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Susanne Hein-Reipen kommentiert
Die Schalke-Kolumne 202: Ist Jammerei die Schalker Königsdisziplin?

Ist das Fußball? Oder ist das nur Schalke? Gerade noch in Madrid gewonnen, dann eine Pleite gegen Leverkusen - und schon ist alles schlecht, was vorher gut war. Unsere Kolumnistin Susanne Hein-Reipen schreibt eine Wutrede gegen die Wankelmütigkeit.

Man kann die Uhr danach stellen: Wann immer ein gefühlt oder wie in diesem Fall des "Sechs-Punkte-Spiels" gegen den direkten CL-Qualifikations-Konkurrenten Bayer Leverkusen tatsächlich wichtiges Spiel verloren geht, setzt in den königsblauen Netzwerken und Foren, Medien und Stammtischen das große Heulen und Zähneklappern ein.

Wenn es dabei nur oder wenigstens schwerpunktmäßig um die Analyse des jeweiligen Spiels ginge, vollkommen nachvollziehbar. Man kann vortrefflich darüber diskutieren, ob diese verdammte Niederlage mehr der eigenen Unfähigkeit, die von der unterwöchigen CL-Schlacht gegen Atletico ausgepowerten Leverkusener entsprechend unter Druck zu setzen, oder der unterirdischen Schiedsrichterleistung von Referee Peter Gagelmann geschuldet war.

Mit diesen konkreten Fragen gibt sich der geneigte Schalker Wutbürger aber nicht zufrieden: Nein, "nach dem Verpassen der CL" müssten Köpfe rollen, liest man in dem einen Forum. Heldt, Tönnies und di Matteo sowieso hätten "ganz klar das Saisonziel verpasst" und "wollen Schalke nur schaden" in einem anderen. Selbst der Kicker schwafelt bereits von "der Chance des Scheiterns"; die Zeitung mit den vier Buchstaben findet plötzlich, man habe viel länger an Keller - von ihr selber zum "Gesicht der Krise" gemacht - festhalten müssen. In eine ähnliche Kerbe schlägt die WAZ: Keller sei rehabilitiert.

Ein User droht, die Vereinsmitgliedschaft zu kündigen, wenn mit Fuchs oder Barnetta verlängert werde, ein anderer orakelt, Boateng oder Neustädter hätten etwas gegen den Coach in der Hand, anders sei ihr Einsatz nicht zu erklären. In den (a)sozialen Netzwerken wird derweil munter verbal auf Ersatz-Ersatz-Keeper Timon Wellenreuther eingedroschen und beklagt, dass "Schalke seit Jahren den falschen Spielern zu viel Geld in den A…llerwertesten schiebe". "Alle abstoßen", da man vom "zweitteuersten Kader der Liga" ja wohl gefälligst "mindestens Platz 2 erwarten könne"; "früher hatten die wenigstens noch Eier, wir haben nur noch Selfie-Poser" und überhaupt "bei uns klappt ja nie etwas", gerne auch als "immer wenn es darauf ankommt, versagen die *****" formuliert. (Falls Sie Interesse haben, kann ich Ihnen an dieser Stelle übrigens noch ein paar sehr hübsche aufgeschnappte Synonyme für "versagen" und die Sternchen liefern, die Sie nicht nur in Waldorfkindergärten für ein Sabbatjahr auf die stille Treppe befördern.)

Alle, die sich hier wiedererkennen, müssen jetzt ganz tapfer sein: Für mich seid Ihr peinliche Heulsusen und Weicheier!

Ihr schenkt die CL-Qualifikation ab, obwohl noch 24 Punkte zu vergeben sind und der Rückstand auf die begehrten Plätze 3 und 4 sechs bzw. acht Punkte beträgt? Aber die Mannschaft soll gefälligst dran glauben und fighten bis zum Schluss, damit Ihr nicht den Daumen senkt? Apropos bis zum Schluss: Wo war die Hälfte des geneigten Arena-Publikums am Samstag beim Schlusspfiff? Wie kann man zu Tausenden aus dem Stadion strömen, wenn die Mannschaft um den Ausgleich ringt? Schon mal Fackeln und Mistgabeln besorgen?

Ihr seid der Auffassung, die Höhe der Kaderkosten müsse der Abschlusstabelle entsprechen? Tja, dann können wir uns die Spiele künftig sparen. Der Reiz des Fußballs besteht darin, dass Underdogs vermeintlich Großen ein Bein stellen und Form oder mannschaftliche Geschlossenheit teure Klasse schlagen. (Nein, Clemens, das ist kein Freibrief, die Gehälterspirale ungehemmt weiterzudrehen).

Ihr jammert rum, dass bei uns "immer" im entscheidenden Moment versagt werde und die großen Worte "nie" gehalten würden? Unabhängig davon, dass ich mir von einigen unserer Verantwortlichen ebenfalls ein Jiri-Nemec-Schweigegelübde wünschen würde: Ihr liegt schlicht falsch. In den letzten drei Jahren haben wir unser Saisonziel, die CL-Qualifikation erreicht. Außer den Bayern war kein deutscher Verein in den letzten zehn Jahren häufiger in der Champions League vertreten als wir; keiner steht im europäischen Club-Ranking über uns. Warum seid Ihr dennoch der Meinung, in Wolfsburg, Gladbach oder Leverkusen sei das Gras grüner und alles viel besser?

Und, achja, die Profis von heute posen nur noch auf facebook, twitter und instagram, während sie früher ehrlich malocht haben? Dann habe ich mir wütende "Scheiß-Millionäre" und "Wir sind Schalker und Ihr nicht!"-Rufe wohl nur eingebildet und Busblockaden hat es auch nie gegeben. Die haben sich ja schließlich immer zur allgemeinen Zufriedenheit das Gesäß aufgerissen.

Und die damaligen Reizfiguren, im verklärten Licht der Erinnerung sind sie plötzlich alle "echte Typen", die man bei den heutigen "mediengeilen stromlinienförmigen Jüngelchen" gar nicht mehr findet…. Aber wehe, wenn sich heute einer mit politischer Incorrectness oder ein paar nassforschen Sprüchen von der Masse abhebt, was erlaubt der sich denn? Größenwahnsinniger Schnösel!

"Ja, damals, das waren ganz andere Zeiten" höre ich Euch schon schreien, "damals haben die ja auch noch nicht sooooo viel Geld verdient!" Stimmt, der gesamte Fußball ist zu einem milliardenschweren Business geworden. Man kann Vieles an dieser Entwicklung ablehnen. Die Korruption der FIFA ist abstoßend, die Entwicklung der Gehälter der Profis im Vergleich zu denen selbst gut qualifizierter Arbeitnehmer absurd. Aber wer sich jetzt hinsetzt und sagt, dafür erwarte ich Rundumspektakel und x-fach besseren Fußball, sonst gehen meine Emotionen für Schalke, die Identifikation mit dem Verein und der gesamte Spaß am Fußball flöten, ist es selber schuld.

Auf Wiedersehen!

Wer sich nicht mehr mit Schalke identifizieren kann und es als persönliche Beleidigung empfindet, dass wir womöglich nur Euroleague spielen - auf Wiedersehen, mach’s gut. Bei Langeweile vielleicht mal ein wenig in den Vereinsannalen blättern: Gegen die wirklich schlechten Zeiten wäre eine verpasste CL eine finanziell ärgerliche Geschichte, aber kein Drama. Wer die Flinte jetzt bereits in Korn wirft und allen Recht gibt, die Schalker für heulende Uschis halten: Beschwert Euch gefälligst nicht, wenn dieser Geist auf die Mannschaft übergreift.

…allemal zielführender wäre es, unsere Elf in den restlichen acht Spielen, davon fünf auswärts, zu unterstützen. Das Restprogramm der Leverkusener und Gladbacher ist nicht einfacher; zudem ist es uns letztes Jahr auch gelungen, beide noch abzufangen, obwohl diese erheblich weniger Verletzungspech zu beklagen hatten als wir. Dann könnten wir gemeinsam allen, die es immer schon gewusst haben wollen und uns jetzt bereits genüsslich totschreiben und sich die Hände reiben, weil sich "Schalke" in Zusammenhang mit den Vokabeln "Versagen", "Krise" oder "Skandal" so gut verkauft, ins Gesicht lachen und am sinnvollen Umbau des Kaders arbeiten. Unser Grundgerüst ist bei normalem Krankenstand bei weitem nicht so schlecht, wie es im Frust über Niederlagen gemacht wird!

Es bringt nichts, wenn nach Highlights wie dem geilen 4:3 über Real Madrid im Bernabeu-Stadion auf einmal alle Schalker mit stolzgeschwellter Brust und vom Klopfen wunden Schultern rumlaufen, eine oder zwei Wochen später nach Punktverlusten gegen Hertha oder Leverkusen aber wieder alles grottenschlecht sein soll und die Träneneimer jammernd überlaufen. "In schlechten Zeiten müsst Ihr Schalker sein, in guten haben wir genug davon" hat der legendäre Charly Neumann gesagt. Dies muss umso mehr gelten, wenn die Zeiten weit davon entfernt sind, wirklich schlecht zu sein, sondern nur nicht ganz den (über)hohen Erwartungen gerecht werden!

Glückauf,

Susanne



Die Autorin:
Susanne Hein-Reipen

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Tabelle

34. Spieltag
PlatzVereinSp.ToreDiff.Pkt.
12Mainz 053446:57-1143
13Freiburg3446:61-1536
14Schalke 043437:55-1833
15Augsburg3451:71-2032
16Stuttgart3432:70-3828

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