Open-Air-Auftakt in Essen
Die Toten Hosen live – immer noch cooler Punk?

(Foto: Hein-Reipen)
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Essen – Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Wenn das Gespräch auf die Toten Hosen kommt, scheiden sich die Geister. „Find‘ ich geil!“ schreien die einen, „abgehalfterte, peinliche Gutmenschen!“ die anderen. Susanne Hein-Reipen wagt 29 Jahre nach ihrem ersten Hosen-Konzert beim Auftakt der Open-Air-Konzerte der „Laune der Natour“ im Essener Stadion den Selbstversuch…

Erstes Problem: Stadion an der Hafenstraße in Essen, da fühle ich mich als Schalkerin doch direkt herzlich willkommen geheißen, wenn ich die rot-weißen Aufkleber sehe, die zum „Schalker umboxen“ auffordern oder direkt UGE-Männchen Hans die Pistole in den Hals stecken. Was für ein Glück, dass diese... ähm... Vögel in der fußballerischen Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. Doch es gibt auch Lichtblicke, sprich andere Schalker. Wir sind uns einig: Rot-Weiß Essen, fi**** und vergessen.
 
War früher alles besser?
 
Zweite Frage: Wie wird sich dieses Konzert anfühlen? Ich habe die Hosen fast auf den Tag genau vor 29 Jahren auf der Horrorschau-Tour das erste Mal „live in concert“ gesehen, ein bis heute unvergessenes Erlebnis. 18 Jahre alt, Führerschein fast druckfrisch in der Tasche, damaligen Freund in meinen Käfer gepackt und auf die gefühlte Weltreise zur Westfalenhalle begeben. Da tatsächlich in die erste Reihe gekämpft, einem Grabscher, der das Gedränge nutzen wollte, mir von hinten den BH auszuziehen, eine blutige Nase verpasst – und schnell festgestellt, dass die erste Reihe bei einem Punk-Konzert nur bedingt empfehlenswert ist, wenn man weder Pogo tanzen noch stagediven möchte. Nach einer knappen halben Stunde mit Karacho den Springerstiefel eines „Divers“ an die Schläfe bekommen und im Sanitätsraum von einem sehr freundlichen und sehr dicken Sani wieder aufgepäppelt worden. Den Rest des Konzerts habe ich dann etwas abseits der tobenden Meute verfolgt…
 
Diesem ersten Konzert folgten etliche weitere, manche in kleinem Rahmen wie auf dem Airport in Weeze oder der Krefelder Glockenspitzhalle, andere auf den ganz großen Bühnen wie als Headliner bei Rock am Ring oder dem 1.000 Konzert im Düsseldorfer Rheinstadion. Das letzte liegt allerdings schon einige Jahre zurück, weil ich mit den neueren Stücken der Hosen nie so richtig warmgeworden bin und mich aufgrund dieser mangelnden Begeisterung nicht rechtzeitig um Karten bemüht habe. 
Vom Punk zum Mainstream?
 
Zwischenzeitlich habe ich das eine oder andere Mal den Kopf geschüttelt, wenn sich Campino – den ich vor 29 Jahren genau wegen seines rotzigen, unangepassten Auftretens cool fand – in Schlips und Kragen bei allen möglichen Gelegenheiten klug zu allen möglichen Themen geäußert hat. Ist das Punk? Nö. Andererseits: 55jährige Multimillionäre, die sich 1:1 aufführen wie 25jährige Punks kämen auch ziemlich lächerlich rüber… Mag sein, dass der 25jährige Campino es auf der Echo-Bühne nicht bei ein paar Spitzen gegen Hass-Rapper belassen, sondern ihnen eins aufs Maul gehauen hätte. Doch erstens ist das auch keine besonders elegante Lösung und zweitens hat Campino mit seinem Einwurf immerhin im Vergleich zu vielen glattgespülten Fuzzys, die peinlich darauf achten, bloß keine Ecken und Kanten und eigene Meinung zu zeigen, um keine zahlenden Käufer zu verprellen, wenigstens die Zähne auseinander bekommen.
 
Über all diesen Überlegungen ist es 20.45 Uhrgeworden und die Hosen kommen – früher undenkbar – auf die Minute pünktlich auf die High-Tech-Bühne und jagen das Titellied „Laune der Natur“ raus. Anschließend begrüßt Campino breit grinsend das Publikum: „Was kann es Schöneres für einen Fan von FortunaDüsseldorf geben als einen siegreichen Tourstart in Essen?! – Auswärtsspiiiiiiiiiel!“
 
Immer kräftig druff auf RWE…
 
Überhaupt: RWE muss richtig leiden an diesem Abend, eine kleine Gemeinheit jagt die nächste. Nach „Weil du nur einmal lebst“ und „Niemals einer Meinung“ gibt es direkt die nächste Anekdote. Vor Jahren absolvierte Fortuna die letzte Drittligabegegnung vor dem Aufstieg an der Hafenstraße – und tausende RWEler intonierten „Scheiß Tote Hoooosen“. „Ein glorreicher Moment unserer Bandgeschichte!“ Es folgt das „Liebeslied“ extra für die RWE-Fans; im Scheinwerferlicht ist gut zu erkennen, wie kurz vor der Bühne wieder der Pogo-Mob tobt. Ich bin herzlich froh, nicht darin zu stecken – aber das kann ich schlecht den Hosen anlasten, das ist meine persönliche Altersweisheit. Das nächste Lied ist „Bonnie und Clyde“, das für meinen Mann und mich eine ganz spezielle Bedeutung hat. Fühlt sich doch wieder an wie mit 18…
 
Danach folgen zwei, drei neuere Stücke, zu denen mir Text und Emotionen fehlen. Allerdings: Campinos Posen sind immer noch dieselben wie vor 30 Jahren, ein Bein auf die Box und dann das Mikro umklammern. Nur die früher legendären Spagatsprünge am Mikrofonständer fallen aus wegen is‘ nicht. Finde ich jetzt aber auch nicht dramatisch, bräuchten doch viele Altersgenossen wahrscheinlich alleine beim Gedanken, ein zweieinhalbstündiges Konzert zu bestreiten, schon ein Sauerstoffzelt.
 
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