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Ganz nah dran
Neue Perspektiven bei Schalke gegen Stuttgart

(Foto: Susanne Hein-Reipen)

Gelsenkirchen – Susanne Hein-Reipen durfte beim Spiel des FC Schalke 04 gegen den VfB Stuttgart eine neue Perspektive kennenlernen. Als Fan-Reporterin saß sie auf dem Sofa eines Sponsors und konnte das Spiel in unmittelbarer Nähe zur Trainerbank verfolgen. Ein Erlebnisbericht.

Auch für alte Schalker Hasen tun sich gelegentlich neue Perspektiven auf: Das Heimspiel gegen den VfB Stuttgart durfte ich mit meinen zwei Begleitern Günther und Frank als Twitter-Fan-Reporterin auf dem "Sofa" des neuen Schalker Elektronik-Sponsoring-Partners unmittelbar hinter der Schalker Trainerbank verbringen. Es wurde ein ausgesprochen ereignisreicher Tag mit einigen interessanten und unerwarteten Beobachtungen…

Erste Premiere: Eine Parkkarte im Arena-Parkhaus - okay, das ist noch nicht sonderlich spektakulär. Wenn Dir dann allerdings auf dem Weg zur königsblauen Geschäftsstelle breit grinsend "Blondie" Gerald Asamoah entgegenkommt, schon. Gerald zeigt dann auch sofort, warum er auf Schalke Kult-Status genießt: Blendend gelaunt, vollkommen uneingebildet und geduldig steht er allen Schalkern Rede und Antwort, posiert für Fotos und entgegnet auf die guten Wünsche für das baldige Ende der aktiven Laufbahn, Schalke sei der Glücksfall seines Lebens gewesen und er werde Schalke immer im Herzen tragen. Ich glaube, es gibt keinen Zuhörer, der in diesem Moment nicht leise in sich hineinseufzt und sich von den aktuellen Spielern diese Identifikation mit dem Verein wünscht.
An der Geschäftsstelle begrüßen uns unser Guide Fabian und Linda, sehr charmante Marketingassistentin des besagten Sponsoringpartners und nach eigenen Angaben "gar nicht soooo an Fußball interessiert; aber die Atmosphäre so unmittelbar am Geschehen sei schon toll." Sie stellt staunend fest, dass wir "ja richtig in Fankleidung" seien, denn die Gruppe vor uns wäre zivil gekleidet gewesen.

Gemeinsam mit den vier Gewinnern des anderen "Fan-Sofas" (ein großer Eishersteller, weswegen wir scherzhaft "Stiel-Eis-Schlecker halten uns nicht auf!" in unseren Bart brummeln) geht es dann auf eine Arenaführung. Und selbst wenn man schon viel gesehen hat: Der bereits fürs Spielgeschehen hochgerüstete Presseraum, die Stadionregie, die Gelegenheit, sich bäuchlings auf dem Rasen auf Ballhöhe zu begeben und der Blick unter den Rollmechanismus der Wanne, in der das Spielfeld liegt, sind äußerst interessant. Der Stollen-Spielertunnel, in denen gerade ein Haufen vor Vorfreude glühender, hibbeliger Einlaufkinder gebrieft wird, die Trainerbank und die Arena-Kapelle runden den Blick hinter die Kulissen ab. In die Kabine dürfen wir nicht, weil diese bereits komplett für die Mannschaft eingerichtet ist, durch einen Spalt blitzt ein königsblaues Trikot mit der Nummer 25…

Drauflosschreiben

Zu einer Stärkung geht es in den Incentive-Bereich des La-Ola-Clubs. Das Publikum ist sehr gemischt, vom Edel-Anzug bis zur Kutte ist alles vertreten. Das Speisenangebot ist reichhaltig von rustikalen Mettbrötchen bis edlen Lachskreationen, allerdings sieht man bei der Schlacht am Buffet mehr Blutgrätschen als in der ersten Halbzeit auf dem Rasen. Ich freunde mich derweil ein wenig mit den Funktionen des Handys des Sponsoringpartners an, mit dem ich das Spielgeschehen kommentieren soll und bejahe grinsend die Frage, ob ich schon einmal über ein Fußballspiel geschrieben hätte. Dann sei es ja gut, wird mir beschieden, ich solle einfach drauflosschreiben, nur bitte "keinerlei Beleidigungen" und nichts "sehr Scharfes". Beim letzten Mal seien die Einwechslungen total gut angekommen! Auf meinen zarten Hinweis, dass dies auch das langersehnte Comeback von Julian Draxler nach einem halben Jahr Verletzungspause gewesen sei, staunt Linda, das habe sie nicht gewusst.

Als unsere Torhüter "Ralle" Fährmann und Timon Wellenreuther zum Warmmachen auf den Platz laufen, drängt es auch uns, unsere exklusiven Plätze einzunehmen: Klasse Sicht, tolle Perspektive, unglaublich nah dran! Hätten wir Gorilla-Arme, könnten wir die einlaufende Mannschaft abklatschen.

"Das haben wir nicht gewusst"

Aber was ist das? Bei der Arena-Führung konnten wir schon erkennen, dass in der Nordkurve eine Choreo vorbereitet wurde, jetzt erscheinen jedoch zwei große Transparente "Kampflos, Charakterlos, Herzlos - und Ihr wollt Schalker sein?" und "Kämpft oder verpisst Euch!" und die Nordkurve schweigt die Mannschaft an, als diese sich zum "Schulterschluss" aufbaut. Die Quittung für den unterirdischen Auftritt in Mainz!

Ich knipse und twittere eifrig vor mich hin, als Linda mir auf die Schulter tippt, ihre Chefin habe angerufen: So etwas Böses wie kampf- und charakterlos solle ich doch bitte nicht schreiben… Mein Hinweis, dass ich damit nur den Text des Transparentes zitiert habe, wird wieder mit einem, oh, das hätten sie leider nicht gewusst und den Tweet deshalb gelöscht, quittiert. Mir ist nicht nach einer Generaldebatte, weil es einfach zu viel zu sehen gibt, aber ich weiß jetzt meinen eigenen Account ohne Einflussmöglichkeiten mehr zu schätzen. Merke: Asiatische Sponsoren mögen interessante Märkte eröffnen, zu "gewöhnlich gut informierten Fußballkreisen" gehören sie damit noch lange nicht. Ich bin froh, dass es sich nicht um stimmberechtigte Partner bzw. Anteilsinhaber handelt…

Auch unser "Jahrhunderttrainer" Huub Stevens betritt den Rasen und schaut sich um; ich glaube etwas Wehmut in seinem Gesicht zu erkennen, die sichtlich angespannte Miene wird weicher, als er Richtung Nordkurve schaut. Am Ausgang des Spielertunnels steht zudem mit Timo Hildebrand ein weiterer Schalker/Stuttgarter "Grenzgänger". Die Gerüchte, wonach er nach dem Verlust seines Stammplatzes ein "Stinkstiefel" und sehr unbeliebt in der Mannschaft gewesen sein soll, scheinen ins Reich der Fabel zu gehören: Er wird von seinen ehemaligen Kollegen in königsblau ausnahmslos herzlich begrüßt und gibt speziell seinem jungen Keeper-Kollegen Timon Wellenreuther noch einige aufmunternde Tipps mit auf den Weg.

Tolle Choreo

Das Steigerlied ertönt, die Nordkurve verwandelt sich in ein blauweißes Fahnenmeer, die Stuttgarter Gästekurve hingegen in einen Friedhof: Komplett in schwarz gehüllt lautet die Anklage "Vereinsführung: keine sportliche Kompetenz - keine Perspektive - keine Aufarbeitung - keine Antworten". Als die Mannschaften dann zu den Klängen unseres Vereinslieds "Blau und Weiß, wie lieb ich Dich…" einlaufen, entfaltet die Choreo der Nordkurve ihre volle Pracht: Die Titelzeile wird über die gesamte Breite der Kurve hochgezogen, einmal mehr ein wundervolles Bild!

Wir wundern uns noch über die Startaufstellung ohne Draxler, Meyer und Boateng, als die Anfangsoffensive belohnt wird: Auf Vorarbeit von Leroy San beendet Klaas-Jan Huntelaar seine gefühlt jahrelange Torflaute und knallt mit rechts zum 1:0 ein. Der Hunter ist endlich wieder auf der Jagd! Man hört die Steinbrüche förmlich von den Herzen fallen, auch auf der Ersatzbank reißt es alle begeistert in die Höhe. Apropos Ersatzbank: Kevin-Prince Boateng wird ja gerne als "Lustlos-Profi" oder demotiviert beschrieben - für gestern kann ich das absolut nicht bestätigen, er "lebte" jeden Spielzug auf der Bank förmlich mit, textet ununterbrochen auf den neben ihm sitzenden Kolasinac ein und legt sich gemeinsam mit ihm mehrfach mit dem 4. Offiziellen an.

Wir legen uns kurzfristig mit den älteren Herrschaften hinter uns an, die zwar (sitzend…!) "steht auf, wenn Ihr Schalker seid!" mitsingen, uns aber mit demselben Atemzug mitteilen, wir mögen uns doch bitte hinsetzen… Gute Sicht hin, Gute Sicht her, nicht alle Urteile über die Haupttribüne sind Vorurteile.

Stevens regungslos

Leider denkt Stuttgart trotz unserer frühen Führung nicht daran, sich wie ein braver Absteiger abschießen zu lassen und gewinnt zunehmend Spielanteile. Roberto di Matteo rennt unermüdlich vor uns in der Coaching-Zone herum, gestikuliert, schreit, dirigiert: Enger zusammenbleiben, schneller aufrücken! Versteinerte Miene dann, als Harnik mit einem Heber über den herauslaufenden ausgleicht. Die Stimmung in der Arena wird sofort unruhig, passend dazu fleht ein Transparent die verstorbene Schalker Legende Charly Neumann an: "Ach Charly, wenn Du wüsstest, was die hier für eine Scheiße machen!"

Benedikt Höwedes bemüht sich als Kapitän nach Kräften, die Mannschaft nach vorne zu treiben, seine Kommandos hallen gut verständlich über den Platz; allerdings leidet er selber unter der Position des rechten Verteidigers und kann Jefferson Farfan bei dessen Vorwärtsbestrebungen kaum unterstützen. Als die Mannschaften zur Pause in die Kabinen strömen, sieht man viele angespannte Gesichter, vereinzelt ertönen Pfiffe von den Rängen. Ein Transparent "Erfolg durch Ausgliederung? Wer’s glaubt, wird Tönnies! E. V. für immer" greift die wieder einmal durch den Schalker Aufsichtsratsvorsitzenden aufgebrachte Diskussion auf.
Nach dem Wiederanpfiff starten die Stuttgarter deutlich forscher und gehen nach einem vermeidbaren Ballverlust von Joel Matip durch einen Linksschuss von Kostic mit 2:1 in Führung.

Huub Stevens nimmt es wie einst in Mailand regungslos Notizen machend zur Kenntnis, auf der Schalker Bank herrscht Verzweiflung, auf dem Platz für einige Minuten planlos wirkendes Umhergerenne. Zum Glück reagiert di Matteo schneller als in den vorangegangenen Spielen: Draxler ersetzt Farfan, für den überspielten Choupo-Moting kommt Boateng und schließlich Max Meyer für den unermüdlich rackernden Goretzka. Mit den dreien gewinnt das Schalker Offensivspiel deutlich an Fahrt, die Nordkurve, die dem Gekicke zuvor phasenweise den Rücken zugewendet hatte, dreht sich wieder um. In der 78. Minute dann der ersehnte Ausgleich, nach einer schönen Vorlage von Boateng reagiert der Hunter am schnellsten und stochert das Leder über die Linie, 2:2!

Der Punkt ist eigentlich zu wenig, geht da noch etwas? Ja, da geht noch etwas: Zwei Minuten vor dem Abpfiff ist es wieder Boateng, der nach einer Flanke von Aogo den Ball volley Richtung Stuttgarter Kasten drischt, wo er noch abgefälscht vom Unglücksraben Klein unhaltbar im linken Eck landet. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Nicht schön, aber unterhaltsam - und vor allem extrem wichtig! Die Ehrenrunde der Mannschaft fällt allerdings sehr knapp und kurz aus, der Frust über den "Liebesentzug" vor dem Spiel scheint noch recht tief zu sitzen. Ein trotz der 5. gelben Karte strahlender Klaas-Jan Huntelaar und Kapitän Höwedes treten vor die Fernsehkameras.

Draxler kurz angebunden

Nach dem Spiel verfolgen wir noch die äußerst kurze Pressekonferenz, Huub bleibt trotz der unglücklichen Niederlage sehr freundlich und verabschiedet sich herzlich von di Matteo. Im La-Ola-Club treffen wir die noch sichtlich aufgeregte Managerlegende Rudi Assauer, dem von zahlreichen Gästen großer Respekt gezollt wird. Anschließend stellen sich noch Julian Draxler und Christian Wetklo den Fragen von Moderator Jörg Seveneick. Wetklo agiert dabei ausgesprochen souverän und schildert das Spielgeschehen zutreffend und ohne Beschönigungen aus Sicht eines Trainers, es würde mich wundern, wenn er nach dem anstehenden Karriereende keine entsprechende Anschlussbeschäftigung bekäme.

Draxler wirkt ein wenig verkniffen und kurz angebunden, wir können allerdings nicht ergründen, ob es an seiner Nichtberücksichtigung für die Startelf oder der allgemein gespannten Stimmung aufgrund des gezeigten Unmuts der Fans liegt.

Vor der Nordkurve diskutieren derweil auch anderthalb Stunden nach Spielende zahlreiche Ultras hitzig mit Roberto di Matteo. Inhalte sind leider nicht zu verstehen, aber ich vermute, es geht um den kurzfristig verweigerten Support und die Forderungen an die Mannschaft, sich bitte den Allerwertesten aufzureißen. Am Ende stellen sich jedenfalls alle gemeinsam strahlend zum Gruppenfoto auf dem Arenarasen auf, hoffentlich ein gutes Signal, die letzten drei Spiele gemeinsam das Beste zu geben und den EL-Platz 5 zu verteidigen!
Für uns geht ein ungewöhnlicher und spannender Tag mit Happy-End auf Schalke zu Ende, herzlichen Dank an alle Beteiligten und Glückauf!


Susanne Hein-Reipen ist Gastautorin. Sie verfasst auf westline Fankolumnen über Schalke und ist u.a. auf fankultur.com zu finden.

 

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Tabelle

34. Spieltag
PlatzVereinSp.ToreDiff.Pkt.
12Mainz 053446:57-1143
13Freiburg3446:61-1536
14Schalke 043437:55-1833
15Augsburg3451:71-2032
16Stuttgart3432:70-3828

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