ZIS-Jahresbericht 2018
Fußballfans und Gewalt: Fakten und Fake-News

(Foto: Hein-Reipen)
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Sind deutsche Fußballstadien gesetzlose Tummelstätten für gewalttätige Irre - oder lenkt ein künstlich herbeigeredetes und überhöhtes Gewaltproblem von drängenderen Problemen ab, um ggf. stärkere staatliche Repressionen durchzusetzen? Susanne Hein-Reipen macht mit dem „Jahresbericht Fußball“ der ZIS den Faktencheck.

Wenn in Fußballstadien Fans und Polizisten aneinandergeraten, gibt es immer die gleichen Reaktionen: Die Verantwortlichen der beteiligten Vereine verurteilen das Geschehen und distanzieren sich von den „Chaoten“ unter ihren Fans. Die Polizei zählt groß und medienwirksam die Verletzten auf, verschweigt aber die von ihr selber Lädierten. Fanhilfen und Fanverbände halten die Fans für reinste Unschuldsengel und werfen einseitig der Polizei übertriebene Härte vor – und von Medien und Öffentlichkeit wird laut nach noch drastischerem Vorgehen und härteren Strafen gerufen. 

Abschaffung der Stehplätze oder lieber gleich Wasserwerfer?

Dieser Schablone folgen auch die Äußerungen nach den Ausschreitungen beim Spiel des BVB gegen Hertha BSC (2:2). Pyrotechnik sei verboten und man werde alles daransetzen, die Störer zu identifizieren, ließ Hertha verlauten und erließ ein komplettes Verbot für TiFo-Material. Die Polizei meint, die Sicherstellung der Fahne sei „Pflicht“ gewesen, da diese „zur Verdeckung bzw. Vorbereitung von Straftaten gedient habe“. Das Einschreiten sei „das einzig Richtige“ gewesen, auch, um Signale zu setzen, dass auch im Stadion die Regeln des Rechtsstaats gelten. 

Beide Fanhilfen erklärten hingegen in einer gemeinsamen Stellungnahme,  die Polizei habe „einige Fackeln und Rauchtöpfe zum Anlass genommen, sinnloserweise den Gästeblock zu betreten und durch eine Beschlagnahmung von Zaunfahnen, dem Wichtigstem jedes Fanclubs, eine Gewalteskalation herbeizuführen.“ 

Der mediale Aufschrei ist groß; einzelne Kommentatoren fordern die Abschaffung von Stehplätzen, personalisierte Tickets oder gar den Einsatz von Wasserwerfern (!) gegen Bengalos. Immer härter, immer drauf auf die „gewalttätigen Chaoten“ oder „sogenannten Fußballfans“? 

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Sicherer als zuvor

Vorweg: Unabhängig davon, welche Seite wie viel zu der hässlichen Eskalation in Dortmund beigetragen hat (ausgewogene Aufbereitung hier), ist JEDER in einem Fußballstadion zu Schaden Gekommene einer zu viel.  Fußball soll die schönste Nebensache der Welt sein.

Dennoch ist festzuhalten, dass das Bild von Fußballfans in den Medien vollkommenverzerrt und unrealistisch ist. Nicht nur, dass die überwältigende Mehrheit der Millionen Fußballfans in Deutschland vollkommen friedlich ist, der „Jahresbericht Fußball 2017/2018“ der polizeilichen „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ belegt es schwarz auf weiß: Deutsche Stadien sind auch in der vergangenen Saison wieder sicherer geworden. Die Zahl der Verletzten ist leicht, die der eingeleiteten Strafverfahren sogar deutlich gesunken. Auch die Zahlen der mutmaßlich gewaltbereiten Fans, der sichergestellten illegalen Gegenstände, der verhängten bundesweiten Stadionverbote und der polizeilichen Einsatzstunden sind rückläufig.

Mehr Verletzte durch Pfefferspray als durch Pyrotechnik

Was in der normalen Berichterstattung über die Verletztenzahlen gerne untergeht, ist auf Seite 15 des Jahresberichts nachzulesen: Es werden deutlich mehr Polizisten und Fans durch „polizeilichen Reizstoff“ als durch Pyrotechnik verletzt - und das obwohl Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz zunehmend geahndet werden…

Insgesamt kamen bei 2.757 Fußballspielen von Bundesliga bis Regionalligen mit gut 21 Millionen Zuschauern 1.213 Personen körperlich zu Schaden, d. h. einer von über 17.000 Besuchern. Und: Statistisch gesehen werden bei jedem Spiel 3,7 Fans zumindest vorübergehend festgesetzt und 2,5 Strafverfahren eingeleitet. Das Oktoberfest hat eine deutlich schlechtere Bilanz…

Problem Ultras?

Dennoch: Als besonders problematische Gruppierung macht der Bericht die Ultra-Bewegung aus, die „zunehmend organisiert“ sei und die Gruppendynamik für gesteuertes Einschmuggeln und Abbrennen von Pyrotechnik und das Erschweren polizeilicher Zugriffe nutze. Und sie betrieben „zielgerichtete Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere nach aus ihrer Sicht überzogenen Maßnahmen der Sicherheitsbehörden und Ordnerdienste, teilweise auch unter Begleitung sogenannter Szeneanwälte“.

Nun sind diese Beobachtungen sicher nicht falsch, indes: Freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit gelten auch für Ultras, zumal die Berichterstattung über sie in Presse und Polizeiberichten selten fair oder sachlich ist. Und in einem Rechtsstaat dürfen staatliche Maßnahmen hinterfragt, kritisiert und gerichtlich überprüft werden, insbesondere, wenn beide Seiten – Ultras und Polizei – sich immer weiter gegenseitig hochschaukeln und zu der Eskalation beigetragen. 

Ultras gegen Polizei, Polizei gegen Ultras

Pyrotechnik und ACAB-Parolen auf der einen, unverhältnismäßige Machtdemonstrationen und Repressalien auf der anderen Seite: Die Ultras wollen auf Teufel komm raus beweisen, dass sie sich von den verhassten Vertretern der Staatsmacht nichts sagen lassen, die Polizei reagiert ebenso unbesonnen mit Einschreiten um des Einschreitens willen, um zu demonstrieren, dass alleine sie das Sagen hat - als ob der Rechtsstaat in Deutschland in erster Linie gegen eine Handvoll zündelnder Fußballfans verteidigt werden müsste. So kann man auch von den tatsächlichen Problemen ablenken und immer härteren Sanktionen wie dem neuen Polizeigesetz den Weg bereiten, statt auf gesunden Menschenverstand und Deeskalation zu setzen. Auch der Einsatzleiter in Dortmund hat in der Pressekonferenz ausgesagt, ihm sei bewusst gewesen, dass die „Hauptstadtmafia“-Ultras das Entfernen ihres Banners nicht ohne massive Gegenwehr hinnehmen würden. Eskalation mit Ansage.

Egal, sagen die Hardliner, nur aus Angst vor der Reaktion darf die Polizei keine rechtsfreien Räume zulassen. Nicht egal, sagt die Gegenseite, denn die Polizei muss bei Einsätzen im Rahmen der Verhältnismäßigkeit mögliche Nutzen und Folgen abwägen. Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum, aber auch kein „Testfeld für Law and Order“, wie es die Kölner Südkurve beim DFB-Pokalspiel gegen Schalke formulierte. Objektiv betrachtet gibt es in Deutschland erheblich schwerere Kriminalität, die verfolgenswerter wäre als zündelnde Jugendliche.

Der Klügere sollte nachgeben

Die Geschichte ist voll von Konflikten und Kriegen, bei denen keiner der Beteiligten nachgeben oder „das Gesicht verlieren“ wollte. Auch im Konflikt der Fanszenen mit der Polizei spielt auf beiden Seiten sehr viel Imponiergehabe mit. Dieser Konflikt wird ewig so weitergehen und eine Menge Ressourcen und Nerven kosten und Unbeteiligte mit hereinziehen, wenn nicht eine Seite den ersten Schritt zur „Abrüstung“ macht. 

Und an dieser Stelle wäre die Polizei, auch wenn sie formal das Recht zum Einschreiten hat, äußerst gut beraten, wenn sie praktische Vernunft beweisen und zeigen würde, dass es ihr um die Sache – möglichst sichere Fußballspiele – geht. Der Klügere gibt nach ist jedenfalls dann ein guter Ansatz, wenn absehbar durch eine Polizeiaktion mehr Leute zu Schaden kommen als durch die durch sie verhinderten „Straftaten“. Manchmal ist weniger einfach mehr. 

Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen zudem, dass Pyrotechnik faktisch trotz aller Kontrollen und Strafen nicht vollständig aus den Stadien herauszubekommen ist. Diese Tatsache endlich anzuerkennen und statt größtmöglicher Härte und noch einer Dosis Pfefferspray extra auf intelligentere Lösungen, Dialog gar, zu setzen, wäre für alle Seiten ein viel wertvollerer Schritt. Statt maximaler Konfrontation und Säbelrasseln auf beiden Seiten ein bisschen mehr Toleranz hier, ein bisschen weniger Provokation da, das Ausloten legaler Möglichkeiten wie die Dänemark entwickelte „kalte Pyrotechnik“ undundund. 

An dieser Stelle erwarte ich von der Polizei einfach mehr Größe und Vernunft als von schreienden Halbstarken…  

 


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