belangen und nicht Tausende in Sippenhaft zu nehmen. 

Es ist daher zu hoffen, dass sich möglichst viele Schalker dem Aufruf anschließen und dem Derby fernbleiben. Toll wäre es, wenn sich auch die BVB-Fans ähnlich wie die Kölner Fans nach dem Boykott der Gladbacher solidarisieren würden. Das Verhindern immer stärkerer Beschneidungen der Rechte aller Fußballfans sollte wichtiger sein als Rivalitäten untereinander.
Als Alternative für Knappen bietet sich übrigens am 8. November eine Unterstützung der zweiten Mannschaft bei RWE an der Hafenstraße in Essen an. Ob dies der Polizei weniger Arbeit bereitet, darf herzlichst bezweifelt werden.

 


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Rückblick

Die beiden Revierderbys in der vergangenen Saison...
6. Spieltag
Schalke vs BVB 2:1
1:0 Matip (10.), 2:0 Choupo-Moting (23.), 2:1 Aubameyang (26.)
23. Spieltag:
BVB vs. Schalke 3:0
1:0 Aubameyang (78.), 2:0 Mchitarjan (80.), 3:0 Reus (86.)
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