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Vortrag von Dietrich Schulze-Marmeling
Schalke und der BVB - die beiden Arbeiterklubs

Dietrich Schulze-Marmeling (Foto: Schemmann)

Dortmund – Bei "Fußball" und Ruhrgebiet" denkt man unwillkürlich an Ascheplätze im Schatten der Fördertürme und an Arbeitervereine wie den BVB und Schalke 04. Dabei waren beide Klubs irgendwie auch bürgerliche Vereine - auf den ersten Blick ein Widerspruch. Darüber und über viele weitere Themen hat Buchautor Dietrich Schulze-Marmeling am Dienstagabend im Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund gesprochen.

"Malocher, Knappen, Pöhler - Fußball in einer Arbeiterregion" hieß sein Vortrag. Innerhalb einer guten Stunde führte er seine Zuhörer in einem rasanten Ritt durch die Anfänge des Fußballsports in England und im Ruhrgebiet, beschrieb das schwierige Verhältnis der Arbeiterfußballklubs zur politischen Arbeitersportbewegung und ging zuletzt noch auf das Kampfthema "Professionalisierung" ein.

... und der Lackschuhverein

"Fußball war zu Beginn ein bürgerlicher Sport", sagte er. Zwar wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts auch im schwerindustriell geprägten Ruhrgebiet schon gekickt, allerdings vornehmlich von bürgerlichen Vereine wie etwa ETB Schwarz-Weiß Essen, das bekanntlich heute noch manchmal im Vergleich zum Stadtkontrahenten RWE als "Lackschuhverein" bezeichnet wird.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg, als eine Verringerung der Arbeitszeit durchgesetzt worden sei, hätten Arbeiter den Fußball erobert. Nun hatten sie endlich Zeit dafür. Und Fußball, der zu der Zeit noch kein Massenphänomen wie heute war, habe sich schnell als idealer Sport für die Arbeiterklasse herausgestellt. "Man brauchte nicht viele Geräte dazu, etwas Rundes, das sich als Ball gebrauchen ließ, genügte." Arbeiterfußball sei von Anfang an mehr gewesen als nur Grätschen und Kämpfen. Im Gegenteil, die Arbeiter, deren Tätigkeiten in der Schwerindustrie häufig eintönig gewesen seien, konnten im Fußball nun unterdrückte Kreativität und Intelligenz entfalten.

Politische Dimension

Von Anfang an habe Fußball aber auch eine politische Dimension gehabt. Im Fußball behielten die Arbeitervereine häufig die Oberhand über die bürgerlichen Vereine, eben umgekehrt zum "richtigen" Leben. "Das war Klassenkampf aufs Spielfeld übertragen", machte Schulze-Marmeling deutlich. Die Fußballbegeisterung in der Arbeiterklasse sei bald so groß geworden, dass sie der Religion den Rang abgelaufen habe, erklärte der Autor seinen gespannt lauschenden Zuhörern.

Mit Schaubildern visualisierte er den Aufstieg der Arbeitervereine, zeigte die beeindruckende Zahl der Teilnahmen am Endspiel der Deutschen Meisterschaft von Schalke 04 und die sieben Meistertitel. Einen kleinen Seitenhieb konnte sich der bekennende BVB-Fan Schulze-Marmeling allerdings nicht verkneifen, als er darauf hinwies, "dass da nach 1958 ja allerdings nicht mehr viel gekommen sei".

Zumindest in zweierlei Hinsicht waren Schalke und der BVB nach dem Ersten Weltkrieg keine "klassischen" Arbeitervereine mehr, sondern bürgerliche Klubs: "Sie wurden von Bürgerlichen geführt", sagte Schulze-Marmeling. Und sie gehörten dem bürgerlichen DFB an. In den 20ern und frühen 30ern habe es nicht nur den DFB gegeben, sondern auch noch den Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) und den allerdings weniger bedeutsamen, katholischen DJK (Deutsche Jugendkraft). ATSB und DJK hatten einen eigenen Spielbetrieb, spielten also eigene Ligen mit den ihnen angegliederten Vereinen aus.

Der Mittelstürmer ohne Namen

Der ATSB war gewissermaßen die politische Arbeitersportbewegung, die von SPD und der kommunistischen KPD gesteuert wurden. Zwei Drittel aller Arbeiter, die für gewöhnlich stets eine der beiden linken Parteien wählten, zogen es beim Fußball aber trotzdem vor, Mitglied beim bürgerlichen DFB zu sein.

So auch der BVB und Schalke 04. "Sie waren gewissermaßen 'bürgerliche Arbeitervereine'." Das hatte drei Gründe, erklärte Schulze-Marmeling. Einerseits vertrat der ATSB zum Thema Berufsspieler eine ähnlich ablehnende Haltung wie die damals aggressiver werdenden Deutsch-Nationalen. Bezahlter Fußball war aber mittlerweile für viele Arbeiter eine Möglichkeit geworden, ihr Einkommen aufzubessern und ihrer Familie ein gutes Leben zu ermöglichen, ohne sich dafür auf dem Pütt oder im Stahlwerk kaputt arbeiten zu müssen. Viele Betriebe unterstützten ihre Fußballspieler, indem sie ihnen leichte Arbeit oder sogar Scheinbeschäftigungen gaben.

Zum Zweiten ließ sich bei den ATSB-Vereinen kein Ruhm ernten, denn dort wurde bewusst auf Rückennummern und jeden Starkult verzichtet. Großer Erheiterung rief die Anekdote bei den Zuschauern hervor, dass der Stadionsprecher nach den Spielen dann zu sagen pflegte: "Drei Tore erzielte unser Mittelstürmer".

Unbehelligt

Das wohl wichtigste Argument für eine Mitgliedschaft im DFB sei aber wohl gewesen, dass man dort unbehelligt von politischer Verfolgung einfach Fußball spielen konnte, sagte Schulze-Marmeling und zitierte die Schalke-Legende Ernst Kuzorra, der gesagt haben soll: "Wir wollten Fußball spielen, mit was anderem wollten wir nichts zu schaffen haben. Politik und Religion spielten bei uns überhaupt keine Rolle."

Viele Informationen gab Schulze-Marmeling seinen Zuhörern in einer guten Stunde, trotzdem war anschließend noch Zeit für eine Fragerunde und eine Diskussion, die dann auch bis in die Jetzt-Zeit führte, zu der Ultra-Bewegung, zur 50+1-Regel und RB Leipzig. Schulze-Marmelings Urteil dazu: "Ich bin nicht wirklich ein Fan von diesem Konstrukt. Allerdings so gänzlich neu ist das Konzept nicht, auch hier haben früher Unternehmen Vereine finanziell gefördert und ihnen so einen Wettbewerbsvorteil verschafft." Die Dimension sei aber natürlich heute eine andere. Und am Ende befand er: "Für ein Topspiel am Samstagabend zwischen RB Leipzig und dem FC Ingolstadt kaufe ich sicher kein Sky-Abo."

Hinweis der Autorin: In erster ersten Version des Artikels hieß es etwas missverständlich, Schalke und der BVB seien keine klassischen Arbeitervereine gewesen. Das waren sie natürlich beide. Sie schlugen sich aber politisch gesehen dem bürgerlichen Spektrum zu, indem sie Mitglied im DFB wurden und nicht im Arbeiter-Turn- und Sportbund. Insofern waren sie, auch wenn sich die Spieler- und Anhängerschaft weiter hauptsächlich aus Arbeitern zusammensetzte, nicht mehr ausschließlich im Arbeitermilieu zuhause, zumal auch die Vereinsführung überwiegend nicht aus Arbeitern bestand.

Fragen an...
Dietrich Schulze-Marmeling

Herr Schulze-Marmeling, war der Fußball im Ruhrgebiet in seinen Anfängen eigentlich schon ein klassischer Arbeitersport?

DSM: Nein, es war ähnlich wie in England zu Beginn ein Sport des städtischen Bürgertums. Fußball war anfangs auch im Ruhrgebiet eher elitär. Der erste Fußballverein in Dortmund wurde zum Beispiel als Dortmunder Fußball-Club (DFC) 1895 gegründet und das war ein bürgerlicher Klub. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, mit der Einführung des 8-Stunden-Tags, wurde es dann vor allem ein Arbeitersport. Der BVB beispielsweise ist mit seiner Gründung 1909 zum Beispiel für einen Arbeiterverein schon recht früh dran gewesen. In England fand die gleiche Entwicklung statt, allerdings schon drei bis vier Jahrzehnte früher.

Hatte Fußball im Arbeitermilieu auch eine gesellschaftliche Bedeutung? Oder war es ein reines Freizeitvergnügen für die jungen Arbeiter?

DSM: Es hatte auf jeden Fall eine gesellschaftliche Bedeutung, in dem Sinne, dass hier teilweise der Klassenkampf auf dem Spielfeld ausgetragen wurde. Der FC Schalke galt in den 20er Jahren als der sportliche Repräsentant der Arbeiterschaft. Es gab heiße Derbys gegen bürgerliche Vereine. Und der Verein hatte hart zu kämpfen mit dem Westdeutschen Spielverband, der bürgerlich geprägt war.

Es dauerte ja auch eine ganze Weile bis Schalke in den WSV überhaupt aufgenommen wurde...

DSM: Ja, Schalke war ja zu Beginn eine reine Straßenmannschaft. Es war aber auch kein Zufall, dass gerade Schalke hart bestraft wurde, als es um den Kampf gegen das Berufsspielertum ging. 1930 sperrte der WSV eine komplette Schalker Mannschaft, als Strafe für verbotene Zahlungen an die Spieler. Zum ersten Spiel nach der Sperre kamen 70000 Zuschauer, das war auch ein bisschen eine Protestkundgebung, weil man sich als Arbeiterverein ungerecht behandelt fühlte. Arbeiter waren beim Fußball nicht gern gesehen, aber sie machten dann irgendwann einfach die Masse aus.

Sie haben zuletzt eine aktualisierte Fassung der "Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft" heraus gebracht. Können Sie schon verraten, was Ihr nächstes Buchprojekt wird?

DSM: Gerade ist auch noch von mir ein Buch über die nordirische Fußball-Legende George Best erschienen. Im Herbst erscheint ein Buch, das ich zusammen mit Hardy Grüne schreibe, zur Geschichte des Fußballsports. Außerdem arbeite ich gerade an einem Buch über Manuel Neuer, wobei es vor allem darum gehen wird, wie er das Torwartspiel verändert hat.

 

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Tabelle

34. Spieltag
PlatzVereinSp.ToreDiff.Pkt.
12Mainz 053446:57-1143
13Freiburg3446:61-1536
14Schalke 043437:55-1833
15Augsburg3451:71-2032
16Stuttgart3432:70-3828

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