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Serie: Juwelen der Regionalliga
Gestatten? Güngör Kaya, treffsicherer Stürmer und Heißsporn

Güngör Kaya (Foto: privat)
Güngör Kaya (Foto: privat)
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Bochum – Es gibt sie, die Juwelen der Regionalliga. Spieler, die mit ihren Fähigkeiten dem Spiel und der Liga einen Stempel aufdrücken. Wir stellen in einer neuen Serie solche Spieler vor - in lockerer Reihenfolge. Zum Start haben wir mit Güngör Kaya gesprochen. Er ist Stürmer bei der SG Wattenscheid und hat eine bewegte Zeit hinter sich...

Im ersten Teil unserer Serie haben wir Güngör Kaya im Interview, Stürmer bei Wattenscheid 09. Der fast 26-Jährige hat in seiner Karriere schon einiges erlebt. In Bochum lehnte er einen sicheren Profivertrag ab, kickte in Nürnberg teils unter Michael Oenning, wurde in Essen wegen angeblicher Fußballwetten rausgeschmissen, war eine Zeit in der Türkei aktiv und schießt nun Tore am Fließband für Wattenscheid.

Die Spielzeiten in den Regionalligen neigen sich dem Ende zu und bei vielen interessanten Spielern laufen die Verträge aus, was sie für andere, höherklassige Vereine und Fans derselben sehr interessant macht. Daher möchten wir auf westline.de ein paar vielversprechende Talente, Aufsteiger und Comebacker vorstellen. Wer weiß, vielleicht sieht man den ein oder anderen im nächsten Jahr schon bei Preußen Münster, dem VfL Bochum oder woanders auf der großen Profi-Fußballbühne.

Im ersten Teil unserer Serie „Juwelen der Regionalliga“ steht Güngör Kaya im Mittelpunkt. Der wendige Stürmer war schon in A-Jugend-Bundesligazeiten Torschützenkönig und bewies bei all seinen Stationen, dass er ein Faible fürs Toreschießen hat. In dieser Saison läuft es für ihn und seinen Club – SG Wattenscheid 09 - besonders gut. Aber Kaya hat auch schon schwierige Zeiten überstehen müssen, als er zum Beispiel wegen des Vorwurfs, gegen seinen eigenen Verein gewettet zu haben, bei Rot-Weiss Essen suspendiert wurde. Grund genug also, mal genauer nachzufragen.

 

Hallo Güngör Kaya, Du hast bereits jetzt, im Alter von fast 26 Jahren eine bewegte Karriere hinter Dir.
Egal, wo Du gespielt hast, Du hast immer viele Tore geschossen. Woher kommt Dein Tor-Riecher?

Ja, diesen Riecher habe ich wirklich. Der ist irgendwie einfach da. Mein Trainer sagt das auch immer. Ich stehe oft richtig, weiß was vorn zu tun ist und habe dazu noch einen sehr guten und platzierten Schuss. Das alles zusammen führt dazu, dass ich oft treffe.

In dieser Saison stehen 16 Tore auf Deinem Konto in 31 Einsätzen. Wenn Du getroffen hast, hat Wattenscheid fast immer gewonnen. Bist Du jemand der vorangeht, der das Sieger-Gen hat?

Das ist schwierig zu beantworten. Es ist schon so, dass es bei mir gut läuft, wenn es für die Mannschaft gut läuft. Wenn der Ball gut rollt, wenn die Pässe ankommen und wenn mir einiges gelingt. Wenn ich mal einen Tag habe, wo erstmal nichts klappen will, dann muss ich mich immer wieder motivieren, positiv zu denken, nicht den Kopf hängen zu lassen, was ich früher oft getan habe. Das hat mir der Trainer beigebracht, daran arbeite ich auch.

Was sind Deine sonstigen Stärken?

Die Jungs sagen immer, dass meine Drehungen zu meinen absoluten Stärken gehören. Diese Wendigkeit hat wahrscheinlich keiner in dieser Liga. Das kann die Mitspieler richtig begeistern. Wenn dann mal so ein richtig langer Innenverteidiger kommt, dann spornen mich die Kollegen schon immer an, meine Drehungen zu machen, weil dann keiner hinterherkommt.
Ganz früher war ich mal Zehner. Das habe ich nicht ganz verlernt. Ich kann also durchaus auch das Spiel aufbauen und den Ball halten und dann weiterverteilen. Das Auge für den Mitspieler ist auch da.

Überraschenderweise hast Du in dieser Saison auch schon drei Kopfballtore erzielt: Laut Wikipedia bist Du 1.78m, laut Transfermarkt.de 1.76m – was stimmt nun?

*Lacht* - leider stimmt 1.76m. Ich hatte vorher noch keine Saison, wo ich so viele Kopfballtore gemacht habe. Das ist schon verrückt. Und irgendwie klappt das ganz gut. Wenn mal so ein langer Ball vom Torwart kommt, wo man in das Kopfballduell gegen einen großen Innenverteidiger gehen muss, da gewinne ich von zehn Duellen immerhin vier oder fünf. Das hat sich im Laufe der Saison weiterentwickelt, dass ich kopfballstark wurde und dann bin ich bei Flanken oder Standards auch eine Option.  

Deine Mitspieler suchen Dich dann aber trotzdem eher flach als mit dem Kopf, oder?

Ja. Ich will nicht so gern Brusthöhe angespielt werden. Ich bin stark am Fuß, da möchte ich am liebsten flach angespielt werden, dann kann ich meine Drehungen machen und kann den Ball auch besser als in der Luft festmachen.

Wo kannst Du Dich noch verbessern?

Ich muss sehen, dass ich immer positiv bleibe. Auch wenn wir mal schlecht spielen. Damit ich dann voll da bin, wenn ich doch mal ins Eins-gegen-eins mit dem Torwart komme. Das ist ein Manko, wo ich mich gern verbessern möchte.

Dein Vertrag in Wattenscheid läuft aus und Dein Berater sprach auch davon, dass die 3. Liga Dein Ziel sein könnte. Wie sieht es damit aus?

Das Ziel bleibt immer noch bestehen. Noch sind das aber alles so lose Gespräche. Bald möchte ich mich aber entscheiden, so in zwei bis drei Wochen.

Gibt es auch eine  Chance für Wattenscheid?

Wattenscheid ist mein erster Ansprechpartner, wir haben auch schon ein, zwei Gespräche geführt. Ich muss aber auch klar sagen, dass ich auch erkennen muss, wer bleibt, und wie das mit Wattenscheid nächste Saison weiterläuft. Da muss ich also auch abwarten, wie das weiterläuft, denn der einzige, der bisher unterschrieben hat, ist Burak Kaplan. Und dann müssen wir auch gucken, ob das mit dem DFB-Pokal-Einzug klappt, was ja auch immer eine tolle Sache für einen Spieler ist. Klar ist aber, dass Wattenscheid erster Ansprechpartner bleibt, also die Regionalliga.

3. Liga: Ist es Dir wichtig, im Raum Ruhrpott/Westfalen/NRW zu bleiben?

Mir ist erstmal wichtig, dass ich in der Nähe meiner Familie bleibe.
Klar, wenn jetzt ein Drittliga-Club kommt, zum Beispiel irgendwo in Bayern oder hoch im Norden, dann muss man sich das überlegen, ob sich das lohnt, für ein paar Euro mehr. Wie das dann ist, eine Liga höher, ein paar Euro mehr, aber dafür weit weg von der Familie. Das muss man sich dann ganz genau überlegen und durchdenken.

Ist Preußen Münster eine Option? Kennst Du den Verein?

Ich kenne den Verein, klar. Von ihm habe ich nicht viel gehört. Die waren wohl mal da bei den Spielen, aber da war jetzt bisher nichts.

Solltest Du in Wattenscheid bleiben: Machst Du mittelfristig Ausbildung neben Fußballplatz?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.

Neun Jahre hast Du in Bochum gespielt, hast dort im Alter von zehn Jahren angefangen, bist aber in Gelsenkirchen geboren: Ist man da schon Schalke-Fan? Wird man Bochum-Fan?

Ich war immer Schalke-Fan. *schmunzelt* Da bin ich ganz ehrlich: Ich war immer für Schalke.

Beim VfL Bochum warst Du ganz nah dran am Profi-Kader, warst mit im Wintertrainingslager der Profis und hattest sogar schon einen Dreijahres-Vertrag vorliegen. Was ist passiert, dass Du Dich doch anders entschieden hast?

Ich wollte keinen Local-Player-Vertrag bekommen. Ich war dagegen. Ich wollte einerseits etwas mehr verdienen, als mit diesen Verträgen möglich gewesen wäre und außerdem wollte ich in meinem Vertrag drinstehen haben, dass ich immer bei den Profis bin. Das hat der damalige Vorstand des VfL Bochum aber abgewehrt, das wollten die nicht. Ich habe auch gesagt, dass ich durchaus auch in der U23 spiele, wenn ich mal nicht im Profi-Kader bin, aber ich möchte drinstehen haben, dass ich generell immer bei den Profis trainiere. Naja, das wollte man bei Bochum leider nicht. Dann kam der Bruch. Und ich habe mich unter vielen Angeboten andersseitig für Nürnberg, für meinen alten Trainer (Michael Oenning, die Red.), entschieden. Ich bin jemand, der unbedingt das Vertrauen braucht, der nur dann volle Leistung bringen kann, wenn er sich wohlfühlt.

Verfolgst Du die Spiele und den Werdegang der Bochumer noch aktiv? Ist noch Groll da? Kannst Du Dir eine Rückkehr vorstellen?

Klar. Die verfolge ich immer noch. Ich habe auch keine bösen Gedanken oder so. Ich bin einer, der immer gern und ausführlich die Spiele seiner Ex-Vereine verfolgt. Und natürlich könnte ich mir auch gut vorstellen, für die erste Mannschaft der Bochumer zu spielen. Auf jeden Fall.

Bei den Nürnbergern, wo Du eine Saison in der 2. Mannschaft spieltest, hattest Du Dir sicherlich mehr versprochen, als jemand, der als Torschützenkönig der A-Jugendbundesliga zum Verein kam?

Die Phase, in der ich da war, war eigentlich zuerst gut. Wir hatten sieben, acht Freundschaftsspiele. Ich hab 300 Minuten gespielt und die meisten Tore geschossen. Irgendwie sieben Tore oder so. Da lief es. Da war ich irgendwie zufrieden und im Flow.
Das erste Spiel war gegen Schalke, da hatte ich gehofft, dass ich in den Kader rutsche, weil ich ja gut getroffen hatte und weil es gegen meine Heimatstadt ging, aber leider kam es anders. Irgendwie zog sich das dann wie ein roter Faden durch die nächsten Monate. Der Trainer hat immer zu mir gesagt, dass ich geduldig sein soll, denn in der Rückrunde würden die Einsatzzeiten schon kommen. Aber dann kam es anders. Michael Oenning wurde entlassen. Dieter Hecking kam und der hat die Spieler rasiert, die unerfahren und ohne großartige Einsätze waren. Und da fehlte mir das Vertrauen, das Ganze wurde zur Kopfsache und es lief einfach nicht mehr.

Weiter ging es zu Rot-Weiss Essen. (2011-2012) Dort lief es erst gut, Du wurdest Stammspieler, später aber entlassen, weil Dir vorgeworfen wurde, gegen die eigene Mannschaft gewettet bzw. Infos an Dritte weitergegeben zu haben, die dann für Wetten genutzt wurden. Ein Kapitel Deiner Karriere, das Du lieber vergessen willst?

Das war so ein Kinderkack. Die aktuelle Saison hat mir geholfen, das Ganze endlich vergessen zu machen. Viele sprechen nicht mehr über die Wettaffäre, sondern endlich wieder über meine Leistungen und sagen: Hey, Kaya ist wieder da, er hat seine Tore gemacht, hat sechs Vorlagen. Der Junge ist wieder da.
Das war auch das Einzige, das ich machen konnte, mir den Kopf freischießen und Tore machen.

Wer hat Dir in der schweren Zeit geholfen?

Meine Familie war in erster Linie hinter mir. Und mein Berater hat auch gesehen, dass er ein Engagement für mich in der Türkei findet, damit ich einige Zeit dort spielen und dann in Deutschland neu beginnen kann. Dafür bin ich meiner Familie und meinem Berater auch sehr dankbar. Es musste einfach unbedingt weitergehen, damit meine Karriere nicht stockt.

Es ging weiter in die 2. Türkische Liga. Wie ist der Fußball in der Türkei? Was ist anders? Wie ist die türkische 2. Liga im Vergleich zu den deutschen Ligen einzuschätzen?

In der Türkei da wird vor allem gekämpft beim Fußball. Da musst Du körperlich präsent sein. Es wird wenig Fußball gespielt. Und ich bin nicht der Typ, der sagt „Kommt, raus, kämpfen, so einer bin ich nicht!“. Das war dann schwierig für mich.
Die Trainer standen eher auf Muskelprotze und das war ich eher nicht so. *lacht*

Kaum zurück in Deutschland, 2013, beim KFC Uerdingen, schon holte Dich die Vergangenheit wieder ein, weil der DFB Dich für sechs Monate sperrte aufgrund der Vorkommnisse rund um das Wetten in 2012. Wie bleibt man da stark? Hattest Du damit gerechnet?

Erstmal wollte ich vor allem einfach nach Deutschland zurückkommen und hätte nicht gedacht, dass da noch etwas auf mich zukommt von DFB-Seite aus. Aber es hat nicht mal eine Woche gedauert. Da kam ein Schreiben mit dem Aufruf zur Anhörung beim Sportgericht. Da habe ich mir schon gedacht, dass es eine Strafe gibt. Leider wurden es dann sechs Monate Sperre. Das war sehr ärgerlich, weil ich echt gut drauf und topfit war und der Mannschaft nicht helfen konnte. Leider habe ich mich dann kurz vor Ablauf der Sperre verletzt, Bänderriss am Sprunggelenk, und dann war ich nicht mehr fit und aus dem Rhythmus. Das war sehr unglücklich. Und dann war es schwierig, wieder reinzukommen.

Dein Comeback durftest Du dann ausgerechnet gegen Essen geben. Das war sicher emotional?

Ja. Ich hab mich gefreut, gegen Essen zu spielen. Ich hätte mir auch so gewünscht, ein Tor zu schießen. Aber ich war ja nicht richtig fit. Da waren auch noch ein paar zu viele Kilos drauf.

2014 dann der Wechsel nach Wattenscheid. Und endlich lief es wieder für Dich. War das wie eine Befreiung? Was hat Dich zum Wechsel nach Wattenscheid bewegt?

In Wattenscheid habe ich mich von Anfang an wie Zuhause gefühlt. Auch wenn da ja die Suspendierung dazwischenkam (Kaya hatte in kurzer Zeit zwei Mal Rot wegen Tätlichkeit gesehen, die Red.) und es daher für mich in der letzten Saison schwierig war. Überhaupt ist das eigentlich verrückt. Seitdem ich im Senioren-Bereich spiele, habe ich keine Saison zu Ende gespielt. Deshalb war es nach der Verlängerung im letzten Jahr in Wattenscheid mein Ziel, endlich mal ein Jahr, problemlos, mit freiem Kopf durchzuziehen und mich nur auf Fußball zu konzentrieren. Und ich bin froh, dass ich dieses Ziel mit Hilfe meiner Familie und der Unterstützung meines Beraters (fast) erreicht habe. Dafür bin ich allen hier sehr dankbar.

Ihr schließt diese Saison wahrscheinlich im ganz vorderen Mittelfeld ab. Bist Du mit Eurer Entwicklung zufrieden?

Wenn man sieht, dass Wattenscheid lange Zeit gegen den Abstieg gespielt hat, bin ich umso mehr stolz, dass wir in dieser Saison eine so tolle Leistung gezeigt haben. Das macht unseren Trainer aus, das macht unsere Mannschaft aus: Wir sind eine Familie und das läuft.

Mit dem Sieg im Finale des Westfalenpokals könntet Ihr diese Saison krönen. Wen hättest Du gern fürs Finale?

Uns als Wattenscheid ist das egal. Wir wollen mit aller Macht gewinnen. Ob nach Elfmeterschießen und einem 5:4 oder 6:5. Wir wollen einfach in den DFB-Pokal einziehen. Das wäre gut für uns Spieler und auch finanziell gut für Wattenscheid, toll für den ganzen Verein.

(Hinweis der Redaktion: Es wird nun RW Ahlen...)

Holt Ihr das Ding?

Ja!

Wer ist Dein Vorbild?

Früher war mein Vorbild immer Ruud van Nistelrooy. Aber heute habe ich keinen aktuellen Spieler mehr, den ich so bezeichnen würde.

Wo siehst Du Dich in drei Jahren?

Dann wäre ich 29 Jahre alt. Wer weiß, wenn es optimal läuft, könnte ich vielleicht den Angriff auf die 2. Liga machen *schmunzelt*. Dafür muss mir nochmal eine Saison mit 20 Toren gelingen. Als Stürmer geht das ja relativ schnell, weil man nur viele Tore schießen muss. Aber dafür muss es eben wirklich absolut optimal laufen.

Vielen Dank für das Interview!

 

 


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