Fußball pur
We love Kreisliga!

Fußball pur. (Symbolfoto: Schulte (westline))
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Ganz Fußballdeutschland ist jetzt schon heiß auf den Saisonstart. Jau, Bundesliga und so. Dabei geht es auch bald da wieder los, wo der Fußball noch wilde Luft atmet. Rau wie die Haut eines Dauersonnenbänklers, aber trotzdem das letzte Einhorn des puren Fußballs. Unsere Kreisliga.

Ah, die Kreisliga. Wo nicht Hugo, Aperol oder Champagner zum guten Ton gehört, sondern die Pulle Bier. Auch lauwarm. Neben und sogar auf dem Feld.
 
Wo nicht die Champions-League-Melodie zu hören ist, sondern gerne mal Mickie Krause die "zehn nackten Frisösen" aus den altertümlichen Pioneerboxen des Platzsprechers fordert.
 
Wo der Meckerkopp noch Meckerkopp sein darf, fern jeder empathischen und psychologischen Korrektheit gegenüber eigenen und fremden Spielern. Zuhause hat man ja schon nix zu sagen.
 
Wo Rentner am Lattenzaun ihre eigene private Waldorf- und Statler-Inszenierung zur Kreisligen-Muppet-Show geben. Selbst bei strahlendem Sonnenschein mit Regenschirm am Platz. Denn damit drohend zu winken, beeindruckt bestimmt den Schiri oder den Gegner. Bei diesen Zuschauern  entstehen Dialoge,  die mehr absurdes Theater offenbaren als die Wartezeit auf Godot je dauern wird.
 
Wie die Spielanalyse zweier angegrauter Motzkis an der Seitenlinie, Typ frühpensionierte Steiger. In ihrem Kreisklassen-Klub kickt der Spross eines legendären Profifußballers. Das geht so:
 
"Hömma, vom Vatta hatta aber auch nix mitgekriecht!"
"Nä, dat Fußballspielen hatta wohl vonna Mutta geerbt!"
"Aber Hauptsache bunte Schuhe an!"
"Ich sach dich dat, Didda. Geh mich wech, früher ham wa barfuß gegen ne Schweineblase getreten."
"Mönsch, bewech dich du Schnörkelhannes!"
 
Das darauffolgende Solo des Kritikzentrums an vier Gegenspielern vorbei und der trockene Abschluss aus 20 Metern in den Giebel sorgte nur für kurze Schockstarre.
 
"Hab ich doch schon immer gesacht, dat dat nen Talent is!"
"Jaja, du hast halt dat Auge für Diamanten. Aber die Schuhe sind trotzdem schäbich!"
 
Kreisliga.
 
Wo ein Konzepttrainer schon da anfängt, wenn die taktische Marschroute wahlweise aus "Klare Dinger spielen!", "Hoch und weit gibt Sicherheit!", "Raaaaaaaaaaaauuus" nach einer gegnerischen Ecke oder "Dem Zehner gehste bis auf Klo hinterher" besteht.
 
Und der Satz "Schiri, wir wechseln!" gerne auch schon in der 5. Minute kommt, weil der Mittelstürmer sich auf dem Platz den vorabendlichen Kneipenbesuch durch den Kopf gehen lassen muss.
 
Wo  verschiedene Spielertypen ihr Unwesen treiben, die es nur noch dort gibt.
 
Wie der "Star". Lange Jahre in der Verbandsliga gespielt, lässt aber nun im höheren Alter, noch höherem Body-Mass-Index und ramponierten Knochen seine Karriere als Spielmacher beim Kreisliga-Klub seines Wohnortes ausklingen. Gelockt von einer Handvoll Euros des  Vereinsgönners. In der Regel ein lokaler Gebrauchtwagenhändler, Metzger oder Versicherungsverbrech…ähem..treter.

Der "Star" fällt vornehmlich jedoch damit auf, mit leichter Arroganz laut schnaufend am und um den Mittelkreis eine Form des Nordic Walkings in Zeitlupe auszuüben und die Mitspieler  anzupampen, warum die "Dinger nicht in den Fuß kommen". Hin und wieder zaubert er dennoch ein technisches Kabinettstückchen auf das Ascheparkett. Woraufhin die Rentner draußen vor dem Bratwurststand wohlwollend nicken und raunen: "Dat kanna ja!" Aber im Endeffekt lebt er von seinem "Der hat ma höha gespielt"-Ruf, ohne der Mannschaft zu helfen oder zu schaden. Gut, Schalker denken jetzt bestimmt direkt an Boateng.
 
Oder das Trainings-Monster von Loch Ness: Ein Spieler, den nie jemand unter der Woche auf der Platzanlage gesehen hat. Er kann ja nun mal nichts für seine weitläufige Verwandtschaft. Mit den zehn Omas, acht Großtanten und weiteren Familienmitgliedern, die permanent Geburtstag genau an Trainingstagen haben. Vom Pech gebeutelt ist dieser Typ zusätzlich von der Kurzlebigkeit seiner Wellensittiche.
 
Oder Doktor Tut-Ench-Amun, der sich vor dem Spiel taped, bandagiert, pflastert und mullbindet. Mit Latschenkiefer, Finalgon und Pferdesalbe einreibt, dass es den Mitspielern in der Kabine die Tränen in die Augen treibt. Sein Aufwärmprogramm mindestens dreißig Minuten durchzieht. Und trotzdem in der vierzehnten Minute eine Leistenzerrung signalisiert. Die dann vom bierbauchigen Mannschaftsbetreuer mit einer Überdosis Eisspray behandelt wird.
 
Der kauzige und wortkarge Platzwart, oft der Einfachheit halber mit Namen der Sorte "Manni", "Heini" oder "Siggi" gerufen. Obwohl kein Schwein weiß, ob er wirklich so heißt.  Der in buddhistischer Ruhe den Ascheplatz abzieht. Akribisch, als würde er hier persönlich das  Deckengemälde des Petersdoms in den roten Boden malen. Sein mysteriöser Arbeitsraum. Manchmal sogar in Zimmer-Union zugleich Schlafstätte. Mit diesem Luftaroma aus Ernte 23, Kreide und verschüttetem Jack-Daniels-Imitat aus dem lokalen Discounter.
 
Kreisliga. So viele Typen, Koryphäen und Legenden.
 
Aber egal. In, um oder wegen der Kreisliga sind alle gleich. Egal wer, wie, was, warum, woher. Egal, ob der schon Gelb hat. Und alle müssen morgen ja wieder arbeiten.
 
Integration auf dem Feld bis sogar auf dem Platzgrill, wo Bratwurst, Sucuk und Cevapcici harmonisch nebeneinander liegen und ihren Duft über die Sportanlagen des Reviers verströmen.
 
Kreisliga, lass dir deinen Ruf auch nicht von den Intellektmagersüchtigen kaputt machen, bei denen das Gehirn scheinbar jede konsumierte Form von Wissen direkt wieder auskotzt. Auf dass ewige Nacht  im Dachboden herrscht. Deren "Karate Tiger 1 bis 3"-Ambitionen sollen sie lieber an der heimischen Wohnzimmerwand auslassen. Sieh zu, dass du diese Schiedsrichterschläger und Gegenspieler-Kopfnussgeber konsequent aus deiner grau-glamorösen Welt rauswirfst.
 
Bald geht es wieder los. Wir begrüßen den Gegner und Schiedsrichter mit einem kräftigen Ball…wat muss ich sagen? Hoi? Heu!

 


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