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Mega-Projekt an der Lohrheide
Alles digital: SG Wattenscheid hofft auf Millionen-Investition

Oguzhan Can (Aufsichtsrat SGW), Christof Wieschemann (Aufsichtsrat) und Peter Jäger (Haalo), v.l. (Foto: Schulte)
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Wattenscheid – Mit Ach und Krach hat die SG Wattenscheid sich durch die vergangenen Jahre gerettet. Das Geld war knapp, der Erfolg überschaubar. Jetzt steht der Verein vor einer unglaublichen Zukunft - so ist es der Wille des Klubs und seines neuen Partners "Haalo". Seit Dienstag liegen alle Pläne auch für die Öffentlichkeit auf dem Tisch. 

Kommentar: SG Wattenscheid auf dem Realitäts-Prüfstand

Wenn man das Vereinsgebäude an der Lohrheidestadion betritt, atmet man den schweren Duft der Vergangenheit. Neu ist hier fast nichts mehr. Oben im "Bistro" hängen Schwarz-Weiß-Fotos von Klaus Steilmann. Klublegende, Mäzen, Antreiber. Gestorben vor gut neun Jahren, die "gute alte Zeit" liegt schon viel länger zurück. Auf der anderen Raumseite präsentiert der Klub erfolgreiche Jugendteams - Mannschaftsfotos aus der Saison 2013/2014 ... 

Es gibt Spiele, da schauten zuletzt weniger als 1000 Fans zu. Gegen Bonn waren es vor zwei Monaten nur noch 663 zahlende Besucher. Am Ende reichte es in der Regionalliga West für Platz 11. Das ist ziemlich weit weg von den Bundesliga-Zeiten Anfang der 90-er Jahre. Als die SGW aus der ersten Liga verschwand, da musste auch der VfB Leipzig absteigen. Die Leipziger gibt's schon gar nicht mehr, aber die SGW ist noch immer da.

Und sie steht vor blühenden Zeiten, so muss man annehmen. Das Hamburger Startup "Haalo" hat große Pläne für den Klub und will selbst hoch hinaus. Das Unternehmen bietet umfassende Datenanalysen, die sie dank einer Künstlichen Intelligenz (KI) verknüpft und damit "erfolgreichere Spiel-, Trainings- und Spieleranalysen" ermöglichen will. Zudem entwickelt das Unternehmen mobile Anwendungen für ein "attraktives Stadionerlebnis" und investiert im Bereich eSports. 

Die SG Wattenscheid ist nun eine Art Entwicklungspartner für "Haalo", das seine Produkte künftig europa- und weltweit anbieten will. Wattenscheid liefert sozusagen den "Verein" und das Feedback, "Haalo" die Technologie. Beide sind Partner in diesem Projekt und können davon profitieren. Die Zusammenarbeit ist grundsätzlich langfristig gedacht - schließlich stehen einige Investitionen an.

Die Einstiegs-Kosten für die SGW belaufen sich derzeit aber nur auf einen überschaubar fünfstelligen Betrag. Auf der anderen Seite kassiert die SG Wattenscheid im Laufe der kommenden fünf Jahre bestenfalls fünf Millionen Euro. Zwei Millionen auf einen Schlag, sobald das Unternehmen selbst genug Kapital eingesammelt hat, dann in den folgenden drei Jahren jeweils eine Million Euro. 

Ausgezahlt wird aber erst, sobald "Haalo" rund 25 Millionen Euro an Kapital eingeworben hat. Wenn das nicht gelingt, dürfte das Projekt beendet sein. Dennoch: Für die SG Wattenscheid sei das eine Chance, wie Aufsichtsrat Christof Wieschemann betont. "Der Klub war immer abhängig vom Know-How einzelner Personen und Mäzenen. Es war klar, dass das kein Zukunftsmodell ist." 

Und Zukunft ist dieser Tage ein gewaltiges Thema bei der SG Wattenscheid. Der Klub, der bisher weder online noch in sozialen Medien wirklich aufgefallen ist, soll "durchdigitalisiert" werden. Und dabei backen die Beteiligten wahrlich keine kleinen Brötchen. "Haalo"-CEO Peter Jäger kündigte an, dass man in der Lage sei, die digitale Reichweite des FC Barcelona (230 Millionen Menschen) zu übertreffen; und da muss man natürlich Fantasie und Zukunftswillen mitbringen. "Wir denken Sport einfach anders", so Jäger. "Wir können Plattformen aufbauen, die den Sport nachhaltig verändern werden. eSports und Fußball wächst immer weiter zusammen. Fan Engagement ist wichtig. Das hat einen unglaublichen Esprit."

Peter Jäger, CEO bei Haalo. (Foto: Schulte)

Apps, eSports und ein 09-Campus...

So ganz griffig ist das Thema nicht. Im Kern sind aber drei verschiedene Säulen erkennbar. Zunächst soll der Begriff "Fußball" bei der SG Wattenscheid aufgebrochen werden. Es soll ein eSports-Bereich gegründet werden, der "die besten Bedingungen weltweit" (!) erhält und überall dort mitmischen soll, wo "die Fans sind". Mit den besten Teams der Welt konkurrieren soll. Tastatur statt Rasen, Bildschirm statt Tor. League of Legends statt FIFA, wie Peter Jäger formuliert. 

Zum zweiten soll an der Lohrheide ein "Campus" mit 5.000 Quadratmeter Fläche entstehen, in dem verschiedene Bereiche miteinander verknüpft werden: Nachwuchsspieler sollen dort unterrichtet werden, aber auch junge Unternehmen sollen sich dort in Co-Working-Spaces ansiedeln. Es soll Lounges geben und Gastronomie. Ein Partner-Unternehmen, das hier investieren will, sei bereits gefunden. Derzeit liefen aber die Abstimmungsgespräche mit Stadt und Land. 

Und mit seinen Apps für Scouting und Stadionbesuch will "Haalo" umfassende Daten erfassen, bündeln und nutzen. Die Scouting-App dürfte dabei noch am ehesten sport-bezogen sein. Indem sie verschiedene Quellen anzapft und deren Daten verfügbar macht, sollen mögliche Nachwuchsspieler maximal umfassend zu erkennen sein. Die App könne bestehende Datenquellen nutzen, aber auch Kamerabilder erfassen und untersuchen. "So entdecken wir die Stars von morgen", so Jäger. "Wenn ein Spieler kommt und sagt, ich möchte so werden wie Ronaldo, dann können wir ihm dank der Daten Tipps geben." 

Die dahinterstehende Technologie existiert grundsätzlich bereits, wird aber bisher nur spieltagsbezogen und vor allem im Profibereich verwendet. Zu teuer für einzelne Klubs, erst recht in der Regionalliga. "Haalo" will diese Daten mit einer Künstlichen Intelligenz verknüpfen und dann viel detaillierter auch anderen Klubs zur Verfügung stellen. Ob man damit den Scouting-Systemen von Klubs wie BVB oder Schalke zuvorkommen kann? Antworten darauf gab es eher nicht. 

Gläserne Besucher...

Geradezu spannend - oder für Datenschützer beängstigend - soll die Stadion-App "Access" sein. Die macht ihrem Namen durchaus Ehre, soll sie doch dank "Lernfähigkeit" dazu führen, dass künftige dem Besucher auf Platz 2B personalisierte Werbung für sein Einkommen und seine Wünsche präsentiert wird. Klappen soll das durch umfassende Datenerfassung und -Sammlung, Zugriff auf Facebook oder weitere Quellen. In Zeiten von Datenschutz-Debatten wirkt das fast etwas skurril, aber wie Christof Wieschemann sagt: "Was wir an Daten zu schützen versuchen, gibt die junge Generation heute freiwillig für Facebook, Netflix oder andere Plattformen preis." Immerhin: "Das werden wir natürlich nicht ohne Zustimmung der Fans machen."

Getränkebestellung am Platz, WLAN, mobiles Ticketing, mobile Payment: "Das alles verbessert das Stadionerlebnis für den Fan. Und der Verein versteht, wen er da im Stadion hat. Das ist wichtig", so Peter Jäger. "Wir sammeln eine Menge Daten. Und wir lernen dazu. Wann kommt der Besucher ins Stadion? Wo arbeitet er? Was verdient er ungefähr? So etwas ist heute normal in der Marktforschung. Das System lernt auch durch Interaktionen hinzu."  

Schluss mit Schlangen am Bratwurststand, sagt Peter Jäger. Schluss mit Wartezeit an der Bierbude. Alles wird über das Smartphone abgerechnet. Idealerweise nicht nur in Wattenscheid, sondern überall. Überall. Auch in anderen Sportarten. "Geht das heute schon? Nein. Aber das ist der Plan." Wie gesagt: Zukunft ist ein wichtiges Stichwort in dieser Sache. 

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