DFB-Zahlen
Verlaufen wirklich 99,51 Prozent der Amateurspiele in Deutschland störungsfrei?

(Symbolfoto: dpa)
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Dortmund – Am Montag verschickte der DFB eine Pressemitteilung, in welcher er darüber berichtete, dass 99,51 Prozent der Spiele im deutschen Amateurfußball friedlich und ohne Störungen verlaufen. westline-Redakteur Florian Dellbrügge sieht das anders und hofft, dass sich der DFB mal auf den Amateurplätzen der Republik umsieht...

Die Bundesliga-Saison ist gerade erst zwei Spieltage alt, da steht schon die erste Länderspielpause an. Und statt der neuen auf hochglanz polierten Nations League zu folgen, könnte man die Pause auch gut für einen Besuch an der Basis des Spiels nutzen. Für einen Besuch von Rasenplätzen, die diesen Namen meist nicht verdient haben. Für einen Besuch auf dem Ascheplatz nebenan oder für einen Besuch der tollen neuen Bezirkssportanlage mit einem Kunstrasen, auf dem auch ein Champions-League-Finale stattfinden könnte. 

Für einen Besuch da, wo das Bier noch bezahlbar ist und auch die Bratwurst irgendwie besser schmeckt. Wo die Rentertruppe früher sowieso alles besser fand und wo all die Geschichten von den Kreisliga-Legenden erzählt werden. Und mindestens der Zehner hat mal höher gespielt. Herzlich Willkommen in der wunderbaren Welt des Amateurfußballs! Sie kann so wunderbar sein, die Kreisliga oder die Bezirksliga.

"Wissen besser als Spekulieren"

Das hat in den letzten Jahren auch der DFB festgestellt. Der Verband versucht seitdem, mit einer Image-Kampagne den Helden der unteren Klassen zu gedenken. Und tatsächlich ist es schön, dass die Herren in Frankfurt mittlerweile auch die Welt abseits von Löw und Co auf dem Schirm haben. Schade ist dabei, dass sie diese Welt aber trotzdem nicht wirklich kennen. So meldete der DFB am Montag in einer Pressemitteilung, dass 99,51 Prozent der Spiele im Amateurfußball störungsfrei verlaufen.

Die Zahlen, erklärt der Verband, ziehe man aus den Onlinespielberichten der Schiedsrichter im DFBnet. Darin werden die Aufstellungen eingetragen und die Schiedsrichter müssen hier Tore und Torschützen ebenso eintragen, wie sie auch die ausgesprochenen persönlichen Strafen angeben müssen. Prozentual, heißt es in der Mitteilung weiter, würden in Deutschland nur 0,05 Prozent der Spiele abgebrochen. DFB Vize-Präsident Reiner Koch wird dazu zitiert: "Wir wissen heute besser, was sich auf den Fußballplätzen ereignet als noch vor vier Jahren. Die Zahlen des Lagebilds stabilisieren sich. Es war eine gute Entscheidung, jährlich diese Erhebung zu erstellen. Fundiertes Wissen ist immer besser als blankes Spekulieren."

Wie fundiert ist das Wissen?

Eine tolle Aussage, die suggeriert: Hallo, wir sind da und wir wissen, was abgeht. Schade ist nur, dass die Realität doch ein bisschen anders aussieht als eine selbstgefällige Pressemitteilung. Natürlich, der Großteil der deutschen Amateurkicks verläuft ohne Störungen, ohne Spielabbrüche und andere Exzesse. Das aber 99,51 Prozent der Spiele ohne Störungen ablaufen, ist schlicht blanker Hohn. 

Koch sagt, man muss es ihm zu Gute halten, dazu auch: "Die Erfahrung zeigt uns aber auch, dass wir zwar auf einem guten Weg sind, allerdings noch alle Beteiligten Hausaufgaben zu machen haben. So machen einige wenige Schiedsrichter bis heute keine Angaben zu Diskriminierung und Gewalt. Zusammen mit den Landesverbänden müssen wir hier weiter verstärkt Überzeugungsarbeit leisten, denn ein absolut präzises Lagebild liegt im Interesse aller Fußballer. Wenn alle Fakten bekannt sind, lässt sich konkreter handeln."

Denn, und hier ist das Wissen des DFB dann gar nicht mehr so fundiert, oft kommt es vor, dass ein Schiedsrichter sich schlicht nicht traut, auch wirklich alles in den Spielbericht einzutragen, was innerhalb der 90 Minuten vorgefallen ist. Das hat der Autor dieser Zeilen in seiner Zeit auf den Plätzen der A-, B- und C-Liga im Fußballkreis Dortmund schon oft genug mitbekommen. Mal ist es ein Spieler, der den Schiedsrichter so angeht, dass er in der Bundesliga wohl etliche Spieltage zusehen könnte, weil die Kameras alles mitbekommen haben. Mal sind es Zuschauer, die sich derartig im Ton vergreifen, dass der Heimverein sie eigentlich vor die Tür setzen müsste.

99,51 Prozent? Niemals...

Der Schutz der Schiedsrichter, im Amateurfußball zumeist alleine unterwegs, muss viel mehr in den Fokus gerückt werden. Denn erst in einer Umgebung, in der ein Spielleiter sich auch sicher fühlt, wird er wirklich alle Vorfälle auch eintragen. Das immerhin hat der DFB auch erkannt und gibt in der Mitteilung an, sich dem in Zukunft noch mehr zu widmen.

Im Jahr 2015 machte der Essener Klub BV Altenessen landesweit Schlagzeilen, weil eine ganze Liga sich geweigert, aufgrund von unfairer und überharter Spielweise noch gegen ihn anzutreten. Zu oft kam es zu Eskalationen und Gewalt während der Spiele. Der Klub zog daraus seine Schlüsse und bekam seine Probleme in den Griff. Doch der BV Altenessen ist kein Einzelfall.

Allein ein Blick in die Offiziellen Mitteilungen der Fußballverbände - diese erhalten die Klubs über die elektonischen Postfächer im DFBnet und darin wird über Strafgelder und Spruchkammersitzungen informiert - reicht, um zu wissen, dass sicherlich nicht 99,51 Prozent der Spiele im Amateurfußball störungsfrei verlaufen. In den Mitteilungen der Kalenderwoche 35 des Fußball und Leichathletikverbandes Westfalen vom 31. August sind allein für den Kreis Dortmund vier neue Verfahren für das Sporgericht angekündigt und es wird von fünf Verhandlungen vor dem Gericht berichtet. Und wohlbemerkt sind das die Eingaben EINER Kalenderwoche.

Raus aus dem VIP-Bereich, hin zur Kreisliga

Ronny Zimmermann aus dem DFB-Präsidium sagt dazu: "Der Fußball schafft Orte der Gemeinschaft. Doch immer noch kursieren leider reißerische Geschichten über Gewaltexzesse, Prügelorgien und Gewalt gegen Schiedsrichter. Die Wirklichkeit schaut anders aus."

In Wirklichkeit würde es dem DFB gut tun, sich mal auf den Sportplätzen von bekannten "Problemvereinen" blicken zu lassen und sich die Realität mal anzuschauen. Jeder Eskalation ist eine zu viel. Raus den Ehrenbereichen und VIP-Logen, ab auf Kreisliga-Plätze.

Zimmermann sagt weiterhin: "Die 80.000 Spiele an einem ganz normalen Wochenende stärken unser Miteinander in Deutschland. Klar ist aber auch: Gewalt gegen Schiedsrichter, Spieler oder wen auch immer ist absolut inakzeptabel. Gegen jeden Täter muss konsequent gehandelt und im Schuldfall streng geurteilt werden." Darauf können wir uns am Ende sogar einigen...

 


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