Rückblick
Deutscher Meister Bochum - ein Triumph mit traurigem Hintergrund

Das Mannschaftsbild. (Foto: Dzubas (Archiv/Repro Henry Wahlig))

Bochum – Heute vor 80 Jahren, am 26. Juni 1938, gewann eine Bochumer Fußballmannschaft den Deutschen Meistertitel. Das Jubiläum ist jedoch kein Grund zur Freude: Für die jüdischen Fußballer von Hakoah Bochum sollte der Titelgewinn in der sogenannten „Schild“-Meisterschaft der letzte sportliche Erfolg sein. Viele von ihnen wurden Opfer des Nationalsozialismus.

In jenem Sommer 1938 verfolgten laut einem Bericht der CV-Zeitung rund 400 Zuschauer in Köln das Endspiel um den Meistertitel der deutschen „Schild“-Mannschaften. „Der Titelverteidiger Schild Stuttgart unterschätzte den Gegner und verlor 1:4“, titelte die jüdische Wochenzeitung. Hans Cohen und Leo Alexander hießen die Torschützen für Schild Bochum (eigentlich: TuS Hakoah Bochum). Der Titelgewinn wurde am Abend im Vereinsheim an der Castroper Straße gefeiert.

Doch ansonsten waren es für die jüdischen Fußballer in Bochum und in ganz Deutschland bereits schwere Zeiten. Das NS-Regime hatte sie nach der Machtübernahme 1933 aus dem regulären Sportbetrieb ausgeschlossen. Der TuS Hakoah Bochum wurde gezwungen, sich in „Schild“ umzubenennen und dem Sportbund Schild des Reichbundes jüdischer Frontsoldaten anzuschließen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Bochumer bereits ein erfolgreicher Verein. Der 1925 gegründete TuS Hakoah hatte sich zwischen 1926 und 1933 mindestens drei Meistertitel in der Liga des des Vintus (Verband jüdisch-neutraler Turn- und Sportvereine) erspielt. Schon 1926 zählte Hakoah mehr als 300 Mitglieder. „Für eine kleine jüdische Gemeinde wie Bochum war dies sehr bemerkenswert“, sagt der Sporthistoriker Henry Wahlig. 

Nach dem erzwungenen Eintritt in den Schild-Spielbetrieb blieben die Bochumer Hakoah-Fußballer, bei denen der Castrop-Rauxeler Zahnarzt Julius Goldschmidt als Sportlicher Leiter und Mäzen fungierte, sportlich erfolgreich. Der immer offener propagierte Antisemitismus wirkte sich jedoch auf die Rahmenbedingungen des Spielbetriebs aus. Ab 1936 durften die jüdischen Fußballer ihre bisherige Spielstätte an der Wasserstraße nicht mehr nutzen, auch auf allen anderen Bochumer Sportplätzen waren sie unerwünscht. Die Heimspiele von Hakoah Bochum fanden fortan auf dem Platz von Schild Gelsenkirchen statt.  

Die Schlagzeile zum Tag... (Quelle: CV-Zeitung)

Letztlich sollte der größte sportliche Erfolg der Bochumer, der Gewinn der Deutschen Meisterschaft der Schild-Fußballer heute vor 80 Jahren, auch ihr letzter sein. Nur noch zwei Spiele trug Hakoah danach aus. Mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938, in der auch die Bochumer Synagogevollständig zerstört wurde, begann die systematische Verfolgung der Juden in Deutschland. Schild/Hakoah Bochum musste sich, ebenso wie alle anderen jüdischen Sportvereine, auflösen. Mindestens sechs Mitglieder der Meistermannschaft von 1938 kamen in Konzentrationslagern zu Tode, andere emigrierten ins Ausland. Zu den Überlebenden zählte Kapitän Erich Gottschalk, der allerdings seine gesamte Familie in Auschwitz verlor.

Durch ihn ergibt sich auch eine Verbindung zum VfL Bochum, der in seiner heutigen Form 1938 auf Initiative des NSDAP-Oberbürgermeisters Otto Piclum als Fusion von drei Vereinen entstand. In einem davon, dem TuS Bochum, hatte Gottschalk als Jugendlicher gespielt. 2013 sorgten der VfL und die Erich-Kästner-Gesamtschule als Paten dafür, dass in der Bochumer Innenstadt an den Meister-Kapitän und dessen Familie erinnert wird: Vor dem ehemaligen Wohnhaus der Gottschalks in der Luisenstraße wurden fünf „Stolpersteine“ verlegt. „Wir alle müssen wissen, dass der VfL als NS-Gründung eine besondere Verantwortung hat, seine eigene Vergangenheit zu kennen und daraus die richtigen Schlüsse für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen“, schrieb Henry Wahlig unlängst im Vorwort der Broschüre „1938 – nur damit es jeder weiß“ des Fanprojekts Bochum, in der auch die Geschichte von Hakoah Bochum thematisiert wird.

Den Recherchen des Historikers Wahlig, selbst ehemaliger Mitarbeiter des VfL und heute Leiter des Kultur- und Veranstaltungsprogramms im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, ist es wesentlich zu verdanken, dass die lange vergessene Geschichte der Fußballer von Hakoah Bochum in den vergangenen Jahren bekannter geworden ist. 

Und auch das Projekt zur Aufarbeitung der Rolle des VfL Bochum in der NS-Zeit, das der Verein 2013 mit Wahlig und Historikern der Ruhr Universität Bochum vorgestellt hatte, macht offenbar Fortschritte. Am Dienstag, 6. November, um 18.48 Uhr sollen im Zentrum für Stadtgeschichte an der Wittener Straße neue Recherche-Ergebnisse vorgestellt werden. Auch an dieser Veranstaltung ist das Fanprojekt Bochum beteiligt.

Ein älteres Hakoah-Mannschaftsbild aus der Gründungsphase um etwa 1926. (Foto: Jüdisches Museum Westfalen, Dorsten)