Money, Money, Money
Das Millionenspiel Transferwahnsinn

(Symbolfoto: westline)
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Sonne. Sommer. Transferperiode. Jedes Jahr Wahnsinn in nackig. Wer hat wen wann wo gesehen. Keine Hotellobby, Autobahnraststätte, Flughafenbar und Sparkassenfiliale bleibt unbeobachtet. Ein lauwarmes Nebensätzchen, von vermeintlichen Insidern in den sozialen Medien gepostet, sorgt direkt für Spekulationslawinen. Journalisten, Möchtegernreporter und Quatschköpfe überbieten sich gegenseitig in abstrusen Voraussagen. 

Die Worthülsen „laut übereinstimmenden Medienberichten“ und „so gut wie in trockenen Tüchern“ haben Hochkonjunktur. Dabei hat in Wirklichkeit nur der eine vom anderen abgeschrieben. Und der Urheber hat es auch nur von der Friseurin des Greenkeepers.
 
Die Fans der Vereine pendeln in dieser Phase dabei emotional wie Passagiere eines defekten Pater Nosters  auf und ab. Heute ist der eigene Klub König des Transfermarktes, morgen wird der Manager schon wieder mit Mistgabeln vom Hof gejagt. Schalker kennen das sowieso. Von ekstatischem „Morientes kommt“ bis ungläubigem „Wer ist Edi Glieder?“ kann alles dabei sein.
 
Nervenaufreibend, spannend, zum Verrücktwerden.  Ärgern und Amüsieren gehen während dieser Wochen Hand in Hand mit dem Blutdruck des Fans spazieren.
 
Gar nicht amüsant sind jedoch für zahlreiche Fußballromantiker die mittlerweile irrwitzigen Ablösesummen, welche von den Transfermarktschreiern durch die Gegend gebrüllt und sogar von Vereinen bezahlt werden würden.  Zehn, zwanzig, dreißig, siebzig, einhundert Millionen. Wer bietet mehr, wer hat noch nicht. Alles muss raus. Die Grenze zur Betragsperversion scheint erreicht oder sogar schon überschritten.

Wenn's denn meinem Klub hilft...
 
Spötter behaupten dabei zwar, dass die Ablösesummen für den Fußballfan nur grotesk sind, solange der eigene Verein nicht davon kontostandstechnisch profitiert. Fans, die eine Vergangenheit des Fußballs kennen, als die gebotenen Zahlen noch greifbar für das Gehirn waren, können trotzdem nur schwer mit den Zahlen umgehen.
 
Dabei rückt immer wieder die Diskussion zum Thema Fernsehgelder in den Vordergrund. Die englische Premier League ist dabei der Bundesliga um ein paar läppische Milliardchen voraus. Die vorhanden finanziellen Mittel der englischen Vereine wirken sich dementsprechend auf den Transfermarkt aus. In Irrsinnsablösesummen. Für Spitzenspieler. Und in diesem Sog direkt auch für Durchschnittskicker, hoffnungsvolle Talente als Wette auf die Zukunft und reine Namenskäufe.

Ein Beispiel:
 
Patrick Roberts. Ein 18-jähriges Talent vom FC Fulham wechselt nach Manchester City. Wahrscheinlich vorerst ohne Perspektive auf Einsätze im Profikader. Geschätzte Ablösesumme: 15,5 Millionen Euro.
 
Gleichzeitig brüllen gerüchteweise Leute  irgendwo in Manchester „100 million for Muller, 80 million for de Bruyne!“ Die Reaktion, dass Verantwortliche und Fans derartige Zahlen nicht mit einem Lachen als Witz abtun, sondern ernsthaft diskutieren, zeigt die Dimensionen des Transfergeschäftes auf.
 
Im Zuge dessen grassiert plötzlich in Deutschland die Panik, dankend von den bekannten Boulevardmedien befeuert, dass die Premier-League-Vereine nun alle „unsere Bundesligastars wegkaufen“. Neu ist dieser Sachverhalt nur nicht. Viele große Spieler suchen und suchten die Herausforderung im Ausland.
 
Die späten 80er und 90er Jahre waren davon geprägt, dass die großen Bundesligaspieler ins Ausland, vorzugsweise Italien, wechselten.  Die Bundesliga stellte den Spielbetrieb nicht ein. Der Fußballboom hatte in dieser Zeit seinen Ursprung.
 
Zudem hat sich die Bundesliga oft genug ihre eigenen Stars gebaut und selten wurde Spieler auf Weltklasseniveau zu deutschen Vereinen transferiert. Wenn überhaupt, dann tat dies der FC Bayern.
 
Was ist jedoch bisher passiert? Welche Bundesligastars sind aktuell in die Premier-League gewechselt?
 
Schweinsteiger. Ein großer Name. Gleichzeitig ein 31-jähriger mit einer spannenden Verletzungsakte. Der wahrscheinlich am 13. Juli 2014 den Höhepunkt seiner fußballerischen Schaffenskraft dargeboten hat.
 
Firmino. Ein talentierter Spieler mit Potential. Ein prägendes Gesicht der Bundesliga? Eher nicht. 41 Millionen Euro wert? Keine weiteren Fragen.
 
Ansonsten Okazaki, Joselu, Wimmer, Wollscheid, Behrami, Prödl und Fuchs. Namen, die schon nächstes Jahr bei vielen Bundesligafans aus dem Kopf gestrichen sind. Bei allem Respekt vor diesen Spielern.

Neue Raubritter?
 
Die Angst vor den neuen Raubrittern aus dem vereinigten Königreich, die nun die Bundesliga brandschatzen und plündern, dass hier demnächst nur noch Fußball auf Oberliganiveau gespielt wird ist unbegründet.
 
Natürlich kann die Premier League Spieler mit hohen Gehältern ködern. Machen wir uns nichts vor und blenden die Romantik aus: Die Einkommenssituation ist für Fußballprofis ein wesentlicher Faktor. Warum sonst würden Fußballprofis sogar den Weg in die Sympathiewüste nach Roter Ochse Leipzig oder Hoffenheim wählen.
 
Doch spielen gleichzeitig auch weiche Faktoren eine Rolle. Grob kategorisiert in sportliche Perspektive, Erfolgsmöglichkeiten, Umfeld.  Die Premier League ist seit Jahren in den Top 4 bis 5 manifestiert. Daran wird der Geldregen aus den Sky-Wolken nichts ändern. Die internationalen Erfolge der englischen Klubs stehen ebenso im Vergleich zu den anderen großen Ligen des Kontinents in den letzten Jahren hinsichtlich der aufgewendeten Finanzmittel doch in einem starken Missverhältnis.
 
Die Topvereine der Premier League sind dementsprechend nur im Bereich des Realistischen für die absoluten Topspieler der Bundesliga. Und für die absoluten Topspieler der Bundesliga sind auch nur die Topvereine der Premier League interessant. Ein Kevin de Bruyne würde niemals einen Gedanken verschwenden zu Swansea City zu wechseln.
 
Das Wehklagen bestimmter Personen aus der Bundesliga über die große Differenz der Fernsehgeldzahlungen wirkt vor diesem Hintergrund wie das Jaulen eines eh schon dicken Hundes, der nach der fünften Trüffelleberwurst doch noch ein Eisbein in den Napf kredenzt bekommen möchte. Zumal die Bundesliga sogar von den Unsummen profitieren kann, die der englische Fußball auf den Transfermarkt spült.

Melk die Kuh!
 
Christian Heidel sollte jedenfalls mindestens gelächelt haben, als er den Überweisungseingang über rund elf Millionen von Leicester City für den 29-jährigen Shinji Okazaki gesehen hat. Melk the cow so long it is full.
 
Die Bundesligamanager dürfen nur nicht den Fehler machen, dieses Geld in Mittelklassespieler mit überzogenen Ablösesummen zu reinvestieren.  Konsequent weiter die Jugendarbeit ausbauen, Talente scouten und fördern, Strukturen  verbessern und etwas ganz Verrücktes mit den überproportionalen Mehreinnahmen machen: Fannäher und fanfreundlicher werden, z.B. Teile der Mehreinnahmen zur Subvention von Fanprojekten oder Eintrittskarten verwenden, um die Fankultur zu erhalten.
 
Sind die aktuellen Transfersummen nun aber schon in Richtung Spitze des Mount Everest unterwegs? Nein. Der Aufstieg wird noch weiter gehen. Denn es ist vorerst kein Ende in Sicht, insbesondere nicht bei den Topstars.
 
Implodiert irgendwann das ganze Fußballgeschäft in seinem Geldwahn? Nein. Fußball kann nicht ersetzt werden. Fußball ist historisch und gesellschaftlich so sehr im Leben der Menschen verankert, dass es kein Abwenden von diesem Sport geben wird. Fußball wird immer weiter gehen, solange die Gesellschaft nicht zusammenbricht. Eine Alternative ist nicht vorhanden. Welche Sportart könnte es denn in ganz Europa schaffen, jemals den Fußball zu verdrängen? Oder ihm sogar nur Marktanteile abzujagen?
 
Fußballnostalgiker  und –puristen hegen den Wunsch auf Erdung dieses Sports. Leider ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert, nicht gegeben. Das Rad dreht sich weiter. Und weiter. Vielleicht sollte einfach der fußballmoralisch größtmögliche Nutzen aus der Situation gezogen werden.
 
Dabei ist Fußball doch einfach nur das Spiel. Grüne Wiese. Pflastersteine. Hinterhof.  Gegen das Garagentor. Jacken als Pfostenersatz. Wäschestangen als Tor. Der Ball.

 


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