Formel 1
Michael Schumacher - Erinnerungen an einen Fahrer

Michael Schumacher verlässt die Rennstrecke von Sao Paulo. Foto: David Ebener

Die Ära Michael Schumacher ist nun endgültig beendet. Das Rennen in Sao Paulo war der letzte Auftritt des Rekord-Weltmeisters in einem Formel1-Cockpit. Rennsportfan Florian Dellbrügge schaut zurück und schreibt über seine ganz eigene Geschichte mit Schumacher.

Es waren die frühen Morgenstunden im November 1994. Mein Vater weckte mich mit zwei Gläsern Sekt (in meinem Glas könnte auch Ginger Ale gewesen sein) in der Hand, um mir mitzuteilen, dass Michael Schumacher gerade im australischen Adelaide der erste deutsche Formel-1-Weltmeister geworden war.

Schon in den Monaten und Jahren zuvor hatte ich das eine oder andere Formel-1-Rennen gesehen und auch der Name Schumacher war mir damals - fünfjährig - schon ein Begriff. Was genau dieser Mann da gerade geschafft hatte, war mir natürlich nicht bewusst. Es sollte aber der Anfang einer Leidenschaft sein, die ich sonst so nur aus dem Fußball mit meiner Borussia kenne.

Damals in Spa...

Eine der nächsten Erinnerungen an diesen Mann verbinde ich mit dem Wochenende des 26. und 27. August 1995. An diesem Wochenende stand der Weltmeisterschaftslauf im belgischen Spa-Francorchamps an. Am Samstag, der Qualifikation für das Rennen, hatte Schumacher keine ordentliche Rundenzeit hinlegen können und startete lediglich vom 16. Startplatz ins Rennen. Dieses Rennen gewann er jedoch sensationell unter äußerst widrigen Wetterumständen.

Am Ende des Jahres konnte er drei Rennen vor Schluss in Aida beim Pazifik Grand Prix seinen WM-Titel verteidigen. Schon im Laufe des Jahres waren Gerüchte aufgekommen, dass Schumacher seinen Benetton-Rennstall in Richtung Ferrari verlassen könnte - und so kam es auch.

Die Verbindung Schumacher/Ferrari faszinierte mich mehr und mehr. Siege wie der am 2. Juni 1996 beim Spanien GP, eingefahren bei strömenden Regen, oder der taktisch wie fahrerisch überragende Sieg in Ungarn 1998 begeisterten.

Begrenzt kluge Aktionen

Weniger begeistert war ich auch damals schon von einigen begrenzt klugen Aktionen Schumachers. Die Fahrerweltmeisterschaft verpasste er 1997 wegen einer unnötigen Aktion gegen Jaques Villeneuve in Jerez. Der Kanadier steuerte seinen Williams gerade an Schumacher vorbei, als dieser ihm die Tür zuschlug und seinen Seitenkasten rammte. Durch diese Aktion schied Schumacher aus dem Rennen aus, während Villeneuve ungefährdet seinem ersten und einzigen WM-Titel entgegenfuhr.

Genauso ärgerlich, wenn auch unverschuldet, lief das WM-Finale 1998 im japanischen Suzuka. Nach einem Reifen-Platzer am Anfang der Runde war jede WM-Chance dahin. Mika Häkkinen für McLaren Mercedes holte wie auch im Jahr darauf den Weltmeisterpokal. Ich, zu dem Zeitpunkt neun Jahre alt, war nicht sehr erfreut über die Ereignisse...

Beinverletzung 1999

Die schwere Beinverletzung nach dem Crash in Silverstone (England) nahm Schumacher frühzeitig jede Chance auf eine vordere Position in der Fahrerwertung 1999. Für mich hieß die verletzungsbedingte Pause meines Idols damals, zum ersten Mal eine Formel 1 zu verfolgen, in der ich keinen klaren Liebling hatte.

Im Jahr 2000 gelang dann der große Wurf. Nachdem die WM nach dem Rennen in Belgien (und einem der spektakulärsten Überholmanöver der Formel-1-Geschichte) recht deutlich in Richtung Häkkinens zu laufen schien, gewann Schumacher die Rennen in Italien, in den USA und in Japan. Er wurde nach 1994 und 1995 zum dritten Mal Weltmeister.. Er war damit der erste Weltmeister auf Ferrari seit Jody Scheckter 1979. Für mich war das Grund genug, meine Mutter nach dem entscheidenden Sieg in Japan aus dem Bett zu werfen und mich - bewaffnet mit Ferrari-Flagge und Schumacher-Kappe - durch die Gegend zu fahren.

Dieser WM-Titel war der Anfang einer Dominanz, die die Formel-1-Welt in dem Maße vorher noch nicht gesehen hatte. Schumacher holte die WM in den Jahren 2000 bis 2004 fünfmal in Folge und ist mit insgesamt sieben gewonnen Weltmeisterschaften der erfolgreichste Pilot aller Zeiten.

Die letzten beiden Jahre seiner "ersten Karriere" verliefen weniger erfreulich. Schumacher, Ferrari und auch ich im Teenager-Alter mussten erst einmal wieder lernen zu verlieren. 2005 war das Auto nicht gut genug, konnte mit den Renaults und McLarens nicht mithalten. 2006 verhinderte ausgerechnet ein Motorschaden - Ferrari war mit Schumacher für technische Konstanz bekannt geworden - den achten Weltmeistertitel.

Abschied von der Formel 1

Nach dem Rennen im brasilianischen Interlagos war die Karriere vorbei. Für mich bedeutete das erst einmal einen Abschied von der Formel 1. Ich konnte mir die Rennserie ohne mein großes Idol nicht vorstellen. Ganz weg von der Formel 1 kam ich aber nicht. Mehr als zehn Jahre waren ja nicht spurlos an mir vorbeigegangen.

Mit der Zeit lernte ich die Formel 1 ganz neu kennen und begeisterte mich mehr und mehr für den Rennsport an sich. Fahrern wie Jenson Button, Fernando Alonso, Kimi Räikkönen oder natürlich auch Sebastian Vettel sah und sehe ich auch aktuell sehr gerne bei ihrer Arbeit zu.

Als Felipe Massa 2009 in Ungarn schwer verunglückte und den Rest der Saison auszufallen drohte, wurden die Gerüchte lauter, dass Michael Schumacher ihn vertreten könnte. Als ich die Nachricht erstmals las, machte sich ein Gefühl der Vorfreude in mir breit. Und tatsächlich wurde Schumacher als Vertretung bekannt gegeben! Ich malte mir schon aus, wie der große Champion auf die Siegerpodeste dieser Welt zurückkehrt

Jäh wurde ich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Aufgrund einer schweren Nackenverletzung, zugezogen bei einem Motorrad-Unfall, konnte Schumacher das Comeback - vorerst - nicht realisieren.

Zum Ende des Jahres machte sich aber wieder Hoffnung breit, Mercedes kaufte das Team Brawn GP um Schumachers ehemaligen Taktikguru Ross Brawn. Brawn sollte Chef des Teams bleiben und holte neben Nico Rosberg tatsächlich Michael Schumacher für drei weitere Jahre in die Formel zurück.

Zu ambitionierte Ziele

Der Anspruch des Teams war es, als Weltmeisterteam von 2009 auch unter neuem Namen um die Weltmeisterschaft mitzufahren. Wie im Rückblick klar wird, waren diese Ziele viel zu ambitioniert und Mercedes verkam in den letzten drei Jahren zum Mittelklasse-Team.

Ich genoss dennoch jedes einzelne Rennwochenende in den letzten drei Jahren und nehme die Highlights wie die starken Rennen in Kanada 2011 oder die Pole Position in Monaco und den dritten Platz in Valencia in diesem Jahr mit in meine Erinnerungen an Michael Schumacher auf.

Am Ende der Karriere stehen dann 308 Rennen in Schumachers Agenda. Dabei fuhr er 5111 Runden (oder anders gesagt 24.109,8 Kilometer) an der Spitze des Feldes. Er stand 155-mal bei Siegerehrungen auf dem Podium, 91-mal davon als Sieger. 68-mal fuhr er seinen Boliden auf die Pole Position und fuhr 77-mal die schnellste Rennrunde.

Was bleibt am Ende mehr zu sagen? Danke für 21 schöne Jahre in der Formel 1, danke für viele tolle Momente, danke Schumi!