Kommentar
Wie man Fans das letzte Gefühl austreiben will

Fans des SC Paderborn 07. (Foto: dpa)

Wenn man nicht aufpasst, treibt der Fußball seinen Fans noch den letzten Rest an Emotion aus. Beispiele gab es am Mittwochabend reichlich. Ein "Marken-Fanclub" für "Die Mannschaft" und ein "Eklat" im Sportschau-Club... Ein Kommentar, der fast etwas polemisch ist.

Wer als Fußballfan am Mittwochabend das Länderspiel gegen die USA verfolgte und später noch die Pokal-Auslosung ansah, müsste eigentlich anschließend mit Gänsehaut den Fernseher abgeschaltet haben.

Das alles begann ja mit der werbefinanzierten National-Elf, die sich neuerdings gerne "Die Mannschaft" nennen lassen will, was ein völlig birniger und künstlicher Versuch ist, einen "Markennamen" zu etablieren, für den sich kein Fußballfan ansatzweise interessiert.

Dessenungeachtet sagt einer wie Kommentator Gerd Gottlob ernstlich, dass sich dieser Markennamen ganz sicher, zweifellos durchsetzen werde. Na ganz sicher, Herr Gottlob. Man hört ja allenthalben schon, wie Deutschland von "Der Mannschaft" spricht.

Muss man eigentlich seine Stimme erheben, um "Die Mannschaft" zu sagen, ehrfürchtig, mit Anführungsstrichen? Das ist doch nur wieder ein weiterer Schritt zur vollständigen Verblödung und Entfremdung zwischen Fußball und Gefühl. "Die Mannschaft" wird weder heute noch in Zukunft irgendein Fan auf der Straße sagen, wenn er Jogis Jungs meint. Ebensowenig bekommt man BVB-Fans dazu, sich privat über den Signal Iduna Park zu unterhalten.

Offizielle Scham

Was ist das überhaupt für ein Unfug mit diesen ekelhaften Versuchen, den Fußball werbetauglich zu demontieren? Man fragt sich schon, woher vor Anpfiff des Länderspiels plötzlich die gewaltige und verdächtig offizielle Block-Fahne mit dem neuen Markennamen auftauchte. Bestimmt von Coca Cola bezahlt oder von sonst einem der freundlichen Gönner ohne Hintergedanken. Über den "offiziellen Fanclub der deutschen Nationalmannschaft" möchte man vor Scham ja schon gar nichts mehr sagen.

Und dann, wenn man glaubt, den Abend vor trostloser Kölner Testkick-Atmosphäre zu Edelpreisen endlich überstanden zu haben, erscheint plötzlich Alexander Bommes auf dem Schirm, dieser traurige Moderator mit dem Lila-Laune-Gen.

Da hatte sich die ARD ja richtig was einfallen lassen. Zu nachtschlafender Zeit hatte sie 200, 300 Fans herankarren lassen, die eine mickrige Fan-Insel auf der gewaltigen Haupttribüne der Kreuzeiche bildeten. Und die, als sie sich eben wie Fußballfans benahmen, von Bommes gleich zu Zucht und Ordnung ermahnt wurden. "Das ist eine anständige Veranstaltung hier", maulte Bommes und kicherte dann sofort wieder zwanghaft fröhlich - nicht einmal eine echte Empörung bekam der Moderator hin. Weichei.

Quälerei

Wenn also in Reutlingen plötzlich die Stuttgarter Kickers interviewt werden, zu denen eine gewisse lokale Rivalität besteht, dann soll es den Fans dort nicht einmal mehr erlaubt sein, diese Rivalität auszuleben? Dann soll doch die ARD ihren Krempel packen und die Auslosung im Studio vornehmen und ihre Mitarbeiter in x-beliebige Vereinstrikots stecken und sie zwingen, den ganzen Abend lang höflich jedes Los zu beklatschen.

Was für eine Quälerei. Und weil natürlich Empörung auch begleitet werden will, keift das "Fakten-Fakten-Fakten-"Blättchen "Focus" über das schlimme Benehmen der Fans und schreit "Eklat!"

Einige Zuschauer hätten sich "überhaupt nicht im Griff" gehabt, staunt der "Focus", der offenbar noch relativ neu im Fußball ist - oder aber längst auf Linie. Da wurde doch der Marketing-Gag RB Leipzig tatsächlich mit "Bullenschweine" beschimpft! Nicht nett, nicht stilvoll. Aber genau darum geht's doch! Das soll ja auch nicht nett sein.

Wenn wir nicht aufpassen, dann treiben wir dem letzten Fan noch das letzte echte Gefühl aus, zu dem er zwischen all den Business Seats, den jährlich sechs neuen 80-Euro-Trikots, Dauerkarten im Gegenwert von Kleinwagen und Sponsoring Events noch fähig ist. Das Gefühl von Fans ist überhaupt der letzte Faden, der noch zwischen Fußball und der totalen Kommerzialisierung klemmt.

Und wenn das so weit ist, dann hocken wir künftig trübsinnig auf teuren Sitzplätzen und heben emotionslos die Arme, wenn der Stadionsprecher hysterisch "La Ola" in Auftrag gibt. Und wenn dann unser eigener Stürmer nach einem Tor sich das Trikot vom Leib reißt, dann schütteln wir nur den Kopf und fordern glatt noch "Gelb!" So weit kommt das nämlich noch, wenn wir nicht aufpassen.

Und an der Stelle will ich dem Alexander Bommes mal zustimmen. "So nicht Leute!"


Ergänzung:

Man muss sich kurz auf der Zunge zergehen lassen, wie WDR-Redakteur Dominik Dünwald die Ortswahl Reutlingen verargumentierte. "Wir möchten in Zukunft die Auslosung der ersten Runde immer bei einem Amateurverein machen. Das ist nicht so steril wie im Studio." Ja, dann muss man aber auch Mut mitbringen, echte Reaktionen zuzulassen.