Protest der Fan-Initiativen
Der DFB und das Gießkannenprinzip

(Symbolfoto: dpa)
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Frankfurt – Der ewige Konflikt zwischen Fan- und Verbandsinteressen ist um ein Kapitel reicher. Mehrere bedeutende Fan-Initiativen, darunter „Pro Fans“ und „Unsere Kurve“ haben dem Deutschen Fußball-Bund vorerst den Dialog aufgekündigt. Den „Fan-Dialog“, um es genau zu sagen.

2007 nach dem ersten DFB-Fankongress in Leipzig ins Leben gerufen, soll er die Interessen beider Parteien miteinander in Einklang bringen. Das sahen viele Fangruppierungen schon lange nicht mehr als gegeben an. Man habe „keinen dauerhaften und ernsthaften Willen des DFB erkennen können, mit Fußballfans einen transparenten und zielführenden Dialog etablieren zu wollen“, heißt es in dem Mittwoch veröffentlichten Statement.

Und in der Tat: Lässt man die letzten Jahre Revue passieren, dann muss man feststellen, dass sich in der Haltung des DFB gegenüber Faninteressen nur wenig geändert hat. Tiefpunkt in der öffentlichen Debatte war sicher das denkwürdige Jahr 2012, in dem ein Platzsturm freudetrunkener Düsseldorfer und ein paar Bengalos frustrierter Herthaner ausreichten, um Fußballfans in der Öffentlichkeit auf eine Stufe mit Terroristen zu stellen. Der DFB tat damals wenig bis gar nichts, um die völlig überzogenen Vorstellungen von politischen Hardlinern und Polizeigewerkschaftlern zu entkräften. Er stellte sich nicht vor seine Fans. Warum auch? Der DFB hängt nicht besonders an Stehplätzen, legt keinen Wert auf eine mündige und kritische Fanbasis.

Wenig vom Verband

Außer der gebetsmühlenartig wiederholten Forderung, dass die „vielen vernünftigen und friedlichen Fans sich nun endlich von den Gewalttätern distanzieren müssten“, kam vom Verband wenig. Nach den 12:12-Protesten schienen alle Seiten zunächst einmal begriffen zu haben, dass man auf eine lebendige Fankultur nicht verzichten kann, wenn man das Produkt Bundesliga angemessen vermarkten möchte. Man müsse zu einem Dialog zurückfinden, da waren sich alle einig. Die Fans sollten stärker in die Gremienarbeit eingebunden werden, hieß es damals seitens des DFB und der DFL.

Im Sinne der Fans hat der DFB seitdem aber nicht agiert. Gut zu beobachten ist das an den teils drakonischen Strafen und Strafandrohungen seitens des DFB bei Fehlverhalten einzelner Fans. Da werden munter ganze Tribünen gesperrt oder Geisterspiele angedroht. Vereine werden genötigt, Gästekartenkontingente zu reduzieren. Es werden tausende bestraft, für zwei, drei oder 50 Leute, die sich daneben benommen haben. Das soll die Taten keineswegs bagatellisieren. Feuerzeuge auf Schiedsrichterassistenten zu werfen, Bengalos aufs Spielfeld oder in die Fanblöcke oder auch einen ganzen Gästeblock auseinander zu nehmen, wie es einige Dortmunder vor zwei Jahren beim Derby auf Schalke taten - das ist keine Fußballkultur. Das wird kein Fan anders sehen als die Verantwortlichen beim DFB. Und die Täter sind dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Ohne Wenn und Aber.

Doch Strafen mit dem Gießkannenprinzip zu verteilen, ist eine Politik, die Unschuldige bestraft. Ein Vorgang, den die Strafgesetzgebung nicht vorsieht, der aber in der Parallelgesetzgebung, die beim Fußball geschaffen hat, möglich ist. Fast eine komplette Saison stand Borussia Dortmund nach jedem Derby auf Bewährung. Ein betrunkener Idiot mit einem unbedacht gezündeten Bengalo hätte ausgereicht und der DFB hätte die Sperrung der Südtribüne anordnen können. 25000 Menschen wären für das Fehlverhalten eines Einzelnen bestraft worden. Weil sie sich nicht distanziert haben? Der Großteil von ihnen dürften beim Derby in der Veltins-Arena nicht einmal vor Ort gewesen sein.

Sicherheit. Prävention. Fankultur?

Genau diese Politik war nun offenbar auch einer der Gründe für den Rückzug mehrerer Fan-Organisationen. Einen Rückschluss auf die Haltung des DFB gegenüber den aktiven Fans erlaubt auch schon die Einbettung der AG Fanbelange/Fanarbeit in die Organisationsstruktur des Verbandes: Geführt wurde sie zuletzt unter dem Dach der Kommission Sicherheit, Prävention und Fußballkultur. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. „Sicherheit“ und „Prävention“ in einem Atemzug mit „Fußballkultur“. Das lässt sehr tief blicken, an welcher Stelle der DFB das Thema Fans verortet.

Ein weiterer Kritikpunkt der Fan-Organisationen ist, dass die Arbeit der AG aus der Öffentlichkeit herausgehalten werde. Dadurch werde die Chance vertan, einen Gegenpol zu der oftmals hysterischen Darstellung durch Politiker, Polizeigewerkschaftler und Medien zu bilden. Sucht man auf der DFB-Homepage nach dem entsprechenden Ressort, findet man es unter einem Unterpunkt des Ressorts „Projekte und Programme“. Der letzte Eintrag stammt vom 26. Juli, die Abstände zwischen den Einträgen variieren zwischen drei und sechs Monaten. Auf der Startseite sucht man Fanthemen vergebens.

Opium fürs Volk?

Man wird den Eindruck nicht los, dass das ganze Projekt „Fan-Dialog“ nichts weiter als Opium fürs Volk war. Ein Mittel, um die Fans zu besänftigen und ihnen das Gefühl von Partizipation zu geben. Was ist in den letzten Jahren tatsächlich herausgekommen? Nicht sehr viel. Der DFB gab im Juli 2014 eine Empfehlung an die Vereine der ersten drei Ligen heraus, nach der einheitliche Standards für die Größen der zulässigen Schwenkfahnen und anderer Fanutensilien gefordert werden. Das basierte auf einem Vorschlag der AG Fanbelange/Fanarbeit. Und war offenbar so ziemlich der einzige Vorschlag, der es überhaupt durch die bürokratischen Mühlen des DFB zu einem Entscheider geschafft hat. Eine bewusste Zurückhaltung, um die Arbeit der Fans zu untergraben? Der Verdacht scheint zumindest da zu sein, wie Tobias Westerfellhaus von „Unsere Kurve“ in der Stellungnahme der Fans sagt: “Entscheidern wird diese Expertise nur gefiltert zugänglich gemacht, nicht selten hat man den Eindruck, dies sei so gewollt.” Die Arbeit der engagierten Fans läuft letztlich ins Leere.

Gedroht haben die Fan-Organisationen schon länger mit der Beendigung des Fan-Dialogs. Was nach einem drastischen Schritt klingt, ist letztlich ein konsequentes Handeln. Denn ein Dialog sollte irgendwann auch mal zu einem Ergebnis führen. Und der DFB macht zurzeit nicht den Eindruck, als sei er an einer gemeinsam erarbeiteten Lösung interessiert.

Hardliner werden den Schritt der Organisationen vermutlich als Kampfansage auffassen. Doch haben die Gruppen ja nicht prinzipiell jede Form von Dialog aufgekündigt. Sondern die Gruppen haben lediglich beschlossen, ihre Schaffenskraft nicht mehr in den behäbigen Strukturen des DFB aufzureiben, der so wenig an ihrer Arbeit interessiert scheint. Das Ziel muss natürlich sein, irgendwann zu einer Zusammenarbeit zurückzufinden. Zu einem lösungsorientierten und echten Dialog zu kommen, mit zwei gleichberechtigten Partnern auf Augenhöhe. Hier ist jetzt der DFB am Zug.

 


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