Kommentar
Videobeweis: Entscheidend ist auf'm Platz und nicht im Keller

(Foto: Hein-Reipen)
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Frankfurt – Endlich läuft die Fußball-Bundesliga wieder, doch die Freude über die „schönste Nebensache der Welt“ wurde in nahezu allen Stadien massiv vom Ärger über unverständliche Entscheidungen und Einmischungen der Videoschiedsrichter überschattet. Susanne Hein-Reipen glaubt, dass die deutschen Schiedsrichter schlicht nicht das notwendige Fingerspitzengefühl aufbringen können, den „VAR“ als das zu nehmen, was er sein soll: Ein technisches Hilfsmittel nur für Ausnahmefälle!

Die Vorgabe ist eigentlich klar: „Nur bei klaren Fehlentscheidungen“ soll der Videoschiedsrichter eingreifen. Nun weiß aber jeder, der schon einmal ein Fußballspiel gesehen hat, dass vieles, sehr vieles Auslegungssache ist. Und es hat über ein Jahrhundert im Großen und Ganzen prima funktioniert, den Schiedsrichter auf dem Platz entscheiden zu lassen, ob er das harte Einsteigen noch als dunkelgelb oder hellrot bewerten möchte.

Abseits war, wenn der Schiri gepfiffen hat, ganz einfach. „Tatsachenentscheidung“ war das Zauberwort. Klar, sich ärgern und diskutieren konnte man immer noch, aber eben hinterher (wo im Übrigen viele vermeintlich falsche Entscheidungen zähneknirschend doch als gutes Auge des Schiris durchgingen). Auf dem Platz ging es weiter.

Hängepartien, Frust, Kritik

Das ist nun in deutschen Stadien vorbei. Ob Tor, Elfmeter oder Verwarnung: Oft meldet sich der Spielbeobachter aus dem Kölner Keller und beschert Mannschaften wie Fans minutenlange Hängepartien. Und das mit deutscher Gründlichkeit beileibe nicht nur bei offensichtlicher Fehleinschätzung des Schiedsrichters auf dem Feld, sondern auch bei vollkommen vertretbaren Entscheidungen. Diskutieren kann man bekanntlich über (fast) alles – aber wenn nahezu jede Entscheidung des Referees vor Ort auf den Prüfstand kommen kann, werden Spontanität und Klarheit, die weltweit Millionen Menschen am Fußball faszinieren, endgültig zunichte gemacht!

Zu akzeptieren wären diese Einschränkungen bestenfalls, wenn der Videobeweis seiner ursprünglichen Intention, den Fußball gerechter zu machen und die Zahl der Fehlentscheidungen wegen nicht gesehener Szenen deutlich zu verringern, gerecht würde. Dies muss jedoch nicht erst angesichts des Chaos‘ des vergangenen Wochenendes stark bezweifelt werden. Riberys Flugeinlage wurde überhaupt nicht überprüft, in Düsseldorf und Berlin blieben die Schiedsrichter trotz Studium der Fernsehbilder bei ihren Fehleinschätzungen, in Wolfsburg hingegen ließ sich Ittrich von Stark vollkommen verunsichern und killte mit zwei unnötigen Revidierungen Nerven und Spielfluss, Unsicherheiten gab es auch in Bremen und Freiburg.

Es hagelte dementsprechend viel Kritik von allen Seiten, Karl-Hein-Rummenigge forderte eine „Task Force“ zur Professionalisierung des Video-Assitenten und auch der designierte Leiter Jochen Drees räumte ein, dass „viele Sachen einfach nicht gut gelaufen sind“. Alle Beteiligten müssten „sensibilisiert“ und der Austausch zwischen Köln und dem Referee auf dem Platz verbessert werden. Und: „Der Schiedsrichter auf dem Platz ist der Chef!“ Gleichzeitig sprach Drees aber davon, dass ihm Ittrich „tatsächlich etwas leidgetan habe, weil er Entscheidungen, die ich nicht als falsch ansah, korrigieren musste.“

Hilfsmittel oder „Oberschiedsrichter“?

An dieser Stelle fehlt mir komplett der Glaube, dass der DFB, der schon mehrfach die Flexibilität eines Bergmassivs bewiesen hat, die nötige Selbstkritik und Einsicht aufbringt, den Videobeweis wirklich zu dem herunterzustufen, als das er vom Weltfußballverband FIFA gedacht war: Ein technikbasiertes Hilfsmittel, auf das nur in Ausnahmefällen zurückgegriffen wird, um den Schiedsrichter auf den Platz zu unterstützen.

Die internationale Bezeichnung lautet nicht umsonst „Video Assistant Referee“, also Assistent. Und als solcher hat er bei der WM mit Schiedsrichtern aus zahlreichen Ländern, in denen oft noch überhaupt keine Videotechnik im Einsatz ist, auch weitgehend prima und unaufdringlich funktioniert. In Deutschland aber, das gerne einmal ein wenig verächtlich auf vermeintliche Fußball-Entwicklungsländer herablächelt, bombardiert der Videoschiedsrichter oft als wichtigtuerischer „Oberschiri“ den Mann auf dem Feld mit gut gemeinten Hinweisen. Gut gemeint und gut gemacht sind aber zwei verschiedene Paar Schuhe…

Die deutsche Sehnsucht nach Perfektion

Der DFB ist mit seiner Regelungswut nicht alleine, sondern nur das Spiegelbild einer Gesellschaft, die immer, wenn es schiefgelaufen ist, nach neuen und strengeren Gesetzen schreit, statt über handfeste praktische Verbesserungsmöglichkeiten nachzudenken. Und in der Verantwortung nur allzu gerne an vermeintlich höhere Instanzen und Autoritäten mit besseren Erkenntnissen abgegeben wird.

Fakt ist: Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler, es gibt keine Garantie für Richtigkeit oder objektive Gerechtigkeit. Gelassen mit dieser Erkenntnis umzugehen ist nicht gerade die deutsche Kernkompetenz, ebenso wenig wie das Akzeptieren der Tatsache, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben kann. Ich fürchte daher: So viel kann man die Schiedsrichtergilde gar nicht „sensibilisieren“, dass sie sich wirklich nachhaltig von Kontrollwut und Überperfektionierung verabschiedet.

Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende!

Fußball ist auch deshalb so beliebt, weil er nicht bis ins Allerletzte durchreguliert und unberechenbar ist und die Fans im Stadion sich eine emotionale Auszeit vom Alltag nehmen können. Er leidet durch das Experiment „Videoschiedsrichter“ oder Versuche, beleidigende Fangesänge oder Banner strafrechtlich zu verfolgen, in seiner Glaubwürdigkeit. Selbst Fans bis aufs Blut verfeindeter Mannschaften finden sich zu gemeinsamen Sprechchören wie „Scheiß DFB“ oder „Ihr macht unsren Sport kaputt, Ihr Wichser“ zusammen, wenn sich wieder ein Schiedsrichter ans Ohr greift oder über der Bande hängt, um die Videobilder zu studieren. Auch Trainer und Offizielle sind von den minutenlangen Hängepartien genervt.

Bitte: Schafft den Videoassistenten wieder ab! Wenn Ihr die Schiedsrichter unterstützen wollt: Macht klarere Regeln. Statt Schiri und Videoschiri diskutieren zu lassen, ob die Hand oder der Arm nun die Körperfläche „absichtlich“ und „unnatürlich“ vergrößert haben, Deckel drauf: Ball an Arm oder Hand ist Handspiel, Punkt. Und entscheidend ist auffem Platz und nicht im Keller.

 


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