Mit oder ohne Löw?
Die deutsche Nationalmannschaft braucht einen „neuen“ Neuanfang

(Foto: dpa)
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Amsterdam – Die deutsche Nationalmannschaft hat nach dem frühen WM-Aus den nächsten Tiefpunkt erreicht. Nach der 0:3-Pleite gegen die Nachbarn aus den Niederlanden droht jetzt in der Nations League sogar der Abstiegskampf. Der kleine Funke an Hoffnung, der beim Neustart im September noch aufblitzte, ist schon wieder verpufft. Stattdessen erlebten die Deutschen ein regelrechtes Déjà-vu. Jetzt bedarf es eines (weiteren) Neuanfangs. Ob ohne oder doch mit größerem personellem Umbruch, wird sich wohl spätestens nach dem Rückspiel gegen Frankreich am Dienstag zeigen…

Wie bei der WM in Russland fehlte es im Spiel der deutschen Nationalmannschaft an Leichtigkeit, Tempo, Durchschlagskraft, Spielwitz und Geschlossenheit. „Die Mannschaft“ von einst, die sich diesen „Titel“ neben der WM-Trophäe in Rio de Janeiro 2014 durch ein geschlossenes Auftreten erspielte, gibt es so längst nicht mehr.

Einer für alle, alle für einen? Das zeichnete „die Mannschaft“ damals aus. Der Teamspirit war das Erfolgsrezept. Heute beherrschen dagegen Schlagwörter wie „Grüppchenbildung“, „mangelnde Chancenverwertung“ oder „Festklammern an Weltmeistern von einst“ die Berichterstattung über die deutsche Nationalmannschaft. Und das auch noch rund drei Monate nach dem WM-Desaster, denn eigentlich sollte mit Beginn der Nations League auch der Neuanfang beginnen.

Gut, gegen Frankreich sah es im September zumindest ein bisschen danach aus. „Wir haben vor vier Wochen gegen den Weltmeister Frankreich ein gutes Spiel gemacht“, so Löw auf der Pressekonferenz nach der Pleite gegen die Niederlande am Samstagabend. „Und das mit Boateng, mit Hummels und mit Toni Kroos“, betonte der Bundestrainer nachdem er abermals auf das „Festhalten“ an ehemaligen Weltmeistern angesprochen wurde.

Mark Uth bleibt blass

„Ich glaube, da hat man gesehen, dass man in der Tat ein paar Spieler braucht mit Erfahrung.“ Mit Blick auf das Spiel gegen die Niederlande sagte er: „Klar, die jungen Spieler haben in der zweiten Halbzeit frischen Wind hereingebracht. Aber man hat gesehen, dass die Chancenverwertung auch bei dem ein oder anderen jungen Spieler noch ein bisschen Zeit braucht. Sie haben noch nicht die ganz große Qualität, sind noch nicht am Zenit ihrer Möglichkeiten. Sie müssen sich auch noch entwickeln. Wir dürfen jetzt nicht hingehen und von Spielern, die 20, 21, 22 sind, Wunderdinge erwarten.“

Timo Werner, Leroy Sane oder Julian Brandt seien zweifelsfrei gute Spieler. Aber sie bräuchten noch etwas Zeit. „Deshalb ist es immer noch wichtig, in der Mannschaft eine gute Mischung zwischen Erfahrung und Jugend zu haben.“

Für ganz frischen Wind sollte Mark Uth im Sturm sorgen. Trotz des schlechtes Saisonstarts mit seinem neuen Klub Schalke 04 beorderte ihn Löw zum ersten Mal in die Nationalmannschaft. Und ließ ihn sogar gleich von Beginn an spielen. Grund dafür waren die Trainingsleistungen, wie Löw auf westline-Nachfrage mitteilte: „Mark Uth hat auf mich im Training einen guten Eindruck gemacht, gerade was Abschlüsse und Flanken betrifft. Er hat ein gutes Näschen für Situationen, aber heute war es natürlich auch für ihn schwierig. Wir haben ihn relativ wenig in Szene gesetzt.“

Auch mit Blick auf Thomas Müller hob Löw die Trainingsleistung hervor: Im Training sei Thomas Müller in den letzten Tagen agil und frisch gewesen. „Er war gefährlich, beweglich und ist in die Räume gegangen. Man hatte das Gefühl, es ist ein Thomas Müller, wie man ihn kannte.“ Im Training sei einfach ohnehin vieles gut gelaufen, so Löw weiter. Wem aber nützt – egal, ob junger oder erfahrener Spieler – im Endeffekt ein gutes Training, wenn die Leistung im Spiel nicht mehr abgerufen werden kann? Sind wir ehrlich, niemandem. Aber zurück zum Vorhaben Neuanfang und was daraus geworden ist.

Das, was das Spiel gegen Frankreich vor etwa vier Wochen zumindest in Ansätzen versprach, zerstörte das Spiel gegen die Niederlande wieder vollends. Kein Wunder also, dass Joachim Löw nach der ersten Pleite gegen die Niederlande seit 16 Jahren und zugleich höchsten gegen die Nachbarn von einer „brutalen und enttäuschenden Niederlage“ sprach. Zwar gab es für ihn nicht nur was das Training im Vorfeld, sondern auch was das Spiel betrifft, positive Aspekte hervorzuheben: „Die ersten 20 bis 25 Minuten waren wir gut im Spiel, hatten es auch unter Kontrolle. Und wir hatten uns am Anfang auch einige gute Möglichkeiten herausgespielt. Wenn wir diese Chancen aber nicht nutzen, spürt man einfach im Moment förmlich, dass wir nicht dieses Selbstbewusstsein haben, wie wir das mal hatten.“ 

Neue Trainerdiskussion

Schuld an diesem angeknacksten Selbstvertrauen seien wiederum Ergebnisse der letzten Monate. Das WM-Debakel wirkt nach. „Nach dem Gegentreffer sind wir dann von unserer Linie abgekommen. Auch das wäre uns vielleicht vor ein paar Monaten in dem Maße nicht passiert“, so Löw weiter.

Danach wurde der Bundestrainer aber wieder deutlich kritischer: „Was nicht passieren darf, ist, dass wir die letzten zehn Minuten so auseinanderfallen und keiner mehr die Verantwortung übernimmt.“ Klar, man könne immer in einen Konter laufen, wenn man alles nach vorne werfe. „Aber in den letzten zehn Minuten zwei solche Tore zu bekommen, dass sollte normalerweise nicht passieren.“

Trotz des erneut blamablen Auftritts sei aber klar, dass man einen Abstieg in der Nations League auf jeden Fall verhindern wolle. „Wir Trainer müssen in den nächsten zwei Tagen die richtigen Schlüsse ziehen für das Spiel in Paris. Gegen Frankreich müssen wir jetzt Charakter zeigen“, so Löw.

Die „richtigen Schlüsse ziehen“, „wieder Charakter zeigen“, auch alles nicht neu. Ein Déjà-vu eben. Die historische Pleite gegen die Niederlande wirft das DFB-Team wieder um Wochen zurück. Ein weiterer Neuanfang muss her. Sonst bleibt das Vorhaben, nicht absteigen zu wollen aus der Gruppe A, genauso ein unerreichtes Ziel wie das Vorhaben bei der WM in Russland, die Gruppenphase überstehen zu wollen.

Ob aber ein Neuanfang ohne tatsächlich größeren Umbruch funktioniert, bleibt die große Frage. Das Rückspiel in der Nations League gegen Frankreich wird hier sicherlich richtungsweisend sein. Kassiert das Team erneut eine derbe Klatsche, wird wohl auch die Trainerdiskussion noch einmal ganz neu entfacht.

 


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