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Kommentar
SG Wattenscheid auf dem Realitäts-Prüfstand

(Foto: Schulte )
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Große Ideen und kühne Ansagen haben sie da am Dienstag in Wattenscheid gemacht. Den FC Barcelona einholen. Bundesliga mit der SGW. Volldigitalisiert, vernetzt, auf der Höhe der Zeit und ihr voraus. Das bietet Chancen, aber vorher braucht es einen Realitätscheck.

Die SG Wattenscheid geht eine Kooperation mit dem Hamburger Startup "Haalo" ein. Die einen wollen ein volldigitales Produkt verkaufen, die anderen erhoffen sich viel Geld für einen darbenden Verein. Das kann eine Win-Win-Sache werden, wenn es läuft. Muss aber nicht.

Um große Worte waren alle Beteiligten am Dienstag nicht verlegen. Die 230 Millionen Menschen, die der FC Barcelona digital erreicht, die könne die SG Wattenscheid binnen fünf Jahren auch erreichen. Und übertreffen. Da muss man schon kurz schlucken, wenn man so etwas über einen Verein hört, der Mühe hat, seine Zuschauerzahlen über 1.000 zu halten, und dessen größte Errungenschaft die legendäre "beste Stadionwurst Deutschlands" ist. 

Und die Frage ist, ob wirklich alle Fans bisher überhaupt verstanden haben, worum es letztlich geht. Denn das ist gar nicht einfach zu greifen. Nicht einmal nach fast zwei Stunden Pressekonferenz. Es wirkt auch fast etwas zufällig. Auf der einen Seite soll ein Campus entstehen, also ein echtes Gebäude zum Anfassen. Mit Räumen für andere Startups und Gastronomie und "Lounges". Für die vage "Zusammenführung von Jungunternehmern, Fußball-, eSports- und Tech-Talente. Das könnte überall entstehen und ist für sich genommen nicht digital, sondern die klassische Hipster-Idee aus der Großstadt. So etwas wie der wiedergeborene Think Tank für den modernen Fußballklub. 

Aber auch in Wattenscheid?

Ein eSports-Team zu gründen, ist auch nicht mehr der heißeste Scheiß im Block. Längst haben sich viel größere Klubs an den Tisch gesetzt. Mit dem Kernprodukt Fußball hat das ohnehin nur am Rande zu tun. Neue Welten kann sich ein Verein damit sicher erschließen, aber auch hier wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis das leicht anarchische Geschäft mit dem eSport ein knallhartes Business geworden ist und seine ursprünglichen Fans verliert. So etwas passiert mit allem, was Fans anzieht. Immer.

Und dann die Sache mit den Apps. Scouting-Systeme gibt es längst. Daten sind im Fußball nicht mehr neu, nur mit ihrer Sammlung und Auswertung kann man noch punkten. Hier soll eine Künstliche Intelligenz (KI) greifen. Noch mehr Daten, noch genauer. Wie das konkret aussehen soll? Dazu gab es bisher keine erhellenden Auskünfte. Es ist ja auch noch alles in Arbeit, also sollte man dem Ganzen Zeit geben. Aber um wirklich neu zu sein, müsste der Technologie-Partner "Haalo" wirklich etwas Bahnbrechendes schaffen - und der Nachweis steht schlicht noch aus. 

 

Mit der Stadion-App "Access" wird der Fan endgültig zum Datenbrunnen. Völlig ernsthaft glauben die Macher, dass der Fan eines Fußballklubs sich über personalisierte Werbung im Stadion freut, gerne über seine Gewohnheiten oder Vorlieben Auskunft gibt und die Qualität des Stadionbesuchs daran misst, ob er sein Bier am Platz bestellen kann. Mobile Payment, ein Tippspiel, schon wieder eine Insellösung? Braucht man das? Bringt mich als Fan und Zuschauer weiter? 

Ist das die eigentliche Frage, die sich "Haalo" und die SG Wattenscheid und am meisten ihre Fans stellen müssen? Was ist eigentlich mit jenen, die zwar Verständnis, aber gar keinen Bedarf für solche technologischen Ansätze haben? Wird man in Wattenscheid künftig gezwungen, sich digital zu beteiligen oder kann man auch einfach ganz analog ins Stadion laufen? Wen erreicht man mit Fan Engagement, digitaler Transformation, Touch-Points oder cloudbasierten Plattformen? Worum geht es hier im Kern eigentlich?

Wohlweislich losgelöst vom Verein hat "Haalo" die Frage nach der Finanzierung des gesamten Projekts. Mit einer Crowdfinanzierung auf Krypto-Basis können sich Investoren beteiligen. Das verspricht viel Geld, das ausschließlich ins Unternehmen gesteckt wird. Und ehe das nicht gelingt, fließt auch in Wattenscheid kein Geld. 

Bringt das alles die SG Wattenscheid "mittelfristig zurück in den Profifußball"? Da gehört ein dickes Fragezeichen hinter. Wie hinter diese gesamte voll-digitalisierte Partnerschaft, die bisher nur in blumigen Worten zu erahnen ist.

Aus Sicht der SG Wattenscheid und ihres Partners ist das ganze Projekt erst einmal sinnvoll. Es kann dem Klub eine größere Reichweite bringen. Und vielleicht auch Geld. Der Partner kann sein Produkt unter realen Bedingungen testen. Alles prima. Wenn das alles nur nicht ganz so böse den Eindruck erweckte, haarscharf am Fußball vorbeizuschrammen und wirklich jeden "Trigger" zu treffen, der Fußballfans heute so kolossal von eben jenem Business-Getue entfernt. Da hilft dann auch keine App mehr. 

 

P.S. Auf der Wattenscheider Webseite ist das ganze Projekt bisher nur in drei knappen Absätzen erwähnt. Und die zweite Mannschaft wurde eben vom Spielbetrieb abgemeldet. Es ist noch ein langer Weg bis in Wattenscheids Zukunft.

 


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