Berichte aus der Oberliga Westfalen

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#AufHausbesuch 7
Vor 500 Fans im Stadion: RW Ahlen erkämpft sich ein 2:2 gegen Westfalia Rhynern

Der Anhang von Westfalia Rhynern lautstark, (Foto: Schulte )
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Ahlen – Freitagabend in der Oberliga Westfalen. RW Ahlen darf endlich einmal wieder unter Flutlicht spielen. Westfalia Rhynern ist zu Gast. Gerade erst haben die Ahlener einen neuen Trainer vorgestellt, es ist sein erstes Spiel. Ein Hausbesuch im Wersestadion. 

Es ist Freitagabend in Ahlen, es ist Mitte Oktober, aber mild, fast spätsommerlich warm. So angenehm fühlt sich RW Ahlen aber nicht. Das Team ist vor anderthalb Jahren aus der Regionalliga abgestiegen und kämpft seitdem um den Klassenerhalt in der Oberliga. Schon wieder. Sie haben es nicht leicht in Ahlen seit den fast schon unwirklichen Profizeiten in der 2. Bundesliga. Vor zwölf Jahren verabschiedete sich der Klub, der damals noch LR Ahlen hieß, mit einem 1:0-Sieg gegen Offenbach aus der 2. Liga. Seitdem herrscht Tristesse, vor allem wirtschaftlich. 

Die Insolvenz-Jahre sind beendet, aber die Glitzerwelt der Bundesliga hier ohnehin schon länger Stadionverbot. Exakt 507 Zuschauer wollen das Flutlichtspiel gegen das Spitzenteam Westfalia Rhynern sehen. 507 Zuschauer, der Stadionsprecher wiederholt die Zahl eindringlich. Als vor einem Jahrzehnt Borussia Mönchengladbach im Wersestadion antreten musste, oder der 1. FC Nürnberg oder Arminia Bielefeld, sah das anders aus. Vergangene Zeiten, an die in der Vereinskneipe nur noch vergilbte Bilder erinnern.

Auf den Rängen herrscht heute Leere. Hinter dem Tor der Ahlener hängt ein bitteres Banner der Ahlener Anhänger. "Wir Fans können nicht mehr, haben keine Kraft - Kämpft und holt euch den Sieg mit aller Macht."

Auf der anderen Stadionseite, unter dem Dach der Haupttribüne, hat sich immerhin eine Busladung Fans aus Rhynern eingefunden. Es sind nur knapp 20 Kilometer aus dem Hammer Stadtteil bis zum Wersestadion, es ist also ein Nachbarschaftsduell. Während hinten die Ahlener Fans müde schweigen, übernimmt es der Vorsänger, den blau-weißen Fans die geplante Choreo zu erklären. "Gleich die Mülltüten hoch! Wir wollen eine blaue Wand sein!" Und sie recken ihre blauen Mülltüten voller Luft hoch in den Ahlener Himmel. Eine kleine Schar unverdrossener Fans in der fünften Liga. "Heimspiel in Ahlen" singen sie. Und "Lutscher!". Um sicher zu gehen. 

Oberliga Westfalen. Unten auf dem Feld läuft Salvatore Gambino im Westfalia-Trikot auf. Vor knapp 15 Jahren galt der heute 34-Jährige als Riesentalent bei Borussia Dortmund. Gegenüber spielt Mehmet Kara, der schon für Paderborn in der 2. Liga spielte und auch in der ersten türkischen Liga. Solche Kicker sieht man zum Ausklang ihrer Karriere in vielen Klubs. 

RW Ahlen hat zwei Tage vor diesem Spiel einen neuen Trainer vorgestellt. Christian Britscho heißt er, ist im Hauptberuf Polizist. Der 48-Jährige soll das kriselnde Team wieder auf Kurs bringen. Erst einmal muss er tief durchatmen, denn schnell drückt der Gegner einen Ball zur vermeintlichen Führung ins Netz. Der Schiedsrichter pfeift aber ein Stürmerfoul. Das quittiert der Anhang aus Rhynern mit "Fußballmafia DFB!", weil man das dieser Tage in Deutschland so tut. 

Auf dem Feld gibt Westfalia, der Absteiger aus der Regionalliga, den Ton an. Auf den Rängen auch. Nicht alle aus dem Rhynern-Block ziehen richtig mit, was vom Mann am Megafon entsprechend geahndet wird. Man müsse sich steigern, bitte! Noch zwei Minuten, dann aber! Erst noch das Bier austrinken. Oder neues holen, je nachdem.

Chancen bleiben selten. Sebastian Mützel, der Mann mit der Glatze, prüft Rhynerns Torwart mit einer knackigen Volleyabnahme. Da hört man immerhin das Stöhnen aus gequälter Ahlener Brust. Eigentlich ist es eher Westfalia, die hier dem Tor näher ist. Nach einer halben Stunde fordern die Fans aus der Nachbarstadt allerdings vernehmlich "Kämpfen, Rhynern, kämpfen!" Was eigentlich überflüssig ist, denn daran mangelt es gar nicht. Nur an einem Tor. 

Das fällt nach 42 Minuten. Hakan Sezer nimmt Maß und dreht den Ball ins lange Ecke. Im Westfalia-Block fliegen nun Bierbecher, Schals wehen, alle liegen sich in den Armen. Die Führung. "Die Nummer 1 in Hamm sind wir!" 

Pause. 

Kaum aus der Pause heraus, verschärft Rhynern das Stimmungsloch der Ahlener. Erneut trifft Sezer. RWA liegt mit 0:2 hinten und hinter den Tor, in dem jetzt der Ball unschuldig liegt, rupfen die Ahlener Fans ihr "Holt euch den Sieg mit aller Macht"-Banner schamhaft herunter. Ahlens Versuche, dem Schiedsrichter ein Handspiel des Gegners aufzuschwatzen, enden erwartungsgemäß. Also ergebnislos. 

 

Durchhalteparolen bei Ahlen. (Foto: Schulte )

Jetzt sind endlich auch die Ahlener Fans zu hören. Auch sie rufen "Lutscher". Wer der Adressat ist? Gegner? Schiedsrichter? Wer kann das in diesem Augenblick so genau sagen? Die Beschimpfungen von der Hintertortribüne hinab sind auch nicht zu verstehen, ihr Ton klingt aber unhöflich. Die Anzeigetafel, die hier manuell bedient wird, unterschlägt eine ganze Zeit den neuen Spielstand. Trotzig steht es dort weiterhin nur 0:1. Es ist ja auch egal. 

Das ändert sich, als RW Ahlen trifft. Mützel ist es, der das 1:2 nach einer knappen Stunde erzielt. Da ballt Christian Britscho die Fäuste, so fühlt sich Erleichterung und Hoffnung an. Und wie das eben so ist in diesem berechenbaren Spiel "Fußball": Das Tor macht Rhynern hektisch und Ahlen mutig. Plötzlich klappen Dinge, die vorher nicht gelangen. Britscho dreht sich um zum Publikum auf der Tribüne hinter ihm. Wild rudert er mit den Armen. "Kommt noch mal, jetzt alle!" fordert er Unterstützung ein. Das Echo fällt allerdings müde aus. In Ahlen haben sie das schon zu oft erlebt, der Trainer ist noch neu, er hat noch Energie. 

Hätten sie mal die gleiche Hoffnung, die Fans. Fünf Minuten nach dem 1:2 steht es 2:2. Marko Onucka hat getroffen und jetzt liegen sie sich vor der Ahlener Bank in den Armen, alle springen auf. Ja, Mann! RW Ahlen hat das Biest entfesselt und kurzzeitig hat es dem Gästeblock die Stimme verschlagen. 

Jetzt geht es doch noch hin und her. Für Ahlen steuert Mehmet Kara in den Strafraum der Westfalia. Nur einer noch im Weg, jetzt schießen, schießen! Aber Kara schießt nicht, er spielt auch nicht ab, er dribbelt weiter. Und scheitert. "Was macht der denn da?!" schreit einer von der Tribüne. Aber Kara ist eben Kara, so spielt er halt. 

Die Partie steuert ihrem Finale entgegen. Einmal noch muss Ahlen zittern. Lennard Kleine darf einen Freistoß für Westfalia schießen und er trifft! In der Nachspielzeit! Rhynerns Wechselspieler setzen schon zum Spurt über den Platz an, da zeigt der Schiedsrichter dieses verhasste Zeichen. Kein Tor! Kein Tor! Kleine hat den Freistoß direkt verwandelt, aber es hätte ein indirekter Freistoß sein müssen. 

Dann muss Rhynerns Tim. Neumann mit Gelb-Rot runter. "Auf Wiedersehen" rufen die Ahlener ihm jetzt höflich hinterher. Dann pfeift der Schiedsrichter ab. Ahlen bekommt das Sternchen für Moral und Wille. Rhynern, nun ja, lässt sich trotzdem von der blau-weißen Meute feiern. Wo man doch schon mal da ist. Auf Wiedersehen.

 


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